16.12.09

Idiotisches Glück?

Was für eine schöne Geschichte: Ein populärwissenschaftliches Buch über Physik, das auf einem Foto im Innern von Tiger Woods' Unfallwagen zu sehen war, legt mehr als beachtlich im Verkaufsrang zu: Von Platz 396,224 auf 2,268 derAmazon-Verkaufsrangliste ist das (vergriffene) Buch geklettert, und - laut Glaserei, wo ich auf diese Geschichte aufmerksam wurde - hat der Verlagsexperte Jim Milliot auch eine Fachbezeichnung für diese Art Buchmarketing-Strategie parat: "Idiotisches Glück"!
Manischen Geschichten-Erfindern wie mir fällt dabei natürlich sofort eine Frage ein, mit der man aus diesem Detail mehrere phantastische Geschichten herausholen könnte: "Was wäre, wenn dieses Buch nicht zufällig dort lag?"

8.12.09

About Arno Schmidt's Nachlass

Sollte hier jemand vorbeilesen, der einer amerikanischen Universität, die ein germanistisches Institut hat, etwas sehr, sehr gutes tun will, möge mal bei David Winer vorbeiklicken.
Unfassbar, was für Schätze im Netz zu heben sind.

1.12.09

Empfehlenswert: Dropbox

Wer - wie ich - des öfteren Dateien auf mehreren Computer (der Bürorechner, der Zuhause-Rechner, der Laptop...) bearbeiten muss, der weiß, dass es keine kleine Aufgabe ist, auf allen Computern die jeweils aktuellste Version der zu bearbeitenden Dateien zur Verfügung zu haben. Munter mailt man ständig Dateien an sich selbst oder trägt einen USB-Stick mit sich herum krabbelt unter den Schreibtisch, um ihn einzustöpseln und stellt dann fest, dass man die letzte Version der Datei doch auf die Platte und nicht auf den Stick gespeichert hat.
Das muss nicht sein, wenn man Dropbox benutzt, einen Service, der einem nicht nur kostenlos 2 GB Speicherplatz im Internet zur Verfügung stellt, sondern auch eine Software, die die im Internet gespeicherten Daten mit denen auf beliebig vielen eigenen Rechnern synchronisiert.
Die Bedienung ist denkbar einfach: bei Dropbox registrieren, Software runterladen und installieren, dem eigenen Rechner einen Namen geben und einen lokalen Dropbox-Ordner anlegen. Alles, was man dort reinspeichert, wird mit dem Dropbox-Account synchronisiert. Das wiederholt man mit allen Rechnern, auf denen man die Daten zur Verfügung haben will, alles andere geschieht automatisch.
Und da man so angelegte Ordner auch für andere User freigeben kann, ist das ganze auch für Arbeitsgruppen sehr nützlich, die Dokumente gemeinsam bearbeiten wollen oder müssen.
Das ganze ist unkompliziert, intuitiv bedienbar und kostenlos (bis 2 GB, wer mehr Daten speichern will, muss löhnen). Ich benutze es seit gestern, alles, was ich versucht habem, hat bestens funktioniert. Zur Sicherheit hab ich mal nach Problemen mit dem Dienst gegooglet und keine gefunden. Daher empfehl ich die Dropbox mal. Erleichtert die Arbeit.

28.11.09

Dr. Diesel - Buchpremiere auf der südwestpassage kultour


Seit bald zwei Jahren sind unsere Verlagsräume in Berlin-Friedenau, und da freuen wir uns, uns auch in diesem Jahr an der südwestpassage kultour zu beteiligen, einem an zwei Tagen stattfindenden Rundgang durch Friedenaus Ateliers, Schreibstuben, Buchhandlungen usw.
Wir können diesmal mit einer ganz besonderen Attraktion aufwarten, mit einer Buchpremiere. Soeben ist "Dr. Diesel" im MyStory Verlag erschienen, ein Band mit außergewöhnlichen Vampir-Erzählungen von Michael Finzer.
Dr. Diesel ist ein Vampir der etwas anderen Art: Im Gegensatz zu Bram Stoker’s Dracula, der sich lieber pfählen ließ als nicht in klassischer Abendgarderobe zu erscheinen, greift Dr. Diesel gern auf moderne, farbenfrohe Kunstfasern zurück, wenn er im Motorrad vorfährt. Auch mit vorehelicher Keuschheit, wie sie zur Zeit von Mrs. Meyer gepredigt wird, hat der lebensfrohe Untote nichts im Sinn. Dr. Diesel ist politisch vollkommen unkorrekt, steht ständig unter Strom und bringt den Vampyrismus endgültig ins 21. Jahrhundert. Wo er auch hingehört.
Neugierig? Dann einfach heute (28.11.09) um 20 Uhr 30 in der Albestr. 26 vorbeischauen. Da liest Michael Finzer aus seinem Buch, das man selbstverständlich auch erwerben und sich signieren lassen kann. Für eine kleine Erfrischung ist natürlich gesorgt.
Und für diejenigen, die heute Abend keine Zeit haben: morgen ist auch südwestpassage kultour, morgen kann man uns auch besuchen. Ab 14 Uhr steht die Verlagstür offen, es gibt Kaffee, Kuchen, Plätzchen, und (vor)gelesen wird natürlich auch. Wir freuen uns auf jeden Besucher!

4.11.09

Kein NaNoWriMo für mich

Blogbesucher, die seit ein paar Tagen hier nach meinem Arbeitsjournal zum diesjährigen NaNoWriMo-Event Ausschau halten, muss ich leider enttäuschen: ich habe mich entschlossen bzw. entschließen müssen, in diesem Jahr auf die Teilnahme am National Novel Writing Month zu verzichten.
Mir fehlt schlicht und einfach die Zeit. Ich bin derzeit mit einem sehr aufwändigen Lektorat befasst, schreibe parallel dazu die Dialoge für eine Rockshow, die im nächsten Frühjahr Premiere haben soll, bearbeite ein Theaterstück, bei dem ich ebenfalls im nächsten Frühjahr Regie führen werde und der nächste Eisenbahn-Krimi droht auch schon aus dem Bahnwärterhäuschen... es tut mir in der Seele weh, aber ich muss mir den Riesenspaß NaNoWriMo dieses Jahr entgehen lassen. Dies erstmal nur zur Info.


