28.9.13

Der Guardian lässt pitchen

Tolle Aktion beim Guardian: Die Zeitung hat ihre Leser aufgefordert, Pitches für TV-Serien einzusenden, die zehn aussichtsreichsten wurden Profis zur Beurteilung vorgelegt, das Ergebnis ist hier zu lesen.
Vorschlag: zuerst nur die Pitches lesen und selbst beurteilen, Stichworte notieren. Dann mit dem Blickwinkel der Profis vergleichen. Hochinteressant.


25.9.13

Im Maschinenraum

Das Finale von "Breaking Bad" steht an, der nach Meinung vieler Menschen besten TV-Serie aller Zeiten. Darüber kann man diskutieren, nicht jedoch über das herausragende Drehbuch-Handwerk, das hier geboten wurde. Besser kann man eine solche Geschichte nicht erzählen. und in der Debatte, ob man so schnell wie möglich oder so langsam wie möglich erzählen sollte, liegen jetzt die Langsamen ziemlich weit vorn.
Und weil wir schon als Kinder unsere Radios auseinandergenommen haben, um zu sehen, wie sie funktionieren, würden wir jetzt gern einen Blick hinter die Kulissen von "Breaking Bad" werfen: Wie haben die Kollegen das geschrieben?
Der Guardian hat einen höchst lesenswerten Blick in den Writer's Room der Serie geworfen. Genau genommen hat der Guardian selbst gar nicht geworfen, er hat ein Kapitel eines hochinteressanten Buchs abgedruckt: "Difficult Men - Behind The Scenes Of A Creative Revolution: From The Sopranos And The Wire To Mad Men And Breaking Bad" von Brett Martin. Das englische Buch ist u. a. bei amazon erhältlich (auch als E-Book zum fairen halben Preis der Taschenbuchausgabe), auf eine deutsche Ausgabe wird vermutlich erscheinen, wenn Walter White Testimonial von "Keine Macht den Drogen" geworden ist.
Übrigens kann man auf youtube ebenfalls einen Blick in den Breaking-Bad-Writer's Room werfen:




(via Drama Blog, Bildblog)

24.9.13

Für ein paar Euro...

Vor ein paar Tagen habe ich von Abmahnungen gegen Künstler erzählt, die Rezensionen auf ihren Homepages veröffentlichten. Was das Urheberrecht anbetrifft, sind die Abmahnenden hier zweifellos im Recht, jedoch kündigen Sie damit ein jahrhunderte altes "Gentleman's Agreement" zwischen Künstlern und Feuilleton auf, denn bisher wurde ja die Verwendung von Rezensionen durch Theater und Künstler geduldet, sie wahr schlichtweg eine Selbstverständlichkeit.
"Nuja, Schauspieler, Musiker...", denkt sich der weltgewandte Erfolgsschriftsteller oder -verleger. "Die haben ja eh keine Ahnung..." Und fischt alsbald selbst eine Abmahnung aus dem Briefkasten, weil er auf seiner Homepage aus einer Rezension eines seiner Bücher zitiert hat. Vielleicht hat sein Verlag bei amazon auch ein paar Pressezitate eingestellt (da gibt's ja beim Editieren des Amazon-Auftritts extra eine Rubrik, wo man das machen kann). Das kann ab sofort teuer werden, wie ich diesem buchreport-Beitrag entnehmen muss:
Der Börsenverein des Buchandels fordert Verlage und Buchhändler auf, Buchrezensionen und Zitate aus denselben, für die sie bei den Rechteinhabern keine Lizenzen erworben haben, von ihren Webseiten zu entfernen. Was so ziemlich auf die meisten Internetauftritte von Autoren, Verlagen und Buchhändlern zutreffen dürfte. Wer hat denn bisher eine Lizenz erworben, wenn er aus einer Kritik über das eigene Buch zitiert hat? Das war doch eine Selbstverständlichkeit...
...wie es bei Theater- und Konzertkritiken auch mal war. Die Karten werden neu gemischt, weil einer der Mitspieler, der Zeitungsverlag, am Tropf hängt. Die FAZ hat vor einem Jahr einen Online-Buchhändler auf 35.000 (!) Euro Schadensersatz verklagt, weil er Rezensionsausschnitte verwendet hat, das Urteil soll am 4. Oktober gesprochen werden, und im Buschfunk wurde getrommelt, dass das Gericht der FAZ zuneigt.
Die FAZ scheint sich eine neue Einnahmequelle erschließen zu wollen, zerstört dabei aber nachhaltig das Geschäftsmodell der meisten Verlage, die auf Gratis-PR und Gratis-Werbung durch kostenlose Rezensionen setzten... Wobei... waren bzw. sind diese Rezensionen wirklich kostenlos? Rezensionsexemplare en masse (die von vielen Journalisten z. T. ungeöffnet auf Ebay weiterverkauft wurden), Empfänge mir Sekt und Schnittchen, Freikarten für Buchpremieren und Lesungen... soooo kostenlos waren bzw. sind Rezensionen wirklich nicht.
Aber lassen wir die Canapés und den Söhnlein mal beiseite: Wo sollen denn die Verlage und/oder die sich selbst vermarktenden Autoren das Geld für die Lizenzen hernehmen? So groß ist der Verlagsanteil an den Bucheinnahmen nicht, dass Geld eine endlose Ressource wäre, mit der man auch noch das Feuilleton finanzieren kann. Insbesondere für kleine und kleinste Verlage werden Lizenzen zur Verwendung von Rezensionen wohl nicht zu stemmen sein. Damit bricht ihnen die wichtigste Möglichkeit weg, auf sich aufmerksam zu machen, die können den Laden wohl dicht machen.
Was mich extrem verwundert: Buchbranche und Feuilleton haben sehr lange Zeit höchst gedeihlich zusammengearbeitet. Wie skrupellos und bekloppt muss man eigentlich sein, um Freunden wegen ein paar Euro ohne Umschweife den Krieg zu erklären und sie sich zu Feinden zu machen.
Außerdem - und das könnte noch sehr schwer wiegen - setzen die Verlage erneut ihre journalistische Unabhängigkeit aufs Spiel. Man wird genau beobachten müssen, ob die Zahl der negativen Kritiken im Feuilleton der FAZ nicht künftig deutlich zurückgeht. Verrisse werden nicht zitiert, die bringen keine Lizenzen...

