2.7.09

Genres, Regeln und Regelverstöße

Wenn man sich entscheidet, in einem bestimmten Genre zu schreiben, entscheidet man sich zunächst einmal dafür, die Regeln dieses Genres zu akzeptieren. In Science-Fiction-Romanen wird nicht gezaubert, in Fantasy-Romanen landen keine Aliens und in klassischen Whodunits, die auf dem Land in England spielen, finden keine brutalen Feuergefechte rivalsierender Gangstergruppen statt.
Diese Regeln, die es für jedes Genre gibt, sind nicht von irgendeiner Kommission aufgestellt worden, sondern ergeben sich aus den Erwartungen der Leser dieser Genres und Sub-Genres. Ein Beispiel: Ein mir sehr nahestehendes Familienmitglied ist süchtig nach Whodunits, in denen altjüngferliche Hobby-Ermittlerinnen mit (gern vor historischem Hintergrund) komplizierte Mordfälle aufdecken. Jeder kennt diese Romane, in denen es mehr um die Schrullen der beteiligten Personen als um den eigentlichen Kriminalfall geht. Das mir nahestehende Familienmitglied ist sehr streng, was die Einhaltung der Regeln dieses Genres betrifft. Vor allen Dingen darf nicht zu viel Blut fließen und die liebgewonnenen Heldinnen dürfen keiner allzu akuten Bedrohung ausgesetzt werden. Wagt ein Autor (bzw. in diesem Genre meist eine Autorin) sich zu sehr in den action- und spannungsorientierten Grenzbereich, klappt das mir nahestehende Familienmitglied das Buch zu und kauft kein weiteres dieser Autorin. Punkt. Genre-Fans sind streng. Und sie wissen, wo sie Autoren am empfindlichsten treffen können: an der Brieftasche.
Und doch machen sie hin und wieder einmal Ausnamen (ausser das mir sehr nahe stehende Familienmitglied). Ich z. B. bin Thriller-Fan und schätze besonders die stilreinen Romane dieses Genres, also die, die sich an der klassischen Thrillerdefinition "Der Protagonist wird Opfer einer Verschwörung und deckt dieselbe auf" orientieren.
Was in diesem Genre normalerweise gar nicht funktioniert, ist die Arbeit mit mehreren Protagonisten. Wenn mehrere Leute sich an der Aufdeckung einer Verschwörung beteiligen, ist der Reiz des "against all odds" weg, wie ihn zum Beispiel Robert Ludlum in der "Bourne Identität" meisterhaft benutzt: Am Anfang der Geschichte fängt der Protagonist buchstäblich bei Null an. Er wird nackt und verwundet aus dem Meer gezogen, sogar sein Gedächtnis hat er verloren, und am Ende triumphiert er über einige der mächtigsten Organisationen der Welt: ganz großes Popcorn-Buch. Und je weniger Hilfe der Protagonist in so einer Story bekommt, um so befriedigender ist die Lektüre, wenn er es schließlich doch schafft.
Dass es mit mehreren Protagonisten (und mit weiteren Regelverstößen) doch sehr gut funktionieren kann, habe ich jetzt bei der Lektüre von "Das Imperium der Wölfe" von Jean-Christophe Grangé gelernt. Grangé wechselt nicht nur zwischen mehreren Protagonisten mehrfach hin und her, er lässt sie - Thriller-Todsünde! - auch ziemlich grausame Tode sterben und überlässt die endgültige Auflösung der (Rache-) Geschichte einer Nebenfigur... Grangé lässt also von der klassischen Thriller-Formel praktisch nichts mehr übrig, und trotzdem funktioniert seine Geschichte auch und gerade als Thriller ausgezeichnet: weil er die Regeln mit Grund und nicht aus einer Laune heraus bricht. Weil er einen stimmigen Plot konstruiert hat, der es zwingend (logisch und moralisch) erfordert, dass am Ende keiner der Protagonisten und Antagonisten mehr am Leben ist (Der Roman hat übrigens ein anderes Ende als die Verfilmung).
Beim ersten Protagonistenwechsel hab ich die Nase gerümpft, am Schluss war ich begeistert. Eine erstklassige Thriller-Geschichte, die gerade durch raffinierten Regelbruch Thriller-Geschichte geschrieben hat.

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