23.10.09

Napoleone


Diese Woche hat unser Autorenverlag ein neues Buch an den Start gebracht: "Napoleone" von Manfred M. Bergner.
Kenner des Zirkus und des Varieté werden bei diesem Namen eventuell hellhörig. Ist das nicht Manfred Tornado? Genau der ist es, der langjähriger Chef der Tornados, dessen dreifacher Salto rückwärts auf dem Schleuderbrett zur Legende geworden ist.
Vor ein paar Jahren hat Bergner sich von Bühne und Manege verabschiedet und mit dem Schreiben begonnen.
Und wir freuen uns ganz besonders, dass er seinen ersten Roman bei uns veröffentlicht. "Napoleone" ist eine augenzwinkernd-humorvoll erzählte Hundegeschichte, gleichzeitig aber auch eine lebenskluge Parabel über Macht, Herrschaft und Rassismus.
Eine kurze Leseprobe:
Er bemerkte den Geruch von Fleisch aus einem Topf auf dem
Herd in seinem Näschen. „Aha, da bereitet Frauchen sicher
mein Abendbrot!“ schloss Napoleone messerscharf. Frauchen
nahm den Topf vom Herd.
„Achtung, es geht los. Erst muss ich bedient werden. Danach
kann der Altrüde die Reste aufsammeln, wenn überhaupt!“,
knurrte der neue Leithund.
Frauchen nahm das Fleisch aus dem Topf. Sie schnippelte daran
herum und pustete drauf, so dass es erkaltete und der Kleine
es essen konnte, ohne sich sein Mäulchen zu verbrennen. Napoleone
beobachtete alles ganz genau und war sehr zufrieden
mit Frauchen.
Das Rudel aß gemeinsam zu Abend, und nur Napoleone hatte
Fleisch auf seinem Tellerchen. Herrchen bekam die Fleischbrühe.
Darüber beschwerte er sich heftig.
„Du wolltest doch immer Brühe mit Ei zum Abendbrot. Dir kann
man auch nichts recht machen!“, sagte Frauchen. „Da serviere
ich dir leckere Brühe, und dann ist es auch wieder nicht richtig.“
„Ich möchte auch Fleisch haben!“
„Das geht nicht!“
„Warum nicht?“
„Weil das Fleisch nur für Napoleone gedacht ist.“
Am 12. Dezember um 16 Uhr wird Manfred M. Bergner in Berlin aus seinem Buch lesen, und zwar um 16 Uhr im Hotel Gates. Der Eintritt ist frei.
Die Presse ist jetzt schon auf Bergner und sein Buch aufmerksam geworden.
Napoleone, erschienen im MyStory Verlag Chris Kurbjuhn, Paperback, 160 Seiten, ISBN 978-3-938399-31-6, 12,90 €, ab sofort im Buchhandel erhältlich.

16.10.09

Ick koof Herta gratis bei Lehmann oder auch nicht


Eigentlich eine tolle Idee: Heute kann man sich "Atemschaukel", den aktuellen Roman von Herta Müller als E-Book kostenlos herunterladen - von libreka, dem E-Book-Portal der deutschen Verlage. Könnte man, denn statt libreka bekommt man zur Zeit die nebenstehende Fehlermeldung. Augenscheinlich ist der libreka-Server unter der Vielzahl der Anfragen zusammengebrochen.
Da staune ich sehr. Hatte tatsächlich bei libreka niemand mit einem solchen Ansturm gerechnet? "Och, olle Herta? Det will eh keiner lesen!" Nun ja, wenn man das neue Buch einer frischgekürten Nobelpreisträgerin verschenkt, das im Laden 19,90 € kostet, hätte man schon mit dem einen oder anderen Interessenten rechnen können.
Aber heute früh habe ich noch mehr gestaunt. Da liefen die Server noch, und ich konnte mir "Atemschaukel" herunterladen. Nach einem kleinen Hindernislauf. Und eigentlich hab ich den Roman gar nicht heruntergeladen, sondern... ach, der Reihe nach.
Die Downloadmöglichkeit war nicht schwer zu finden, aber um Herta Müllers Buch in den libreka-Warenkorb legen zu können, musste man sich erstmal registrieren. Okay, hab ich Verständnis für, kein Problem. Also Formular ausgefüllt und endlich den Roman... immer noch nicht heruntergeladen. Ich sollte mir erst eine Buchhandlung an meinem Wohnort aussuchen, bei der ich das Gratis-E-Book kaufe (kein Scherz!). Verwirrt suchte ich nach der Dorotheenstädtischen Buchhandlung (die ist beim Büro um die Ecke, vielleicht sind da die Datenleitungen kürzer), doch libreka kannte die Dorotheenstädtische nicht. Also einigten sich das System und ich auf Lehmanns Buchhandlung in der Hardenbergstr., da muss ich heute abend sowieso vorbei, ich bin um die Ecke verabredet. Vielleicht kann ich dann dort meinen Download... mitnehmen. Oder so.
Nein. Brauchte ich nicht. Plötzlich kam Bewegung in die Sache. Fa. Lehmann offerierte mir eine finanzamtskompatible Rechnung über 0,00 €, ich lehnte dankend ab und meine Kooperationsbereitschaft wurde mit einem Downloadlink belohnt. Hinter diesem Link verbarg sich aber nicht das E-Book, sondern eine 1,5 KB große Datei mit kryptischer Endung. Langsam begriff ich das ganze als sportliche Herausforderung, suchte nach der Hilfe (wenn jemand zu libreka durchkommt: auf "drm" klicken!) und fand schließlich eine Schritt-für-Schritt-Anleitung. Um den libreka-Link in eine Art E-Book zu verwandeln, musste ich erst Fa. Adobe aufsuchen und etwas namens "Adobe Digital Editions" installieren. Mit dieser Digital Editions konnte ich dann... das E-Book nicht direkt herunterladen, aber es immerhin lesen. Wenn ich das, was auf der Adobe-Seite steht, richtig verstanden habe, lädt Digital Editions wohl eigentlich nxi herunter, sondern öffnet eine auf dem Adobe-Server befindliche Kopie. Um auszuprobieren, ob ich "Atemschaukel" auch offline lesen könnte, fehlte mir die Zeit: die ganze Operation hatte soviel Zeit in Anspruch genommen, dass ich mich beeilen musste, um ins Büro zu kommen. Und ab dann war libreka offline. Nu ja.
Liebe libreka-Verleger, wenn ihr euren Kunden ein neues Produkt wie das E-Book schmackhaft machen wollt, dann müsst ihr die Sache so einfach wie möglich machen. Wenn ihr stattdessen einen derartigen Hindernisparcours aufbaut, an dem Menschen, die weniger geduldig bzw. frustrationstolerant sind als ich zwangsläufig scheitern müssen, dann werdet ihr kein Geschäft mit E-Books machen.
Dann macht das eben wer anders.

14.10.09

Eine Verkettung wenig glücklicher Umstände

Wer etwas darüber erfahren möchte, wie der Buchmarkt funktioniert, wie Bücher in großen Buchhandlungen positioniert und vermarktet werden, wird bei der Süddeutschen fündig. Vorsicht, Illusionsverlust!

12.10.09

Kindle? So doch nicht!