19.9.13

Das Recht an der Kritik

Für die Kanzlerin ist das Internet "Neuland", für die meisten von uns nicht, und das beschreibt den unschönen Status Quo, dass die Politik der Entwicklung der Kommunikationskanäle um etliche Jahre hinterherhinkt. Zwar betonen Politiker immer wieder gern, dass das Internet "kein rechtsfreier Raum" sein dürfe (hat eigentlich irgendwer irgendwann diesen berühmten rechtsfreien Raum je gefordert?), sie verschweigen aber gern, dass sie an zahlreichen rechtlichen Unklarheiten selbst zumindest mitschuldig sind: zahlreiche Gesetze sind noch nicht angepasst worden, so dass auch die durch das Internet neu geschaffenen Gegebenheiten berücksichtigt werden. Insbesondere beim vom Axel Springer Verlag durchgepaukten Leistungsschutzrecht hat die Politik keine gute Figur gemacht: hier wirft ein Gesetz mehr Fragen auf, als es vorher überhaupt gegeben hat.
Und eine wichtige Frage beantwortet das Leistungsschutzrecht eben nicht, nämlich die zur Zweitverwertung von Rezensionen durch die rezensierten Künstler. Zeitungsredaktionen schicken ihre Kritiker in Konzerte, Theaterpremieren, zu Lesungen usw. Die Kritiker zahlen keinen Eintritt, sie schreiben dafür einen Artikel über die Veranstaltung. Positive Kritiken hängen sich die Theater gern in die Schaukästen, und dagegen hat meines Wissens nie eine Zeitung protestiert: War ja auch eine Win-Win-Situation: die Künstler lieferten den Anlass, über den eine Zeitung etwas schreiben konnte, was ihre Leser interessiert. Alle glücklich.
An eine Zweitverwertung einer Tageszeitung dachte kein Mensch, doch dann kam das Internet. Theater und Künstler verlegten ihre "Schaukästen" ins Netz und schufen Homepages, auf denen sie - wie gewohnt - ihre positiven Kritiken zitierten oder komplett veröffentlichten. Ein entsprechendes Unrechtsbewusstsein hatten sie dabei nicht, sie waren ja gewohnt, so zu verfahren.
Dieses "Gentleman's Agreement" zwischen Veranstaltern, Künstlern, Verlagen und Rezensenten wird seit ca. zwei Jahren vermehrt gebrochen. Verlage und Rezensenten ließen via Anwalt Theater und Künstler, die auf ihren Homepages Kritiken ohne Einholen der Nutzungsrechte veröffentlicht hatten, abmahnen, zum Teil wurden absurd hohe Summen als Streitwert angeboten. 20.000 Euro für die Zweitverwertung einer 120-Zeilen-Rezension, die für ein Zeilenhonorar von 60 Cent geschrieben worden war? Es scheint da eine Grauzone zu geben, in der Gier und Realitätsverlust partnerschaftlich agieren.
Ich bin selbst Autor, ich lebe von dem, was ich schreibe, und ich reagiere empfindlich bis ungehalten darauf, wenn jemand meine Texte benutzt, ohne mich gefragt zu haben. Auch wenn es unwissentlich geschehen ist. Hier ist den Herrschaften aber jegliche Verhältnismäßigkeit verloren gegangen: der Nutzungswert einer Theater- bzw. Konzertkritik, die bereits in einer Tageszeitung veröffentlicht wurde, bemisst sich eher in Cent als in Euro. Wen interessiert die Tageszeitung von gestern, bzw. die Zeitung von vorigem Jahr? Wieviel Geld würde ein Leser ausgeben, um ein Buch mit jahrealten Kritiken eines weitgehend unbekannten Journalisten zu lesen?
Nein, die abmahnenden Verlage und Journalisten werden selbst von Existenzangst gesteuert. Die bisherigen Geschäftsmodelle hören in absehbarer Zeit auf zu funktionieren, andere Einnahmen müssen her, und wenn der Druck groß genug ist, wirft man die Skrupel über Bord und beauftragt einen Abmahnanwalt, um sich ausgerechnet bei den Schwächsten zu bedienen: bei den Künstlern, die selbst tagtäglich um die eigene Existenz zu kämpfen haben. Ein solches Vorgehen ist widerlich, genauso wie die Gleichgültigkeit, mit der die Gesetzgeber solche Probleme auf die lange Bank schieben: Künstler haben keine Lobby, und es gibt zu wenige, dass deren Stimmen bei einer Wahl ins Gewicht fallen würden.
Einige der von diesen Abmahnung betroffenen Kulturschaffenden haben einen offenen Brief geschrieben, den man mit unterschreiben kann, wenn man ihr Anliegen - Kritiken genehmigungsfrei mit Quellenangabe dokumentieren zu dürfen - unterstützen möchte. Ich habe unterschrieben.

