19.9.13

Das Recht an der Kritik

Für die Kanzlerin ist das Internet "Neuland", für die meisten von uns nicht, und das beschreibt den unschönen Status Quo, dass die Politik der Entwicklung der Kommunikationskanäle um etliche Jahre hinterherhinkt. Zwar betonen Politiker immer wieder gern, dass das Internet "kein rechtsfreier Raum" sein dürfe (hat eigentlich irgendwer irgendwann diesen berühmten rechtsfreien Raum je gefordert?), sie verschweigen aber gern, dass sie an zahlreichen rechtlichen Unklarheiten selbst zumindest mitschuldig sind: zahlreiche Gesetze sind noch nicht angepasst worden, so dass auch die durch das Internet neu geschaffenen Gegebenheiten berücksichtigt werden. Insbesondere beim vom Axel Springer Verlag durchgepaukten Leistungsschutzrecht hat die Politik keine gute Figur gemacht: hier wirft ein Gesetz mehr Fragen auf, als es vorher überhaupt gegeben hat.
Und eine wichtige Frage beantwortet das Leistungsschutzrecht eben nicht, nämlich die zur Zweitverwertung von Rezensionen durch die rezensierten Künstler. Zeitungsredaktionen schicken ihre Kritiker in Konzerte, Theaterpremieren, zu Lesungen usw. Die Kritiker zahlen keinen Eintritt, sie schreiben dafür einen Artikel über die Veranstaltung. Positive Kritiken hängen sich die Theater gern in die Schaukästen, und dagegen hat meines Wissens nie eine Zeitung protestiert: War ja auch eine Win-Win-Situation: die Künstler lieferten den Anlass, über den eine Zeitung etwas schreiben konnte, was ihre Leser interessiert. Alle glücklich.
An eine Zweitverwertung einer Tageszeitung dachte kein Mensch, doch dann kam das Internet. Theater und Künstler verlegten ihre "Schaukästen" ins Netz und schufen Homepages, auf denen sie - wie gewohnt - ihre positiven Kritiken zitierten oder komplett veröffentlichten. Ein entsprechendes Unrechtsbewusstsein hatten sie dabei nicht, sie waren ja gewohnt, so zu verfahren.
Dieses "Gentleman's Agreement" zwischen Veranstaltern, Künstlern, Verlagen und Rezensenten wird seit ca. zwei Jahren vermehrt gebrochen. Verlage und Rezensenten ließen via Anwalt Theater und Künstler, die auf ihren Homepages Kritiken ohne Einholen der Nutzungsrechte veröffentlicht hatten, abmahnen, zum Teil wurden absurd hohe Summen als Streitwert angeboten. 20.000 Euro für die Zweitverwertung einer 120-Zeilen-Rezension, die für ein Zeilenhonorar von 60 Cent geschrieben worden war? Es scheint da eine Grauzone zu geben, in der Gier und Realitätsverlust partnerschaftlich agieren.
Ich bin selbst Autor, ich lebe von dem, was ich schreibe, und ich reagiere empfindlich bis ungehalten darauf, wenn jemand meine Texte benutzt, ohne mich gefragt zu haben. Auch wenn es unwissentlich geschehen ist. Hier ist den Herrschaften aber jegliche Verhältnismäßigkeit verloren gegangen: der Nutzungswert einer Theater- bzw. Konzertkritik, die bereits in einer Tageszeitung veröffentlicht wurde, bemisst sich eher in Cent als in Euro. Wen interessiert die Tageszeitung von gestern, bzw. die Zeitung von vorigem Jahr? Wieviel Geld würde ein Leser ausgeben, um ein Buch mit jahrealten Kritiken eines weitgehend unbekannten Journalisten zu lesen?
Nein, die abmahnenden Verlage und Journalisten werden selbst von Existenzangst gesteuert. Die bisherigen Geschäftsmodelle hören in absehbarer Zeit auf zu funktionieren, andere Einnahmen müssen her, und wenn der Druck groß genug ist, wirft man die Skrupel über Bord und beauftragt einen Abmahnanwalt, um sich ausgerechnet bei den Schwächsten zu bedienen: bei den Künstlern, die selbst tagtäglich um die eigene Existenz zu kämpfen haben. Ein solches Vorgehen ist widerlich, genauso wie die Gleichgültigkeit, mit der die Gesetzgeber solche Probleme auf die lange Bank schieben: Künstler haben keine Lobby, und es gibt zu wenige, dass deren Stimmen bei einer Wahl ins Gewicht fallen würden.
Einige der von diesen Abmahnung betroffenen Kulturschaffenden haben einen offenen Brief geschrieben, den man mit unterschreiben kann, wenn man ihr Anliegen - Kritiken genehmigungsfrei mit Quellenangabe dokumentieren zu dürfen - unterstützen möchte. Ich habe unterschrieben.

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