Endlich ist es soweit: amazons Kindle, für mich der erste ernst zu nehmende E-Book-Reader, kommt nach Deutschland. Man kann ihn jetzt schon über amazon.com ordern, die ersten Exemplare werden ab 19. Oktober ausgeliefert.
Ich als traditioneller "early adopter" hatte mir fest vorgenommen, den Kindle sofort zu bestellen, wenn er hierzulande erhältlich ist. Von diesem Vorhaben habe ich Abstand genommen, als ich mich über den Lesestoff informierte, der zunächst für den Kindle erhältlich sein wird. Man wird zunächst beinahe ausschließlich englische E-Books kaufen können, und das Angebot abonnierbarer deutschsprachiger Zeitungen und Zeitschriften beschränkt sich auf FAZ, Handelsblatt und Wirtschaftswoche.
Ähm... dafür soll ich 279$ plus Versandkosten plus Steuer (laut SpOn insgesamt 251 €) auf den Tisch legen? Äh, nö. Ich zumindest kauf mir doch keinen E-Book-Reader, weil das so ein schickes Gerät ist, ich kauf ihn mir wegen der Bücher, die ich damit lesen kann. Und so lange da das Angebot nicht stimmt (nicht nur amazon ist hier gefordert, hier müssen auch die deutschen Groß-Verlage endlich aus ihrem Tiefschlaf erwachen), investier ich die 250 € lieber in analogen Lesestoff.
Überhaupt 250 €: machen wir uns nix vor, wenn der Reader soviel kosten wird, wird das hierzulande auf Länge nix mit E-Books. Der E-Book-Markt wird funktionieren wie der für DVDs. Das Abspielgerät muss äußerst preiswert sein, das eigentliche Geschäft wird mit den Medien für dieses Gerät gemacht. Will man dem Lesepublikum einen E-Book-Reader schmackhaft machen, dann muss der Reader einen Preis haben, der die Leute dazu bringt, zu sagen "Das probier ich mal aus." Wenn ich für dieses Ausprobieren den Gegenwert von ca. 30 Taschenbüchern berappen muss, probier ich nix aus und kauf mir erstmal die 30 Taschenbücher.
Bleibt für mich die Frage, warum amazon seinen Kunden ein solch unfertiges Angebot überhaupt andient? Resignation gegenüber dem "Abwarte-Beton" der deutschen Verlage? Ist schon ein neuer, besserer Kindle in der Pipeline, so dass das Lager geräumt werden muss? Oder will man vor einem möglichen starken Konkurrenten (Apple?) auf dem Markt sein?

9.10.09

Typisch Autor!



Und ganz im Gegenteil aber leider hierzulande "typisch Drehbuchautor" diese Bestandsaufnahme von Tilmann P. Gangloff im Rheinischen Merkur.

Herta wer?

"Hand aufs Herz - wer kennt Herta Müller?" Diese bzw. ähnliche Fragen tauchten gestern öfters auf Twitter, Facebook und sonstwo in sozialen Sonstwo-Netzen auf, und die Antworten waren ebenso einhellig wie vorhersehbar: "Nie gehört." - "Kenne nur Hertha BSC." etc. Nicht mal die Vermutung "Ist das vielleicht die Frau von Heiner Müller?" gönnte man der frischgebackenen Literaturnobelpreisträgerin, dazu ist Heiner Müller wohl schon zu lange tot, denn kennt auch keiner (mehr).
Da staunt die "digtale Bohême", dass die Stockholmer jemand, der ihnen vollkommen unbekannt ist, mit dem wichtigsten Literaturpreis der Welt bedenken. Wenn's ein Japaner wie Kenzaburō Ōe oder ein franzüsischer Chinese wie Gao Xingjian ist, ist das ja verzeihlich, aber jemanden aus dem eigenen Land zu ehren, denn man nicht kennt? Schon merkwürdig, diese Stockholmer.
Natürlich ist es kein Wunder, dass Herta Müller hierzulande nicht in der vordersten Liga der Literatur-Promis mitspielt: ihr Thema ist Rumänien (in diesem Land hat sie bis vor zwanzig Jahren gelebt), ihr Thema ist die Unterdrückung der Menschen dieses Landes durch das totalitäre Regime, das dort jahrzehntelang geherrscht hat. Wie soll jemand, der sich ein Leben lang an diesem Thema abarbeitet, hierzulande zu Ruhm kommen?
"Hast du mal was zu lesen?" - "Ja, hier, hab ich gerade durch, was über Menschenrechtsverletzungen in Rumänien." - "Ach."
Durch die Verleihung des Literaturnobelpreises wird jetzt die Aufmerksamkeit auf Herta Müller, ihre Bücher und ihr Thema gelenkt. Und das ist gut, das ist richtig und das ist wichtig, denn es ist letztlich nicht wichtig, ob das Publikum hierzulande Literaturpreisträger ABC oder Literaturpreisträger XYZ kennt. Wichtig ist, dass unbequeme Themen in die öffentliche Diskussion kommen, die sich nicht an den persönlichen Befindlichkeiten des Großfeuilletons orientieren.
Irgendwie schade, dass es des Nobelpreises bedarf, um einer mutigen, hartnäckigen und fähigen Autorin wie Herta Müller die verdiente Aufmerksamkeit in dem Land, in dem sie lebt, zu verschaffen. Und in sofern hat die Stockholmer Kommission eine sehr, sehr gute Wahl getroffen, denn sie ist vom Stifter des Preises ausdrücklich auf den Idealismus des Autors bzw. seines Werks verpflichtet worden.
Da hat's die richtige getroffen, auch und gerade weil sie bis gestern hierzulande nicht jeder kannte.
Und nächstes Jahr dann endlich Philip Roth, nicht wahr? Stockholm?

8.10.09

Literatur-Nobelpreis an Herta Müller

Soeben sehe ich, dass der Nobelpreis für Literatur in diesem Jahr an Herta Müller geht.
Sicherlich ist gerade ihr dieser Preis aus vollem Herzen zu gönnen, aber ich kann nicht umhin, gebetsmühlenartig das zu wiederholen, was ich jedes Jahr anlässlich der Nobelpreisverleihung zu sagen habe: Die Hartnäckigkeit, mir der die Stockholmer Philip Roth übergehen, empfinde ich mittlerweile als bösartig.

12.9.09

Angst bei der Arbeit

Der Fall Doris Heinze geistert immer noch durch die Blätter. Die Frankfurter Rundschau hat die Sache zum Anlass genommen, einen Artikel über die Situation der von dieser Angelegenheit Hauptbetroffenen, die Drehbuchautoren, zu veröffentlichen. Sehr lesenswert. Und leider entspricht das dort Geschriebene hundertprozentig den Tatsachen.

10.9.09

Bestandsaufnahme.

Für den Tagesspiegel von heute hat Peter von Becker anläßlich des Beginns der Theatersaision eine umfang- und kenntnisreiche Bestandsaufnahme der derzeitigen Situation geschrieben.
Ich liste dann mal die Autoren auf, die von Becker in seinem gut eine Zeitungsseite langen Artikel erwähnt: Anton Tschechow, Daniel Kehlmann, Bertolt Brecht, Euripides, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich von Schiller, Elfriede Jelinek, Georg Büchner, Heiner Müller, Peter Handke, William Shakespeare. Maxim Gorki zähle ich mal nicht, da er nur als Namensgeber des Maxim-Gorki-Theaters herhalten muss. Das macht dann insgesamt 11 Autoren, von denen immerhin drei noch am Leben sind. Von diesen dreien schreibt Kehlmann gar nicht fürs Theater, Frau Jelinek erzeugt keine Theaterstücke sondern Textkonvolute, die von Schauspielern auf Bühnen interpretiert werden, aber wenigstens Peter Handke schreibt gelegentlich noch Theaterstücke. Wenn er ein Fettnäpfchen findet, in das er hineintreten kann.
Anderthalb von elf. Ah, ja. Ich finde, diese kleine Statistik sagt mehr über die derzeitige Situation des Theaters und die Sichtweise des Groß-Feuilletons als von Beckers ellenlanger Text.

8.9.09

Einladung zur Buchparty "Nach Süden"

Vor ein paar Tagen ist in unserem Verlag "Nach Süden" erschienen, ein Band mit Reiseerzählungen von Meinhard Schröder. Am Sonnabend, dem 12. 9. 2009 um 16 Uhr findet die Buchpremierenparty im Hotel Gates, Knesebeckstr. 8-9, 10623 Berlin, zu der wir herzlich einladen.
Meinhard Schröder wird - natürlich - aus seinem Buch lesen, Leonie Kauer sorgt für die musikalische Begleitung, ein Gewinnspiel wird veranstaltet und selbstverständlich gibt es für unsere Gäste auch eine kleine Erfrischung. Und natürlich ist der Eintritt frei!
Damit wir wissen, mit wieviel Gästen wir ungefähr zu rechnen haben, wären wir für eine Anmeldung dankbar, entweder telefonisch unter 030 33772835 oder per Email an info@mystory-verlag.de.