Lesung in Nauen

Kleiner Veranstaltungshinweis:
Morgen, am Freitag, dem 20.9. lesen zwei Gabrieles in Nauen aus ihren Büchern, und zwar ab 18 Uhr 30 in der "Kantina Elena" in der Mittelstr. 27. Details zur Lesung stehen im Blog von der Gabriele, mit der wo ich verheiratet bin.

9.9.13

Marketing für Autoren in der Friedenauer Schreibstube

Meine liebe Frau Gaby Sikorski (die "geduldigste Gemahlin von allen") hat in Ihrer Friedenauer Schreibstube wie immer höchst kenntnisreich über Marketing für Autoren geschrieben. Gerade weil der Text dem Einsteiger in unsere Branche einige viele die meisten seiner alle Illusionen rauben wird, rate ich dringend, sich das dort Geschriebene zu Herzen zu nehmen: illusionslos schreibt sich#s leichter.
Und da das bereits der 2. Teil zu Gabys Ausführungen zum Thema Autorenmarketing ist, hier gleich noch der Link zu Teil 1.

7.9.13

Hemingways Lieblingsbücher

Gerade bei "Open Culture" gefunden: eine Liste der Bücher, die Ernest Hemingway gerne noch einmal lesen würde. Besser gesagt bzw. genauer übersetzt: ein zweites Mal so lesen, als wäre es das erste Mal. Links zu kostenlosen (englischen) Ausgaben dieser Bücher sind angegeben, die Bücher sind mittlerweile alle gemeinfrei.


3.9.13

Ich bin gar keine Kunstfigur

Auf Planet Interview steht ein höchst lesenswertes Interview mit jedermanns Lieblingskolumnisten Harald Martenstein. Ein Muss für die Kollegen, die selber Kolumnen oder ähnliches schreiben und - natürlich - für alle Freunde von Martensteins Tonfall.

29.8.13

28.8.13

Aufstehen. Hingehen. Angucken. Dann erst schreiben.

