30.11.10

Dem Kommissar geht's schlecht...

Ich kann die Begeisterung vieler Journalisten um den Jubiläumstatort mit Ulrich Tukur nicht teilen, im Gegenteil, ich fand's ziemlich fürchterlich (auch wenn die Quote gut war), zumindestens die ersten 45 Minuten, ab dann hab ich nicht mehr hingeguckt und einen "richtigen" Krimi gelesen.
Ein "richtiger" Krimi ist übrigens einer - das vergisst man angesichts der meisten Tatorte gern - einer, in dem es um ein Verbrechen geht, das von einem Ermittler aufgeklärt wird. Nicht um die zerrüttete Familie des Ermittlers, nicht um ein dunkles Geheimnis in seiner Vergangenheit, nicht um seinen Gehirntumor, nein, das gute, alte, pure Räuber-und-Gendarm-Spiel. Das kann nämlich auch sehr spannend sein, für mich zumindest spannender als das Gestocher im trüben RAF-Nebel vom letzten Sonntag.
Warum müssen eigentlich gefühlte 80 Prozent aller neuen Fernsehermittler so heftig wallandern, also die Hälfte der Zeit ganz heftig an sich selbst und der schlimmen Gesellschaft leiden, so dass sie in schwerste Verdrückung kommen, den Fall noch zu lösen, bevor Anne Will mit ihrer Krawall-Runde kommt? Warum gönnt man uns nicht einfach mal einen coolen Polizei-Profi, der in seiner Arbeit aufgeht, sich auf seinen kriminalistischen Job konzentriert und nach erledigter Arbeit nach Hause geht?
Und wenn's dem Kommissar - aus Trendgründen oder warum auch immer - trotzdem schlecht gehen soll: man könnte sich z. B. die hervorragenden Kriminalromane von Stuart McBride um den Aberdeener Kriminalpolizisten Logan MacRae zum Vorbild nehmen. In Aberdeen regnet's auch dauernd, MacRae ist die halbe Zeit verkatert, Ständig in desaströse Frauengeschichten verstrickt, seine Vorgesetzten sind dem Kuriositätenkabinett entsprungen, aber die Bücher beginnen damit, dass ein ekelhafets Verbrechen geschieht, und dann fängt MacRae an, den Täter zu suchen und lässt 500 Seiten nicht nach, bis er ihn hat, und das ist sehr gut so, denn es ist verdammt spannend. Was mir als Krimi-Fan ja durchaus gefällt.
Ich weiß, der Vorschlag klingt jetzt sehr kühn, aber könnte man nicht auch mal "Verbrechensaufklärung" als Thema für einen Tatort ausprobieren?

24.11.10

Wer braucht Papier?

Ich hab ja schon vor geraumer Zeit begonnen, über die schleppende Entwicklung auf dem deutschen e-book-Markt zu meckern. Endlich ist Bewegung in die Sache gekommen, ich habe nämlich von der großzügigen Verwandschaft zum letzten Geburtstag einen e-book-Reader geschenkt bekommen und lese jetzt seit ca. 3 Wochen (auch) elektrisch. Zeit für ein erstes Fazit.
Niemand braucht Papier. Das Lesen auf so einem Elektrodings ist wesentlich angenehmer und müheloser als das Lesen eines auf Papier gedruckten Buchs. Ich bin in sechs Tagen durch Ken Follett's Neuesten (Sturz der Titanen, hinreißende Sozial-Schmonzette) förmlich geflogen, es war die reine Freude, eine Tausend-Seiten-Schwarte lesen zu können und dabei ganz bequem auf de Rücken (!) liegen zu können. Wunderbar.
Schon nach wenigen Seiten (oder wie nennt man das beim e-book? "Umblättervorgang?") hatte ich übrigens vollkommen vergessen, dass ich ein e-book las. Wie ich bei spannenden Bücher auch regelmäßig vergessen habe, dass ich ein gedrucktes Buch gelesen habe. Was zählt, ist die Geschichte, und wenn die Geschichte den Lesevorgang diktiert, erkt an nicht, ob man auf Papier liest oder auf eine Bildschirm, es ist egal, ob man Papier blättert oder einen Knopf drückt, man liest eine Geschichte. Punkt.
Seit ich's ausprobiert habe, ist für mich klar: das e-book wird das auf Papier gedruckte Buch schneller ablösen, als die meisten Menschen denken. Das können selbst die deutschen Verlage mit ihrer Schlafmützigkeit nicht verhindern. Das e-book kommt mit Urgewalt, ich werde aber noch eine Weile Gelegenheit zum Meckern haben.

7.11.10

Im Angesicht des Verbrechens - ein Quotenflop

"Im Angesicht des Verbrechens" ist meiner bescheidenen Meinung nach eine der besten Serien, die je in Deutschland produziert wurde. Trotzdem scheinen nur - relativ - wenige Menschen diese Serie sehen zu wollen. Nur jeweils zwei Millionen haben sich die ersten Folgen angeschaut, bei der ARD hat man - wie man liest - mit doppelt so viel Zuschauern gerechnet.
Ich jedenfalls habe schon eine bestimmte Sorte Redakteur/Dramaturg im Ohr: "Das war doch klar, dass das nicht läuft. Viel zu kompliziert, viel zu anspruchsvoll, das wollen die Zuschauer nicht. Klare, einfach strukturierte Geschichten, überschaubar, ohne Überraschungen, was anderes kommt in Deutschland nicht an."
Was natürlich Quatsch ist. Selbstverständlich gibt es hierzulande ein großes Publikum für moderne, komplex erzählte Geschichten. Bei "Im Angesichts des Verbrechens" hat die ARD m. E. das eigene Produkt durch die Auswahl des Sendeplatzes massiv beschädigt. Man strahlt die Serie am Freitag abend ab 21 Uhr 45 aus, auf einem Programmplatz, an dem normalerweise Tatort-Wiederholungen laufen, die tatsächlich i. d. R. doppelt so viel Zuschauer ziehen wie die Mafia-Saga. Und hier liegt auch der Hase im Pfeffer: das potenzielle Publikum für eine Serie wie "Im Angesicht des Verbrechens" erwartet auf diesem Sendeplatz nichts, was interessant sein könnte, bzw. hat den Freitag Abend für andere Aktivitäten reserviert, weil "da sowieso nur die ollen Tatorte kommen". Und die eingefleischten Tatort-Fans, die sich freitags vor die Glotze hocken, um zum xten Mal Manfred Krug und Charles Brauer singen zu hören, haben mit der düsteren Atmosphäre von "Im Angesicht des Verbrechens" vermutlich so wenig am Hut, dass sie verstört wegzappen.
Verdammt schade um die Serie. Bleibt nur die Hoffnung, dass die Quoten sich dank Mundreklame dramatisch verbessern. Und/oder dass die DVD-Verkäufe einigermaßen respektabel ausfallen. Damit das große Publikum für anspruchsvolle Unterhaltung, dass es in Deutschland gibt, nicht von den üblichen Sprücheklopfern in den Redaktionen weggeredet werden kann.