7.9.09

Die Causa Heinze in der SZ

Zum Fall der ehemaligen NDR-Redakteurin Doris Heinze hat die Süddeutsche einen ganz ausgezeichneten Artikel mit dem treffenden Titel "Mittelmaß und Wahn" veröffentlicht. Bitte auch die Kommentare lesen, da findet sich so manches aufschlußreiche Detail (die Einbrüche letzte Woche bei der AllMedia usw.).
Gleichzeitig zieht der SZ-Artikel auch die richtigen Schlußfolgerungen. Das hermetische, viel zu gut vernetzte und damit letztendlich einen kreativen Konkurrenzkampf verhindernde ARD-System ist Schuld daran, dass unsere Fernsehfilme so dröge und bräsig sind, gerade so, als wären sie vor dreißig Jahren gedreht worden. Auch wenn Heinze und ein Teil ihrer Mit- und Zuarbeiter jetzt aufgeflogen sind: ich fürchte, am grundlegenden System wird sich durch diesen Skandal nicht das geringste ändern. Und damit bleibt die Situation Job für Drehbuchautoren hierzulande schwierig. Und wird von Jahr zu Jahr schwieriger.
Nachtrag: Gerade habe ich einen eebnfalls ausgezeichneten Artikel bei der FAZ entdeckt. Genauso lesenswert.

5.9.09

Fry über Schreiben

Stephen Fry hat seine Deadline geschafft und feiert dieses Ereignis mit einem sehr, sehr schönen Blog-Eintrag (mit einem Thomas-Mann-Zitat, das ich noch nicht kannte!) darüber, wie schwierig Schreiben ist. Dringende Leseempfehlung.

4.9.09

Trainer Baade und die Kunst

In den letzten Tagen hat es gewaltig gerumpelt in der deutschen Blogossphäre. Ein auch von mir sehr geschätzter Fußball-Blogger, Trainer Baade, war von einer Anwaltskanzlei im Namen des Sportartikelherstellers Jako abgemahnt worden, weil er das neue Logo dieses Herstellers in einem eindeutig satirischen Beitrag deftig verrissen hatte. Über den Ablauf der ganzen Affäre kann man sich bei allesaußersport informieren, probek hat die Reaktionen gesammelt, ich muss das also hier nicht nochmal aufdröseln. Mittlerweile scheint Bewegung in die Sache zu kommen, eine Presseerklärung von Jako gibt Hoffnung, dass Frank Baade unbeschadet aus der Sache herauskommen wird.
Was mir als Autor an dieser Geschichte (und an einigen anderen, ähnlich gelagerten) sauer aufstößt, ist die geistige Grundhaltung mit der Unternehmen und Anwaltskanzlei Frank Baade angegangen sind. Baades Text (er hat ihn mittlerweile gelöscht) war eindeutig satirisch. Nicht gerade ein Meilenstein in der Geschichte des Humors, eher ein schnell hingehauener Moment-Einfall, aber ganz eindeutig eine Satire. Trotzdem glaubten ein Unternehmen und eine Anwaltskanzlei, hier einen Autor zur Raison bringen zu dürfen. Meinungsfreiheit? Schtonk! Freiheit der Kunst? Schtonk!
Kein Politiker kommt (mehr) auf die Idee, einen Kabarettisten juristisch anzugehen, der ihn satirisch ins Visier genommen hat. Wieso glaubt ein Wirtschaftsunternehmen, die Freiheit der Kunst gelte nicht, wenn es um die eigenen Marken und Produkte geht?
Langsam aber sicher macht sich in diesem Land ein besonders widerlicher Grundkonsens breit: das wirtschaftliche Interessen höher zu bewerten sind als alles andere. "Ja, mein Gott, da muss man doch Verständnis haben, dass die ihre Interessen schützen wollen." Nein. Muss man nicht. Nicht, wenn es um die künstlerische Freiheit geht.
Ich habe fertig.

28.8.09

21.8.09

Kuriose Preis-Titel

Dieser schöne Preis war mir bisher doch glatt entgangen: der für den kuriosesten Buchtitel des Jahres, der von Schotts Sammelsurium und dem Buchmarkt vergeben wird. Auf http://www.kuriosesterbuchtitel.de konnte man Vorschläge machen, jetzt wurde die Longlist ausgewählt und veröffentlicht.
Mein Favorit ist "Wie man mit einem Schokoriegel die Lichtgeschwindigkeit misst und andere nützliche Experimente für den Hausgebrauch".

18.8.09

Des einen Leid, des anderen...

Kaum glaublich, aber wahr: Während man hierzulande gegen das Deppenapostroph (Schnulli's Schlemmerecke, Brockhau's Lexikon) wie gegen Windmühlenflügel kämpft, beklagen die Briten den Apostroph-Schwund im Englischen.

via Textguerilla

Nach Süden

Soeben hab ich wieder etwas ins Verzeichnis lieferbarer Bücher reingeschrieben. Das bedeutet meistens, dass wir ein neues Buch herausgebracht haben. Heute ist das ein Band mit schönen, humorvollen Reiseerzählungen von Meinhard Schröder.
Der Klappentext:
Bei der Geburt wurde dem in Berlin lebenden Autor Meinhard Schröder keineswegs eine Zukunft als Reiseschriftsteller gesungen. Aber seine Mutter urteilte schon bald wegen seiner vielen Fahrradausflüge in die schöne Umgebung seiner Heimatstadt Schwerin: "Du bist ein Wandervogel - wie dein Großvater".
Sie sollte Recht behalten.
Ein Zitat:
"Man mag es glauben oder nicht: Wanderführerin ist auf Teneriffa ein gefährlicher Beruf. Und das nicht ewa wegen der Gefahr, in einer Schlucht abzustürzen. Nein, gegen solche Widrigkeiten ist die Wanderführerin durch Ausbildung und Erfahrung gewappnet. Die eigentliche Gefahr droht ihr von den Wanderern."
Wie immer haben wir auch auf der Verlagswebsite eine Seite für dieses Buch eingerichtet, wo man es auch bestellen kann.
Und natürlich wird es auch für dieses Buch eine party mit Lesung und (vorraussichtlich) musikalischer Begleitung geben. Sowie Termin und Ort feststehen, poste ich hier eine Einladung.