Viele Menschen schaffen den Durchbruch als Autoren aus einem simplen Grund nicht: weil sie am Schreibtisch sitzen bleiben. Nicht nur in den Feuilletons herrscht der Irrglaube, ein guter Schriftsteller benötige die berüchtigte "blühende Fantasie" und müsse meisterhaft imaginieren können.
Lächerlich. es braucht keinen Funken Fantasie, um ein guter Schriftsteller zu werden, im Gegenteil, Fantasie kyann durchaus hinderlich sein, denn sie hält den Autor von der Recherche ab. Anstatt wild aus der Gedankenwelt heraus zu fabulieren, ist es meist sinnvoller und fruchtbarer, den Schreibtisch zu verlassen und sich die Welt, von der man erzählen will, genauer anzuschauen.
Man schaue sich bitte diese fantastischen Fotos von Daniel Marbaix an: Bilder eines seit zwanzig Jahren leer stehenden Arzthauses, das offenbar überstürzt verlassen wurde. In diesen Bildern stecken mehrere Romane und hunderte Geschichten drin.
Und jetzt Hand aufs Herz: Kann man derartige Bilder, ein derartiges Haus in seinem Detailreichtum und seiner ganzen Rätselhaftigkeit imaginieren? Ich glaube nicht. Die Wirklichkeit ist fantastischer als jede Einbildungskraft.

24.8.13

Der Einfluss des Kritikers

In ihrer SpOn-Kolumne beklagt Frau Berg das Verschwinden der Kulturkritik oder besser gesagt der Kulturkritiker:

"...grauenhaft, wenn Verbrauchermeinungen das einzige Korrektiv in der Kultur werden."

 Da frage ich mich doch, ob Kulturkritiker tatsächlich eine Korrektur-Funktion ausüben. Bei den mir persönlich bekannten Kollegen kann ich's unmittelbar verneinen. Über Kritik aus dem Feuilleton freut oder ärgert man sich, angenommen wird sie nicht bzw. nur in seltensten Ausnahmefällen. Das sollte auch für Groß-Schriftsteller gelten. Ein Grass geht doch, wenn er verrissen wird, auch nicht für eine Hundertstel Sekunde in sich, um nach einer möglichen Berechtigung der Kritik zu forschen. "Ahnungsloser Schmierfink, jetzt erst recht!", dürfte auf allen Ebenen die Standard-Reaktion sein.

Wer kann Autoren bzw. Künstler korrigieren? Meiner Ansicht nach nur Menschen, denen sie fachlich und menschlich vertrauen. Ihren Lektoren. Kollegen, zu denen sie nicht in Konkurrenzsituation stehen. Sachkundige Freunde. Kritiker? M. E. wohl nur in Ausnahmefällen. Oder täusche ich mich?

Andererseits: Natürlich haben viele Kollegen beim Schreiben auch (oder vielleicht nur) den Erfolg beim Feuilleton im Kopf. Den so entstandenen Büchern merkt man es aber meist an. Ich les so Zeugs nicht gerne.



21.8.13

Nachwuchsprobleme

Im Kölner Stadtanzeiger steht ein lesenswerter Artikel über die Nachwuchsprobleme bei Übersetzern. Nur noch 8,4 Prozent der Übersetzer hierzulande sind unter 35, vollkommen zurecht vermutet der Oberpropeller des Verbands deutscher Übersetzer, dass wirtschaftliche Gründe dafür verantwortlich sind. 1000 Euro netto verdient ein Übersetzer hierzulande im Schnitt, wer mutet sich ein solches Leben freiwillig zu?

Ein paar Menschen gibt's trotzdem noch, die neu in das Metier einsteigen (sonst wären wir ja bei Null und nicht bei 8.4 Prozent) und der Grund, warum sie's tun, steht ebenfalls im o.g. KStA-Artikel:
„Ich bereue meine Entscheidung nicht. Für mich ist es Luxus, mich mit Literatur beschäftigen zu dürfen. Dafür würde ich auch putzen gehen.“
sagt eine frischgebackene Literatur-Übersetzerin über ihren freiwilligen Einstieg ins Prekariat.

Leute, wir müssen das sein lassen, dieses Literatur-Fan-Boy- oder -Fan-Girl-Gehabe. Wir Autoren und Übersetzer haben unser Handwerk gelernt, wir können was und wir verrichten Arbeit, mit der richtig Werte geschöpft werden. Die Spitzköppe in den Verlagen und Redaktionen wissen aber, dass wir verdammt gerne tun, was wir tun, und das nutzen sie ziemlich gnadenlos aus. Und das funktioniert, solange wir dankbar sind, uns für ein paar Brosamen "mit Literatur beschäftigen zu dürfen".

Nochmal: Leute, wir müssen das sein lassen.

