4.7.09

Und am Anfang... auf keinen Fall das Wetter!

"Heftig prasselte der Regen auf die Straße, dass die Tropfen in den Pfützen tanzten..."
"Es war der heißeste Tag des Jahres. Kein Lufthauch regte sich..."
"Der Himmel war von makellosem Blau. Weit entfernt, am Horizont, konnte man allerdings einige erste dunkle Wolken ausmachen..."
So fangen viele Texte an, die als unverlangt eingesandte Manuskripte im Posteingang von Verlagen landen. Und alle diese Texte, die mit einer knappen Schilderung der aktuellen Wetterlage anfangen, haben eines gemeinsam: Sie landen sofort im Postausgang (wenn ein frankierter Rückumschlag beigelegt wurde) oder im Papierkorb (wenn besagter Rückumschlag nicht beiliegt). Wenn ein Text mit einem Wetterbericht anfängt, ist dass für einen Lektor ein beinahe hundertprozentig sicheres Zeichen dafür, dass der Text von einem Anfänger stammt, der das schreiberische Handwerk (noch?) nicht beherrscht.
Die Aufgabe des Textanfangs ist es, den Leser möglichst schnell in die Story hineinzuziehen, ihn zu fesseln, zum Weiterlesen zu bewegen. Dafür eignet sich ein Wetterbericht nun gar nicht. Was als unverbindliche Smalltalk-Eröffnung hervorragend funktioniert, funktioniert auf Buchseiten überhaupt nicht. Was ist an einer vergangenen bzw. fiktiven Wetterlage spannend? Was könnte einen Leser an Schäfchenwolken vor blauem Himmel so faszinieren, dass er fieberhaft die Seite umblättert? Nichts.
Gut. Sicher gibt es - wenige - Ausnahmen. Aber meistens zeigt der Wetterbericht dem Lektor, dass hier ein Autor am Werk ist, der sich nicht hundertprozentig sicher ist, wovon sein Text handelt und deshalb versucht, sich über Smalltalk in seine Story hineinzuschwafeln. Und schon ist klar: Ein Text, der so anfängt, ist nicht ausgereift. Und solche Texte braucht man gar nicht erst einzuschicken.
Ein guter Text fällt mit der Tür ins Haus. Mit dem, was wichtig ist. Mit dem, was den Leser begeistern soll. Und das ist in 99,999999% der Fälle nicht das Wetter.

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