Crash bei Crashpoint

Wegen einer nachgerade hymnischen Vorabkritik auf SpOn habe ich mir gestern den Pro7-Flugzeug-Desaster-Movie "Crashpoint" angetan. Die Begeisterung des SPIEGEL-Kritikers konnte ich - besonders vom drehbuchandwerklichen Standpunkt aus - überhaupt nicht teilen.
Wie Flugzeug-Desaster-Movies funktionieren wissen wir spätestens seit der Mutter aller Fischvergiftungen, dem unvergesslichen "Flug in Gefahr" aus 1964. Grundvorraussetzung dafür, dass man mit den Menschen mitfiebert, die in einem maroden Flugzeug durch die Lüfte schlingert, ist, dass man sie mag. Um die Passagiere einer Unglücksmaschine mögen zu können, muss man etwas Zeit haben, sie kennenzulernen. Und selbst wenn man das Flugzeug mit einem Haufen Klischee-Figuren bevölkert, die wie alle schon zigmal in der Airport-Serie gesehen haben, wir möchten trotzdem auch diese Figuren kennenlernen. Deshalb vertragen solche Filme nicht nur eine breit angelegte Exposition, sie müssen sie sogar haben. Je mehr dem Zuschauer diese Figuren ans Herz wachsen, desto mehr Empathie empfindet er angesichts der Bedrohung, in die diese Menschen geraten.
Was geschah jedoch in "Crashpoint"? Die Passagiere werden kurz mit zwei, drei Sätzen charakterisiert, ins Flugzeug geschickt, und das ist noch nicht mal halb in der Luft, als das Schicksal schon zuschlägt. Der restliche Film ging mir - und vielen anderen Zuschauern, wie ich den einschlägigen Foren entnehme - trotz stellenweise hohen Schauwerten ziemlich am Arsch vorbei. Weil mir die Passagiere vollkommen wurschtegal waren. Ich kannte sie ja nicht.
James Cameron hat die "Titanic" in Echtzeit untergehen lassen, der Untergang des Schiffs dauerte im Kino genau so lang wie in der Realität. Damit das Wirkung machte, hat er sich vorher eine Exposition gegönnt, die noch einmal so lang war. Hätte er mit dem Untergang der Titanic angefangen, wäre der Film vermutlich niemals ins Kino gekommen, sondern wäre an irgendeinem Montag abend bei Pro7 gelaufen.

17.8.09

Leseempfehlung: Hecht in Hollywood

Einer meiner All-Time-Lieblingsautoren ist Ben Hecht. "Ben Wer?" fragt man hierzulande häufig, denn der Autor zahlreicher klassischer Drehbücher ist hierzulande nur Kennern der Hollywood-Geschichte bzw. Benutzern der deutschen bzw. der (in diesem Falle empfohlenen) englischen Wikipedia bekannt.
Mit "A Child of the Century" hat Hecht eine der besten, gehaltvollsten, ideen- und sprachmächtigsten Autobiographien aller Zeiten geschrieben. Leider ist dieses Meisterwerk nur in einer stark gekürzten Fassung in Deutschland erschienen (in den achtziger Jahren, wenn ich mich recht entsinne). Seit einiger Zeit bemüht sich der Berenberg Verlag darum, Ben Hecht deutschen Lesern schmackhaft zu machen. 2006 erschien "Revolution im Wasserglas", eine Sammlung von Reprotagen aus dem Nachkriegsdeutschland des 1. Weltkriegs.
Und dieser Tage erscheint "Von Chicago nach Hollywood", Hechts Erinnerungen an seine Zeit als Drehbuchautor. Wenn ich richtig informiert bin, handelt es sich bei diesem Buch um eine auf Hechts Hollywood-Erlebnisse eingedampfte Kurzausgabe von "Child of the Century". Beim Perlentaucher kann man sich eine Leseprobe zu Gemüte führen. Ich lege allen Menschen, die hier vorbeikommen, Ben Hecht ans Herz. Ein grandioser Autor, ein absoluter Meister des Schreibhandwerks.

12.8.09

Überarbeitungsweisheit

Diese Weisheit ist nicht auf meinem Mist gewachsen, ich hab keine Ahnung von wem sie stammt, aber ich beherzige sie immer, wenn ich etwas zu lektorieren oder zu überarbeiten habe: "Man kann jeden Text um 100 Prozent besser machen, in dem man mindestens 50 Prozent der Adjektive und Adverbien streicht."

10.8.09

E-Books - In China scheint's loszugehen...

Einen hochinteressanten Artikel über den boomenden E-Book-Markt in China habe ich im Jetzt-Magazin der SZ gefunden. Dort scheinen sich E-Books bei einer völlig neuen Generation von Lesern, den Computerspielern (!) einer schönen Akzeptanz zu erfreuen und über diesen Umweg auf dem Weg in den Mainstream zu sein.
Sicherlich kann man den chinesischen Markt auf Grund seiner schieren Größe (ein Nischen-Erfolg spielt dort schon richtig Geld in die Kasse) nur schwer mit dem hiesigen vergleichen, doch einige Details scheinen mir bemerkenswert.
Zum ersten sind dort E-Books wesentlich preiswerter als ihre gedruckten Pendants (wenn gedruckte Pendants überhaupt existieren). Das ist eine Grundvoraussetzung für den Erfolg von E-Books. Jedem Leser und potenziellen E-Book-Käufer ist klar, dass eine Datei wesentlich preiswerter herzustellen ist als ein gedrucktes Buch, und diesen Preisvorteil muss man an den Leser weitergeben, sonst kommt er sich veräppelt und ausgenommen vor. Das ist eine Tatsache, auch wenn hierzulande einige Verlage mit Marketing-Gesülze versuchen, die Realität zu leugnen.
Zum zweiten, dass dort E-Books für einen speziellen Markt geschrieben und kapitelweise publiziert und vermarktet werden. Offenbar hat die im Artikel genannte Firma "Shanda" das iTunes-Prinzip ("Du musst kein ganzes Album kaufen, du darfst ruhig nur einen Titel des Albums kaufen!") auf E-Books übertragen und bei den Lesern offene Türen eingerannt. Das ist wenig verwunderlich, wenn man sich eine Statistik ins Gedächtnis ruft, die vor ca. einem Jahr Gesprächsthema war: Nämlich dass viele Menschen die Bücher, die sie sich anschaffen, nicht auslesen. Eine unglaublich hohe Zahl von Lesern hört vor dem Schluss auf, sogar bei Whodunits und - unglaublich! - bei Harry Potter. Solchen Menschen kommt die kapitelweise Vermarktung eines Buchs natürlich sehr entgegen.
Und hier sehe ich riesige Möglichkeiten für Autoren und Verlage. Denn ein derartiges Geschäftsmodell schreit natürlich geradezu nach einem Comeback des Fortsetzungsromans. Eine wirklich spannende Geschichte, von der jede Woche eine neue Folge erscheint, die auf einen Höhepunkt hin geschrieben ist und mit einem Cliffhanger endet, der den Leser 7 Tage lang rätseln lässt, wie die Sache wohl weitergeht... das sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn so eine Story nicht eine große und treue Lesergemeinde finden würde.
Und das wird erst der Anfang sein. Wer jetzt Zeit und Ressourcen frei hat, ein paar derartige Geschichten zu entwickeln, wird einen großen Vorteil haben, wenn hierzulande die Verlage die Zeichen der Zeit erkennen. In China sind diese Zeichen schon deutlich zu sehen.

4.8.09

Total-Buyout rechtswidrig

Drei Gerichte haben im letzten halben Jahr Total-Buyout-Verträge, in denen Freie Autoren sämtliche Rechte an ihren Texten an Verlage abtreten müssen, für rechstwidrig erklärt. Ausführlicher steht's hier.
Gleiches müsste dann doch eigentlich für die Buyout-Verträge für Drehbücher gelten, oder?

Ein Leben im "Kulturbetrieb"

Fantastischer Nachruf in der "Achse des Guten". Ja, so ein Leben, das kennt man, genauso läuft's doch beim Dings... und beim... und bei...