18.8.13

Die Vorleser auf Kuba

Das wusste ich noch nicht: die kubanische Tabak-Industrie beschäftigt "Vorleser", die den Zigarren drehenden Arbeitern dreimal pro acht Stunden langer Schicht etwas Vorlesen. Romane, Zeitungsartikel, Lebensweisheiten, Theaterstücke. Was gelesen wird, bestimmt die Betriebsleitung. Ausführlicher steht's bei Spiegel Online.

16.7.13

"Nur" 1500?

Zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Tagen musste ich mich über Felicitas von Lovenberg ärgern: nachdem sie sich etwas über die schädliche Überproduktion deutscher Schriftsteller zusammengeschwurbelt hat, attackiert sie nun jemanden, der tatsächlich viele Bücher verkauft: Joanne K. Rowling.
Die hat - wie mittlerweile jeder Feuilleton-Leser weiß - unter Pseudonym einen Krimi verfasst. Das Pseudonym ist nun aufgeflogen und Frau von Lovenberg glaubt, sich darüber mokieren zu müssen, dass Mrs Rowling unter Pseudonym so wenig Bücher verkauft hat:
"Möglicherweise hat aber auch der Umstand, dass von dem Debüt des Unbekannten innerhalb von drei Monaten lediglich fünfzehnhundert Exemplare verkauft wurden, bei der jetzigen Enttarnung eine Rolle gespielt..."
schreibt Frau von Lovenberg in der FAZ.
Und demonstriert eindrucksvoll, dass sie von Verlagswesen und Buchmarkt wohl keine Ahnung hat. 1500 Exemplare in drei Monaten sind für einen unbekannten Autor, der sein wichtigstes Marketing-Instrument, die Autorenlesung, aus naheliegenden Gründen nicht benutzen kann, ein schlichtweg sensationelles Ergebnis, das von einer rapide einsetzenden Mundreklame zeugt.
Jeder Verleger, der merkt, dass ein Newcomer derartige Verkaufszahlen produziert, weiß, dass er einen Bestsellerautor entdeckt hat, zieht die Option für dessen nächstes Buch und lässt schon mal die PR-Maschine anlaufen. In deren Genuss der Newcomer eben auch noch nicht gekommen ist.
Auch dass die meisten Newcomer meist erst mit ihrem dritten oder vierten Buch auf nennenswerte Verkaufszahlen kommen, weil es schlichtweg so lange dauert, bis ein Name sich bei Lesern, Buchhändlern und Kritkern (!) herumgesprochen hat, scheint Frau von Lovenberg unbekannt zu sein.
Immerhin ist es schön zu wissen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die es trotz ihres äußerst geringen Kenntnisstandes weit gebracht haben.


13.7.13

Minimale Glaubwürdigkeit...

Es gibt diese Idee, die einem meist spät in der Nacht am Kneipentisch kommen, wo alle einhellig sagen: "Hammer!" Und wenn man dann ein paar Stunden später drüber nachdenkt, sagt man "Immer noch Hammer, aber krieg ich das verkauft?"
Eine solche Idee ist "Regierungschef ist so blöd, dass er sich die Sicherheitstechnik seines Regierungs-Jets von einem anderen Land einbauen lässt."
Die Möglichkeiten springen einem sofort ins Auge, unendliches Slapstick- und Screwball-Potenzial, daraus könnte man jederzeit sowas "Duck Soup"-mäßiges machen... Geschenkt. Aber welcher Redakteur/Dramaturg/Producer kauft einem heutzutage diese Prämisse ab?
"Tolle Idee, Chris, wirklich, aber... das ist doch so weit hergeholt, so dermaßen konstruiert... dass würde doch nur ein hunderttausendprozentiger Blödian machen, Und wie willst du einem Publikum glaubhaft machen, dass ein derartiger Kretin Regierungschef werden konnte? So bescheuert ist kein Diktator dieser Erde, und wenn jemand dermaßen doof ist, würde kein Volk der Welt ihn zum Staatsoberhaupt wählen. Die Idee ist schön, aber komplett unglaubwürdig."
Alles klar. Ich hab verstanden. Dieser Stoff ist wirklich zu weit hergeholt.

12.7.13

Wie geht's uns? Nicht gut.

Vor ein paar Tagen hab ich ein paar Sätze verloren: über Frau von Lovenbergs die soziale situation deutscher Autoren ignorierendes Geschwurbel in der FAZ. Der vom deutschen Feuilleton fortwährend an der Realität vorbei inszenierte Autoren-Genie-Kult wird umso ärgerlicher, je beschissener es der überwiegenden Mehrheit deutscher Schriftsteller geht.
Wie schlecht die Lage wirklich ist, beschreibt Tanja Dückers in Jungle World.

