25.1.10

Wall-Werbung

Zur Zeit schlage ich jeden Sonntag den neuen SPIEGEL auf (ja, in Berlin bekommt man ihn schon sonntags am Kiosk) und schaue als erstes auf die Bestsellerliste. Weil ich wissen will, ob ein bestimmtes Buch schon wieder NICHT drauf steht. Nicht, weil ich einem Autor oder einem Verlag den Erfolg missgönne, sondern weil gerade eine meiner Thesen aufs schönste bestätigt wird: nämlich das konventionelle Werbung für Bücher nichts bringt, bzw. nicht soviel bringt wie manche Menschen meinen.
"Wenn der Verlag richtig Werbung für mein Buch machen würde, dann würde es sich viel besser verkaufen!", ist der klassische Stoßseufzer vieler Autoren, egal ob Newcomer oder Bestsellerautor (sogar Thomas Bernhard beschwerte sich mit schöner Regelmäßigkeit bei Siegfried Unseld, dass Suhrkamp nicht genug Anzeigen für seine Bücher schalte). Die Richtigkeit dieser Ansicht stelle ich schon seit Jahren gern und lautstark in Frage, aus einem - sehr simplen - Grund: Ich selbst kaufe so gut wie nie Bücher auf Grund von Anzeigen oder Plakatwerbung. Ausnahmen sind Bücher meiner Lieblingsautoren, also wenn ich z. B. zufällig aus einer Anzeige erfahre, dass der neue Suter oder der neu Le Carré im Handel sind, dann eile ich natürlich in die nächste Buchhandlung. Doch diesen Effekt hätte der Verlag auch mit klassischer PR haben können.
Ich bleibe dabei: Beim Buch schlägt die Mundreklame jedes andere Vermarktungsmittel. Bücher sind keine Mitnahmeartikel, die der interessierte Leser wie eine neue Kaugummisorte mal eben zum Ausprobieren mitnimmt, mit einem Buch wird der Leser mehrere Stunden allein verbringen, und dementsprechend sorgfältig wählt er es aus. Und wenn ein Buch ihn nicht interessiert, dann bringt ihn kein Werbe-Etat dieser Welt dazu, es trotzdem zu kaufen.
Der Beleg für meine These (und der Grund, warum ich den SPIEGEL bei der Bestsellerliste aufschlage) ist das Buch "Aus dem Jungen wird nie was..." von Hans Wall. Eine derart massive Werbekampagne für ein Buch habe ich noch nie gesehen bzw. ich kann mich nicht daran erinnern, jemals eine solche gesehen zu haben. An beinahe jeder Berliner Bushaltestelle und Litfaßsäule wird seit einigen Wochen großflächig für dieses Buch geworben. Kein Kunststück, denn Wall ist Gründer der Wall AG, des Unternehmens, das Buswartehäuschen (ist das das korrekte Wort) und Litfaßsäulen aufstellt, wartet und deren Werbeflächen vermarktet. Den Heyne Verlag, in dem Walls Buch erschienen ist, hätte eine solch massive Werbung (ich weiß nicht, wie's in anderen Städten ausschaut) eine hohe sechs- bis siebenstellige Summe gekostet, ich gehe mal davon aus, dass Wall gratis für sein Buch wirbt, denn... refinanzieren lässt sich eine solche Werbung aus den Buchverkäufen nicht. In der SPIEGEL-Bestsellerliste taucht Wall nicht auf, bei amazon nimmt sein Buch momentan Verkaufsrang 5420 ein (letzte Woche lag es mal bei 2.500). Das dürften nicht allzuviel verkaufte Ex. pro Tag sein: fünfzig, vielleicht hundert? Genau weiß man das bei amazons Ranking-System nicht.
Nichtsdestoweniger ist das sehr respektabel für die Memoiren eines Unternehmers, der nicht regelmäßig in den Klatschspalten auftaucht, gemessen am Werbeaufwand ist es enttäuschend. Aber ein solches Ergebnis war letztlich zu erwarten. Die Memoiren eines erfolgreichen mittelständischen Unternehmens enthalten möglicherweise viele Weisheiten von beeindruckender Klarheit, massenmarkt-tauglich sind sie mit Sicherheit nicht.
Natürlich ist es die Sache von Herrn Wall, wie er für sein Buch wirbt. Es ist toll, wenn ein Autor soviel für sein Buch tut. Einem Verlag hätte eine solche Kampagne finanziell das Genick gebrochen.

19.1.10

Unwort des Jahres

Nu isses raus "betriebsratsverseucht" ist das Unwort des Jahres. Auf den Plätzen landeten "Flüchtlingsbekämpfung", "intelligente Wirksysteme" und "Bad Bank". Ausführlicher nachzulese u. a. bei SpOn.