3.8.09

Lenz im Interview

Sie haben fast alle bedeutenden Ehrungen erhalten, die man als Autor bekommen kann, aber auch ein paar eigenartige wie Ehren-Alster-Schleusenwärter in Hamburg oder Ehren-Konditor. Ziehen Sie solche Ehrungen an?

Siegfried Lenz:
Zur dänischen Konditor-Ehre bin ich gekommen, weil ich in einer Fernsehsendung einmal gefragt worden bin, ob ich eine Ehrung vermisse. Da habe ich geantwortet: Ja. Ich möchte gerne Ehren-Konditor der dänischen Konditoren-Gesellschaft werden.

Mögen Sie Süßes?

Lenz:
Nein.

Wunderbares Interview mit Siegfried Lenz auf Welt-Online.


Neues Blog: Mehringdamm

Heute durch Zufall entdeckt und gleich in die Blogroll gesteckt: Ekehard Knörers Mehringdamm, hinter dem eine einfache, aber bestechende Idee steckt:
"Über die Straße ist ein Buch-Antiquariat. In einem Regal an der Hauswand werden Bücher umsonst offeriert. Ich nehme eins mit, lese es, so weit ich Lust habe, schreibe hier auf, was mir dazu einfällt, und bringe das Buch dann zurück. Dann kommt das nächste."

Von meiner Wohnung bis zu diesem Antiquariat sind es nur ein paar hundert Meter. Vielleicht bediene ich mich auch mal dort.

27.7.09

Was ist komisch?

Vor ca. 15 Jahren habe ich an einem überaus unterhaltsamen und lehrreichen Sitcom-Workshop bei der mittlerweile verstorbenen TV-Comedy-Legende Danny Simon teilgenommen. Danny Simon hatte eine ganz einfache Antwort auf die Frage, wie man eine komische Szene kreiert: "Something must go wrong."



Danny Simon hatte recht.

Im Netz gefunden: Waiblinger über Hölderlin

Der Name Wilhelm Waiblinger sagt sicher nicht jedem etwas. Die Wikipedia immerhin kennt ihn, beginnt den Artikel über Waiblinger jedoch gleich mit einer Art Warnung, dass es wohl dessen herausragendste Leistung war, mit Eduard Mörike und Friedrich Hölderlin befreundet gewesen zu sein.
Seit heute glaube ich, dass man Waiblinger bitter unrecht tut. Durch einen Zufall bin ich auf einen Text im Netz gestoßen, den Waiblinger über Hölderlin verfasst hat, der mich auf Anhieb dermaßen begeistert hat, dass ich ihn sofort komplett verschlungen habe.
"Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn" sei hiermit nachdrücklich zur Lektüre empfohlen.


Pons.eu

Der Pons-Verlag hat heute ein Online-Wörterbuch gestartet. Die Aufregung im Blätterwald ist groß, von einem Generalangriff auf den Duden ist die Rede. Weil man bei Pons die Rechtschreibung einzelner Wörter gratis überprüfen kann (Pons hofft auf Werbe-Einnahmen), wohingegen der Duden sich die Online-Rechtschreib-Expertise bezahlen lassen will.
Von irgendwelchen Angriffen auf den Duden zu reden ist natürlich hirnrissiger Quatsch. Diese Angriffe wurden vor zwanzig Jahren gefahren, als die Softwarehäuser begannen, ihren Textverarbeitungen immer leistungsfähigere, ausbaubare Rechtschreibprüfungen beizulegen. Ob die Zahl der Menschen, die online einzelne Wörter nachschlagen, tatsächlich so groß ist, dass man mit Werbung oder Bezahl-Systemen Geld verdienen kann, weiß ich nicht. Ich selbst tue das nur in Augenblicken großer Verwirrung oder fortgeschrittener Trunkenheit.
Immerhin, wenn man doch mal schnell nachschlagen will, mit wieviel "f" sich "Schifffahrt" denn nun schreibt, kann man das Pons-Portal durchaus benutzen. Weil es ja tatsächlich nichts kostet. Außerdem findet man auf pons.eu zur Zeit eine Online-Übersetzung in diverse Sprachen (Angriff auf Google?), ein paar weitere - zum Teil noch deutlich im Beta-Stadium befindliche - Anwendungen (Bildwörterbuch, Kalender mit Sprachübungen) und ein Blog zum Thema Fehler in Sprache und Rechtschreibung.
Wenn man den heutigen Blogeintrag verlinkt, wird die Rechtschreibung des eigenen Beitrags geprüft und man kann etwas gewinnen. Aber wohl nur, wenn man unter 1000 Zeichen bleibt. Ich bin schon drüber. Mist.

22.7.09

Einladung zur Buchparty "Eine Kindheit im Weddinger Hinterhof"

Seit ein paar Wochen steht das in unserem Verlag erschienene Erinnerungsbuch "Eine Kindheit im Weddinger Hinterhof" von Eberhard Beetz im Verzeichnis lieferbarer Bücher und ist in den Buchhandlungen erhältlich.
Jetzt wollen wir dieses Buch auch "offiziell" auf den Weg bringen und laden herzlich zu einer Buchparty ein.
Am Sonnabend, dem 25. Juli um 16 Uhr liest der Autor im Hotel Gates, Knesebeckstr. 8-9, 10623 Berlin, einige Passagen aus seinem humorvollen, gelegentlich sarkastischen Memoiren. Anschließend signiert er seine Bücher. Eine kleine Erfrischung steht für die Gäste unserer Buchparty ebenfalls bereit. Der Eintritt ist frei.

20.7.09

Lesung in Berlin: Weites, fernes Land

Am kommenden Donnerstag, dem 23. Juli, um 19 Uhr liest Ursula Gesche, eine Autorin, die in unserem Verlag veröffentlicht, im "Evergreen - Kaufhaus für Lebensweise" in Berlin-Friedenau, Südwestkorso 70, aus ihrem Reisebuch "Weites, fernes Land".
In diesem Buch erzählt die zweiundachtzigjährige Frau Gesche von einer Reise nach Kanada und Alaska. "Weites, fernes Land" ist das zweite Buch, das sie geschrieben hat. Auch ihr erstes Buch, ihre Lebenserinnerungen mit dem Titel "Überwiegend Schönes", ist in unserem Verlag erschienen. Und in einigen Wochen werden wir ihr drittes Werk, einen Roman mit dem Titel "Seines Glückes Schmied" herausbringen.
Frau Gesche und wir freuen uns auf zahlreiche Besucher der Lesung aus "Weites, fernes Land". Der Eintritt ist frei.

Buzz's Buch

Heute vor vierzig Jahren haben die Astronauten der Apollo-11-Mission als erste Menschen den Mond betreten. Statt die Menschen, die dieses Blog lesen, mit irgendwelchen Reminiszenzen zu belästigen, wie ich als zwölfjähriger Junge halb verschlafen mit offenem Mund vorm Fernseher hockte, oder zum hundertfünfzigsten Mal den Mr. Gorsky-Witz, der ein Fake ist, zu erzählen, möchte ich .
"Begegnung mit Tiber" ist ein Science-Fiction-Roman von John Barnes und Buzz Aldrin, ja, genau, dem Buzz Aldrin, der als zweiter Mensch nach Neil Armstrong den Mond betreten hat. Und es handelt sich bei diesem Buch nicht um eine der üblichen Mit-einem-prominenten-Namen-Abzockereien, "Tiber" ist ein richtig spannend geschriebener Erst-Kontakt-Roman, der auf jeder seiner 900 Seiten die Begeisterung für die Raumfahrt förmlich atmet. Grandioses Lesevergnügen, ich hab das dicke Brikett vor zehn Jahren auf einen Hau durchgelesen. Bis morgens um vier. War dann genauso müde wie bei der ersten Mondlandung.
Das Buch gibt's zur Zeit leider nur antiquarisch.