8.7.13

Man kann das so oder so sehen...

Seit zwei Tagen geistert eine Studie durchs Netz, nach der das Urheberrecht dafür sorgt, dass Bücher vom Markt verschwinden.
Ich glaube nicht, dass das das wirkliche Ergebnisse dieser Studie ist. Das wirkliche Ergebnis dieser Studie ist, dass Verlage und unabhängige Publisher gern Texte veröffentlichen (als Buch, Book-on-Demand oder E-Book), an denen das Urheberrecht erloschen ist. Weil sie dann keine Tantiemen mehr an den Autor bzw. seine Erben zahlen müssen.

4.7.13

It's the economy, stupid!

Felicitas von Lovenberg sorgt sich in der FAZ um die deutsche Literatur: die Belletristik produzierenden Autoren haben ihren Output dramatisch gesteigert, hauen alle ein bis zwei Jahre einen neuen Roman raus, und das ist Frau von Lovenberg zuviel: die Qualität des geschriebenen sinkt dramatisch. Oder, so schön wie sie kann ich's selber nicht formulieren:

"Im postheroischen Zeitalter hat sich der Pragmatismus auf die Urheber übertragen, die kaum noch den alten auratischen Dichtergestus pflegen, sondern lieber den des Handwerkers, der statt Werken für die Ewigkeit Gebrauchstexte für eine Saison liefert."

Gnä' Frau, glauben Sie wirklich, die Autoren haben sich vor zehn, zwanzig Jahren fünf, zehn Jahre Zeit für einen Roman genommen, weil sie akribisch an Struktur und Worten gefeilt haben? Get real, Felicitas! Vor zehn, zwanzig Jahren konnte man als halbwegs arrivierter Autor gutes Geld verdienen, man produzierte Radio-Skripte und Drehbücher, die Zeitungen rissen einem die Glossen und Essays quasi aus dem Drucker, bevor man sie geschrieben hatte... die Romane für die beschissen zahlenden Verlage (5 bis 10 Prozent vom Buchpreis, das langt nicht für die Dichterklause in Worpswede!) waren lästiges Beiwerk, Gelegenheitsarbeit. "Ich muss endlich mal wieder einen Roman absondern, sind schon fünf Jahre seit dem letzten, hinterher vergisst mich das Feuilleton..."

Und heute? Haben die Radiosender die Wortbeiträge rigoros runtergefahren, um die paar Drehbuchaufträge balgen sich die Spezialisten und wie es um die Beiträge von "Freien" für die Printmedien bestellt ist, muss ich wohl nicht weiter ausführen.

Was also hat der Roman-Autor nicht mehr? Arbeit durch Nebengeräusche. Was also hat er? Jede Menge Zeit. Was also macht er? Das einzige, was er kann. Schreiben.

Und jetzt sagt die Frau von Lovenberg auch noch, dass er dadurch das Niveau senkt. WennÄs kommt, kommt's knüppeldick.

26.6.13

Kulturelle Unterschiede


In den USA macht eine Lotterie ganz selbstverständlich mit einem Spot Werbung, in dem sich einer Ihrer Gewinner ein Team von Gagschreibern leisten kann, um seinen Smalltalk aufzupeppen.
Ich fürchte, hierzulande ist die Wertschätzung von Autoren mittlerweile so gering, dass die meisten Mensschen eine deutsche Version des Spots gar nicht erst verstehen würden. Es ist ein Elend.
Aber trotzdem, ein schöner Spot. Mir hat er gefallen.

Schreibcafé/Kulturstammtisch

Am kommenden Montag, dem 1.7. 2013, findet wieder unser Friedenauer Kulturstammtisch statt. Wir treffen uns ab 19 Uhr im "Freiraum". Kulturinteressierte und kulturschaffende Menschen reden miteinander über - Überraschung! - Kultur und die Welt, wer Hunger hat, genießt Yosefs ausgezeichnete Küche und die Getränkekarte lässt auch keine Wünsche offen.

Vorher findet - am gleichen Ort - das "Schreibcafé" statt, das für die Menschen gedacht ist, die sich gezeilt über Schreiben austauschen wollen. Von 17 Uhr bis 19 Uhr (der Übergang in den Kulturstammtisch ist manchmal fließend) geht es ums Thema "Anfang": wie fängt man eine Geschichte an, wie macht man Leser neugierig?

Sehen wir uns am nächsten Montag?

