26.3.09

Geschichten, die das Leben schrieb

Seit Monaten, vermutlich seit Jahren verfolge ich die Geschichte des Heilbronner Polizistenmords und der Suche nach der Täterin, dem sogenannten Heilbronner Phantom. Was für eine Geschichte, welche dramatischen Möglichkeiten, was für ein faszinierendes Geheimnis! Und das bei einer Geschichte "aus dem wirklichen Leben", einer Story, die sich kein dramturgisch beschlagener Autor ausgedacht hat, sondern die einfach so passiert ist. Die Geschichte hatte einfach alles, was eine gute Geschichte braucht, es fehlte nur noch die überraschende Wendung...
Und die kam heute: das Phantom existiert möglicherweise gar nicht. Es sieht so aus, dass die DNA-Spuren, die der vermeintlichen Täterin zugeordnet wurden, von bei der Produktion verunreingten Wattestäbchen stammten.
Und damit wurde wieder einmal bestätigt, dass man Geschichten "aus dem Leben" nicht unbearbeitet funktionieren, wenn man sie für eine professionell erzählte Geschichte verwendet. Kein Leser würde es einem Romanautor, kein Zuschauer einem Drehbuchautor verzeihen, wenn er eine Geschichte mit einer derart vom Zufall bestimmten Wendung ausstattet. Zufälle haben in "richtigen" Geschichten nichst zu suchen.
Warum eigentlich? Weil wir ein Leben führen, in dem der Zufall nicht regiert, sondern nachgerade wütet. Wer ein paar Jahre auf dieser Erde zugebracht hat, weiss, dass wir tagtäglich mit einem blindwütig zuschlagenden Schicksal konfrontiert werden. Eine unserer Hauptaufgaben ist es, an dieser Tatsache nicht zu verzweifeln, und dabei hilft uns die Literatur, dass Theater, das Kino: weil die Geschichten, die wir uns in Büchern, auf Bühnen und auf der Leinwand erzählen lassen, von gut geschmierten Kausalketten angetrieben werden. Das, was wir im wirklichen Leben nicht bekommen können, das wollen wir im imaginierten Leben haben! Und dort ist eben deshalb kein Platz für die Zufälle, die das Leben schreibt.

Und sorry für die lange Funkstille. Ich versuche, mich zu bessern, weiß aber nicht, ob ich so ein Versprechen halten kann. Zumindest gelegentlich will ich hier weiterhin oberlehrerhaft vor mich hinonkeln.

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