16.7.09

Fauser 65 if...

„Schreiben war gut. Besser als die Gemeinschaft mit Menschen war, über sie zu schreiben, und dann nicht an ihnen haften zu bleiben, sondern weiterzuhüpfen wie die Kugel im Roulettekessel.“ (Jörg Fauser: „Die Tournee“, letzte Seite; 1987)
Heute wäre Jörg Fauser 65 Jahre alt geworden. Über diesen Ausnahmeautor steht einiges im Netz, hier sei erstmal nur auf Matthias Penzels ganz ausgezeichneten Text hingewiesen, sowie auf einen kurzen Fauser-Originalton und einen ebenso kurzen wie wunderschönen Text.

Die letzten Rosen


In den nächsten Stunden taucht ein neues Buch unseres Verlags im Verzeichnis lieferbarer Bücher auf, im Lauf der nächsten Woche sollte man es in jeder Buchhandlung bestellen können. Direkt beim Verlag kann man es natürlich jetzt schon vorbestellen.
"Die letzten Rosen" ist eine Kurzgeschichtensammlung. Renate Loewenberg erzählt von Atze, dem Fuchs, von einem Mann, der eine Schallplatte als Kopfbedeckung trägt, von Notbremsungen und von Keksbüchsen mit ganz besonderem Inhalt: Alltagsgeschichten, die alles andere als alltäglich sind.
Natürlich haben wir, wie immer, für dieses Buch eine eigene Seite auf der Verlags-Website eingerichtet.

14.7.09

Buchempfehlungen zum Thema Schreiben

In "More Intelligent Life" finde ich heute eine Empfehlung für drei Bücher, die Kreatives Schreiben lehren: Stephen King "On Writing", Anne Lamott "Bird by Bird" und Natalie Goldberg "Writing Down the Bones".
Mit der King-Empfehlung gehe ich hundertprozentig konform, meiner Meinung nach ein ausgezeichnetes, hilfreiches Buch. "Bird By Bird" kenne ich nicht und mit den Büchern von Mrs. Goldberg habe ich... gelegentlich gewisse Schwierigkeiten.
Auf meiner Liste hätten noch Larry Beinhart "Crime - Kriminalromane und Thriller Schreiben" und - natürlich - Patricia Highsmith "Suspense oder wie man einen Thriller schreibt" gestanden, beides enorm unterhaltsame und lehrreiche Bücher, die weit über das Spannungs-Genre hinaus reichen.

13.7.09

Hat mal jemand Feuer?

Vor einiger Zeit habe ich hier schon mal was über Schreiben und Rauchen geschrieben. Da ging es um rauchende Autoren und den Arbeitsrhythmus, den einem die Zigarette vorgeben kann. Wie ist es aber mit rauchenden Figuren?
Früher war es durchaus Geschmackssache, ob man eine seiner Figuren rauchen ließ oder nicht. Rauchen war eine gesellschaftlich vollkommen akzeptable Freizeitbeschäftigung, zu einer gefährlichen Sucht, mit der der Raucher sich und andere gefährdet, ist es erst in den letzten Jahren geworden.
Und so beginnt sich auch das Bild des in Geschichten beschriebenen Rauchers bzw. der Raucherin zu wandeln. Früher griff der Privatdetektiv ganz selbst verständlich zur Zigarette, wenn er die lose herumhängenden Enden seines aktuellen Falls gedanklich verknüpfen wollte. Heute rühren die Detektive in ihrem Café Latte herum, denn die Zigarette ist kein männlich-lässiges Accessoire mehr, sondern signalisiert - möglicherweise - einen schwachen Charakter, der nicht in der Lage ist, sich aus einer Nikotinabhängigkeit zu befreien.
Ähnlich ist es mit den Raucherinnen in Romanen und Kurzgeschichten. Die pflegten sich früher auf Barhockern zu räkeln und pflegten eine Bekanntschaft mit der scheinbar belanglos-üblichen Bitte um Feuer einzuleiten. Ein kurzer Blick in die Augen des Feuerzeug-Besitzers, eine lasziv ausgeblasene Rauchwolke, und zack! hatte der Autor die Situation mit einem vielversprechenden zwischenmenschlich-erotischen Subtext aufgeladen. Heute fragt sich der geplagte Autor, ob seine Leser den Geruch eines Nikotin-Atems tatsächlich als erotisierend empfinden könnten. Und woher sein Protagonist ein Feuerzeug haben soll, weil der sich doch gerade das Rauchen abgewöhnt hat...
Tatsächlich wird - meiner subjektiven Einschätzung nach - in Büchern und Drehbüchern deutlich weniger geraucht als noch vor wenigen Jahren. Ein Humphrey Bogart, der die Zigarette über mehrere Filme hinweg nicht ausgehen ließ, ist heutzutage vollkommen undenkbar bzw. unschreibbar geworden.
Und ich finde das verdammt schade. Denn diesen ganzen politisch korrekten Nichtrauchern, die jetzt die Geschichten bevölkern (von den trockenen Alkoholikern ganz zu schweigen), fehlen oftmals gerade die unkorrekten Ecken und Kanten, aus denen spannende Figuren und Situationen entstehen. Wo bleibt der nikotinabhängige Privatermittler, der nicht nur nach der Lösung seines Falls sondern auch nach Orten sucht, an denen er ungestört rauchen darf? Wo ist die selbstbewusste Femme Fatale, die diesen Namen auch verdient und sich von niemandem das Laster verbieten lässt?

6.7.09

Wo bleibt das E-Book?