24.6.13

Impressionen von der Buchpremiere

Hier einige Bilder, die Werner Thies auf unserer Buchpremiere von Pavol Lesnýs "Zeit der Schweine"  (Standing Room only!) gemacht hat:

Buchpremiere im Pianocafé


Lesung mit musikalischer Begleitung

Gedränge am Büchertisch
Pavol Lesný signiert
Fotos: Werner Thies (alle Rechte vorbehalten)

18.6.13

Neues Buch: Zeit der Schweine

Wir haben ein neues Buch herausgebracht: "Zeit der Schweine" von Pavol Lesný.

"Zeit der Schweine" erzählt vom Heranwachsen eines jungen Mannes, der der Willkür einer sozialistischen Diktatur ausgesetzt ist. Kurz nach dem gewaltsamen Ende des "Prager Frühlings" wandert der junge Pavol mit seinem Vater nach Israel aus. Doch dem Vater gelingt es nicht, dort Fuß zu fassen. Nach einigen Jahren, in denen Pavol die beiden als Krankenpfleger durchgebracht hat, kehren sie zu Mutter und Schwester in die Tschechoslowakei zurück.

Pavols Märtyrium beginnt. Sein israelisches Abitur wird nicht anerkannt, ein Studienplatz wird ihm verwehrt, nur erniedrigende Gelegenheitsarbeiten stehen ihm offen. Doch er lässt sich nicht entmutigen, kämpft mit gespielter Naivität und entwaffnendem Humor gegen Engstirnigkeit, Ungerechtigkeit und Bürokratie und erlebt die erste Liebe seines Lebens. 

"Zeit der Schweine" (ISBN 978-3-938399-40-8) ist ein paperback mit 168 Seiten, in jeder Buchhandlung des deutschsprachigen Raums erhältlich bzw. bestellbar und kostet 12,90 €. 

An kommenden Sonntag, dem 23.6. um 17 Uhr, veranstalten wir zu diesem Buch eine Buchpremiere: im Pianocafé am Lietzensee, Neue Kantstr. 20, 14057 Berlin, um 17 Uhr. Der Autor wird zu musikalischer Begleitung aus seinem Buch lesen.

Der Eintritt ist frei, wir freuen uns über alle, die Zeit und Lust zu kommen haben.

6.5.13

Nebenkriegsschauplatz

Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll angesichts des neuesten Klopses, den sich der Buchhandel in seinen Versuchen, amazon öffentlich zu diskreditieren, geleistet hat. In Udo Vetters lawblog muss ich lesen, dass Buchhändler massiv protestiert haben, weil in einem Jugendbuch aus dem Carlsen verlag die Protagonsitin einen amazon-Gutschein geschenkt bekommt. Die Proteste waren offenbar so massiv, dass die Autorin sich bereit erklärt hat, den Gutschein in der nächsten Auflage in einen einfachen Geschenkgutschein umzuwandeln.
Liebe Buchhändler, wie kommt ihr dazu, einem Verlag bzw. einer Autorin vorschreiben zu wollen, was die in ihre Bücher reinschreiben dürfen? Das hat euch verdammt nochmal nichts anzugehen, und wenn ihr es - aus welchen Gründen - nicht ertragt, was in einem Buch drinsteht, dann verkauft es eben nicht. Freiheit der Kunst, Freiheit der Meinung, schon mal davon gehört? Falls ihr's vergessen habt: auch euer Geschäftsmodell basiert auf diesen Prinzipien.
Und zu der kreuzdämlichen Argumentation (die auch in den Kommentaren im lawblog auftaucht), es handle sich um Schleichwerbung, wenn der Name "amazon" genannt wird: Das Nennen von Marken- oder Firmennamen ist mtinichten per se Schleichwerbung oder product placement, sondern gehört seit Jahrzehnten zum Handwerkszeug des Unterhaltungsautoren, um einer Handlung Authentizität zu verleihen. Bei Ian Fleming heulen nicht irgendwelche Flugzeugtriebwerke sondern die "Pratt &Whitney-Motoren", bei der Highsmith wird nicht irgendein Füller gezückt, sondern ein Waterman, Jerry Cotton springt nicht in einen anonymenSportwagen sondern in seinen Jaguar E...
Wir leben in einer Welt voller Markennamen und - zeichen, und Autoren, die - im entsprechenden Genre - Markennamen und -zeichen nennen, bilden die Welt ab, punktum. Jeder Lektor, der seinen Grips beisammen hat, streicht einen Satz wie "Er ersteigerte sich eine gebrauchte Waffe bei einem Online-Auktionshaus" an und setzt ein "Schreib gleich ebay!" daneben. Was würde er wohl zu einem "Gutschein von einem bekannten Internet-Versender" sagen?
Genau: "Klingt vollkommen bescheuert, musst du aber so schreiben, sonst gibt's Ärger mit den deutschen Buchhändlern."
Oh Herr, schmeiß Hirn vom Himmel!

