13.12.10

Erweitertes Lesen?

Noch bevor das E-Book sich in seiner bisherigen Form eine signifikante Marktposition erobert hat, wird bereits eifrig über seine Zukunft spekuliert und diskutiert. Erweiterte oder "enriched" E-Books werden vorgestellt, Bücher, die mit allerlei Multimedia-Gedöns aufgebohrt werden und sich trefflich (und teuer!) als "Bücher der Zukunft" vermarkten lassen.
Ich bin da komplett anderer Ansicht, weil sich nämlich das Lesen an sich und die Faszination dieser wunderbaren Beschäftigung nicht verändern wird. Wenn ich ein Buch lese, dann tauche ich - im besten Falle - in eine neue Welt ein, die zu Teilen vom Autor geschaffen wurde und zu Teilen in meiner Fantasie entsteht. Wenn mich die Handlung eines Buchs fesselt, dann will ich bei der Stange bleiben, dann will ich in meinem Rhythmus das Buch weiterlesen, bis Autor und ich der Meinung sind, nun sei's genug.
Beispiel gefällig? Eins meiner prägenden frühen Leseerlebnisse war "Der Geist des Llano Estacado", eine prachtvolle Karl-May-Räuber-Pistole (im Band "Unter Geiern"), in der Winnetou und Old Shatterhand eine Bande unschädlich machen, die Reisende in eine Wüste locken, um sie dort auszuplündern. Die dort von May beschriebene Wüste, die "Palisaded Plains" gibt es wirklich, also könnte man hier doch wunderbar mit einem aufgebohrten E-Book ansetzen, Fotos dieser Wüste einbauen, ein kleines Video, Wikipedia-Auszüge...
Ich würd's nicht anschauen wollen. Ich würde sturheil den Mayschen Text weiterlesen, kein Interesse an Erweiterungen oder Zusatzinformationen, ich will, dass das Kino in meinem Kopf weitergeht, und dafür wird der Lesefluss besser nicht unterbrochen.
Diesen ganzen Versuchen liegt ein Missverständnis zugrunde: Dass das Lesen an sich sich ändern muss, nur weil man plötzlich nicht mehr auf Papier sondern auf einem Display liest. Das muss es aber nicht, das Lesen ist ganz prima so, wie es ist. Der Leser braucht keine Erweiterungen, keine Bells and Whistles, er braucht spannende, neue Geschichten. Das Lesen ist viel zeitloser als manche Marketing-Menschen denken. Auch wenn es jetzt elektrifiziert wird.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Hi Chris, ich bins mal wieder (MARIO) Du hast natürlich recht, im Wesentlichen geht es um die Entwicklung von Phantasie /das ist, glaube ich, dat Dingen was die Menschen bisher vorangebracht hat/ und das geschieht im Kopf, das schädlichste ist, alles "vorgesetzt" zu bekommen. Der Film nimmt uns unter Umständen den Film im Kopf, wir strengen uns nicht mehr an, wir werden faul und langweilig. Die Frage ist also, wie man den Spaß am zeitaufopfernden Lesen wieder verbreiten kann. Hey, ich wünsche Dir einen tollen Braten und einen Whiskey zwischendurch