18.4.13

Wie le Carré das macht

John le Carré ist ein typischer "writer's writer", ein Schriftsteller, der von seinen Kollegen gern gelesen wird. Nicht zuletzt, weil er einen ganz eigenen Stil hat: scheinbar einfach, mit kurzen, direkten Sätzen, doch wehe, man versucht das Mal nach zu machen. Schreiben wie John le Carré ist praktisch unmöglich, es sei denn, man ist John le Carré.
Emma Hogan vom Economist hat le Carrés Stil lesenswert analysiert.

27.3.13

Kein Aprilscherz, sondern Kulturstammtisch

Am Ostermontag, dem 1. April findet ab 19 Uhr wieder unser Friedenauer Kulturstammtisch statt. Wir hocken uns in das sehr empfehlenswerte "Freiraum", reden über Gott und die kulturelle Welt und freuen uns über jeden, der sich dazu hockt. Sehen wir uns?

20.3.13

Buchpremiere: Wie schafft die Eintagsfliege nur ihr ganzes Leben?

Wir freuen uns sehr, ein neues Buch in unserem Verlag ankündigen zu dürfen: "Wie schafft die Eintagsfliege nur ihr ganzes Leben?", eine Geschichtensammlung von Gudula Zückert.
Es sind persönliche Erinnerungen und Betrachtungen, die Gudula Zückert in den Jahren von 1990 bis 2009 aufgeschrieben hat. Als gesellschaftliche Umwälzungen auch ihr Leben und das ihrer Familie berührten, erinnerte sie sich an den uralten Auftrag „Schreib, was du gesehen hast!“
Über drei Jahrzehnte war die Humboldt-Universität zu Berlin ihr Arbeitsort. Dieses Haus bestimmte den Lebens-weg der ganzen Familie, von der die Autorin erzählt. Dabei griff sie auf Tagebücher und ein umfangreiches Familienarchiv zurück.
In ihren Geschichten erzählt Gudula Zückert vom Abschiednehmen und vom neu Anfangen im eigenen wie in fremdem Leben.Jede Geschichte dieses Buches endet nachdenklich, versöhnlich oder humorvoll in einer „Lebenshilfe“, die die Autorin von ihren Enkeln erhielt.
Am Sonnabend, dem 23.3. um 15 Uhr feiern wir Buchpremiere und laden herzlich ein in den "Club Spittelkolonnaden", Leipzigerstr. 47 (Eingang an der Rückseite), 10117 Berlin. Gudula Zückert wird aus ihrem Buch lesen und - natürlich - kann man sich sein Exemplar von ihr signieren lassen. Für eine kleine Erfrischung ist gesorgt, der Eintritt ist frei. Wir freuen uns auf euch/Sie!

3.1.13

Friedenauer Kulturstammtisch am 7.1. um 19 Uhr

Wer dem Menschen, der dieses Blog hier jahrelang vor sich hindümpeln lässt, mal richtig die Meinung geigen will - oder einen Abend in der angenehmen Gesellschaft von kreativen und kulturinteressierten Menschen verbringen möchte, der sei auf unseren Friedenauer Kulturstammtisch am kommenden Montag, dem 7.1. ab 19 Uhr verwiesen. Wir treffen uns in (Überraschung!) Friedenau, und zwar im Restaurant Freiraum in der Beckerstr. 12, direkt an der Friedenauer Brücke.

2.1.13

Wenn sie sich einig sind, gibt es nichts zu sagen

Schönes Interview mit Aaron Sorkin (West Wing, The Social Network) auf SpOn:
"... für den Rahmen brauche ich eine Absicht und ein Hindernis. Jemand muss etwas wollen - das Geld, das Mädchen, den Trip nach Paris - und etwas versperrt den Weg. Sobald ich Absicht und Hindernis eingekreist habe, kann's losgehen. Jetzt muss ich das Ganze mit Menschen bevölkern, und die müssen sich über irgendetwas uneins sein - meinetwegen über die Tageszeit. Wenn sie sich einig sind, gibt es nichts zu sagen, und es interessiert keinen."