Soeben im Perlentaucher-Blog entdeckt: ein schöner, lesenswerter Artikel über E-Books und die Zukunft von Büchern im Internet. Ein Artikel, der mir aus der Seele spricht, denn ich kann es gar nicht abwarten, bis endlich(!) hierzulande ernstzunehmende E-Book-Angebote auf dem Markt erscheinen werden.
Natürlich habe ich nichts gegen "richtige" Bücher. Im Gegenteil, ich freue mich jedesmal, wenn ich ein neues Buch in die Hand nehme, das Knistern von Seiten höre, die zum ersten Mal umgeblättert werden, den verheißungsvollen Geruch, den das "frische" Papier verströmt.
Nur: das muss ich nicht bei jedem Buch haben, das ich lese. Dieses Posting zum Beispiel schreib ich aus dem Urlaub heraus. Und ein gelungener Urlaubstag ist für mich erst einer, an dem ich zwei-, drei-, vierhundert Seiten möglichst aktuellen Reißer/Thriller/Krimi-Lesestoff verschlungen hab. Kiloweise schleppen wir diese Bücher immer mit in den Urlaub, und lassen sie dann in der Leseecke des jeweiligen Hotels wieder stehen. Und dieses Jahr durften wir uns nicht nur mit den Bücherkilos abschleppen, wir mussten sogar der Lufthansa Übergepäck-Gebühr in den gierigen Rachen werfen. Wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, statt einem halben Koffer voller schwerer Bücher ein kleines Kästchen mit gut lesbarem Display mitzunehmen, das ein paar tausend Seiten speichern kann... Ja, ich wäre doch bescheuert, wenn ich das nicht tun würde. Bzw. tun möchte, denn hierzulande gibt es nach wie vor kein Ernst zu nehmendes E-Book-Angebot.
Das müsste aus einem preiswerten (!) E-Book-Reader bestehen, und aus einem möglichst umfassenden Angebot von Lektüre, die preislich deutlich unter den anderen Print-Varianten liegt, denn natürlich lassen sich E-Books deutlich preiswerter herstellen und vertreiben als gedruckte Bücher, egal, was für einen Schwachsinn etablierte Verlage zu diesem Thema heraustrompeten. Ja, und natürlich möchte ich neue E-Books direkt auf den Reader runterladen und mit irgendeinem gescheiten E-Payment-System bezahlen können. Zusätzlich zum E-Book-Reader noch einen Notebook herumtragen und den Reader wegen jedem Pipifax daran anschließen müssen ist einfach bloß lästig.
Und auch proprietäre Formate wie die, die auf dem Kindle von Amazon laufen, können nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Ich möchte die E-Books kaufen, die mich interessieren, und nicht die, die ein bestimmter Anbieter für mich bereithält.
Okay, in ein paar Tagen ist mein Urlaub vorbei. Dieses Jahr hat kein E-Book-Anbieter mit mir ein Geschäft gemacht. Darf ich hoffen, dass ich nächstes Jahr mit leichterem Gepäck reisen kann? Oder wenigstens übernächstes?


4.7.09

Und am Anfang... auf keinen Fall das Wetter!

"Heftig prasselte der Regen auf die Straße, dass die Tropfen in den Pfützen tanzten..."
"Es war der heißeste Tag des Jahres. Kein Lufthauch regte sich..."
"Der Himmel war von makellosem Blau. Weit entfernt, am Horizont, konnte man allerdings einige erste dunkle Wolken ausmachen..."
So fangen viele Texte an, die als unverlangt eingesandte Manuskripte im Posteingang von Verlagen landen. Und alle diese Texte, die mit einer knappen Schilderung der aktuellen Wetterlage anfangen, haben eines gemeinsam: Sie landen sofort im Postausgang (wenn ein frankierter Rückumschlag beigelegt wurde) oder im Papierkorb (wenn besagter Rückumschlag nicht beiliegt). Wenn ein Text mit einem Wetterbericht anfängt, ist dass für einen Lektor ein beinahe hundertprozentig sicheres Zeichen dafür, dass der Text von einem Anfänger stammt, der das schreiberische Handwerk (noch?) nicht beherrscht.
Die Aufgabe des Textanfangs ist es, den Leser möglichst schnell in die Story hineinzuziehen, ihn zu fesseln, zum Weiterlesen zu bewegen. Dafür eignet sich ein Wetterbericht nun gar nicht. Was als unverbindliche Smalltalk-Eröffnung hervorragend funktioniert, funktioniert auf Buchseiten überhaupt nicht. Was ist an einer vergangenen bzw. fiktiven Wetterlage spannend? Was könnte einen Leser an Schäfchenwolken vor blauem Himmel so faszinieren, dass er fieberhaft die Seite umblättert? Nichts.
Gut. Sicher gibt es - wenige - Ausnahmen. Aber meistens zeigt der Wetterbericht dem Lektor, dass hier ein Autor am Werk ist, der sich nicht hundertprozentig sicher ist, wovon sein Text handelt und deshalb versucht, sich über Smalltalk in seine Story hineinzuschwafeln. Und schon ist klar: Ein Text, der so anfängt, ist nicht ausgereift. Und solche Texte braucht man gar nicht erst einzuschicken.
Ein guter Text fällt mit der Tür ins Haus. Mit dem, was wichtig ist. Mit dem, was den Leser begeistern soll. Und das ist in 99,999999% der Fälle nicht das Wetter.

2.7.09

"Die Vorleser" nebst 4. Neuzugang in der Blogroll "Literaturcafé"

Im Literaturcafé stehen neue Informationen über die Heidenreich-Nachfolge-Literatursendung im ZDF: "Die Vorleser".
Obwohl ich mir denken kann, wie's gemeint ist, finde ich den Titel mehr als unglücklich: meine erste Assoziation bei "Vorleser" ist "Aha, es geht um Hörbücher!", meine zweite ist das Buch von Bernhard Schlink. Na gut, sollte der Titel alles sein, was ich an der Sendung zu meckern haben werde, dann dürfte das ZDF mit "Die Vorleser" einen Erfolg landen. Trotz des Titels.
Und, wo ich gerade dabei bin, tu ich das Literaturcafé noch schnell in die Blogroll. Eine streitbare, lesenswerte Website rund ums Lesen und Schreiben.

Genres, Regeln und Regelverstöße

Wenn man sich entscheidet, in einem bestimmten Genre zu schreiben, entscheidet man sich zunächst einmal dafür, die Regeln dieses Genres zu akzeptieren. In Science-Fiction-Romanen wird nicht gezaubert, in Fantasy-Romanen landen keine Aliens und in klassischen Whodunits, die auf dem Land in England spielen, finden keine brutalen Feuergefechte rivalsierender Gangstergruppen statt.
Diese Regeln, die es für jedes Genre gibt, sind nicht von irgendeiner Kommission aufgestellt worden, sondern ergeben sich aus den Erwartungen der Leser dieser Genres und Sub-Genres. Ein Beispiel: Ein mir sehr nahestehendes Familienmitglied ist süchtig nach Whodunits, in denen altjüngferliche Hobby-Ermittlerinnen mit (gern vor historischem Hintergrund) komplizierte Mordfälle aufdecken. Jeder kennt diese Romane, in denen es mehr um die Schrullen der beteiligten Personen als um den eigentlichen Kriminalfall geht. Das mir nahestehende Familienmitglied ist sehr streng, was die Einhaltung der Regeln dieses Genres betrifft. Vor allen Dingen darf nicht zu viel Blut fließen und die liebgewonnenen Heldinnen dürfen keiner allzu akuten Bedrohung ausgesetzt werden. Wagt ein Autor (bzw. in diesem Genre meist eine Autorin) sich zu sehr in den action- und spannungsorientierten Grenzbereich, klappt das mir nahestehende Familienmitglied das Buch zu und kauft kein weiteres dieser Autorin. Punkt. Genre-Fans sind streng. Und sie wissen, wo sie Autoren am empfindlichsten treffen können: an der Brieftasche.
Und doch machen sie hin und wieder einmal Ausnamen (ausser das mir sehr nahe stehende Familienmitglied). Ich z. B. bin Thriller-Fan und schätze besonders die stilreinen Romane dieses Genres, also die, die sich an der klassischen Thrillerdefinition "Der Protagonist wird Opfer einer Verschwörung und deckt dieselbe auf" orientieren.
Was in diesem Genre normalerweise gar nicht funktioniert, ist die Arbeit mit mehreren Protagonisten. Wenn mehrere Leute sich an der Aufdeckung einer Verschwörung beteiligen, ist der Reiz des "against all odds" weg, wie ihn zum Beispiel Robert Ludlum in der "Bourne Identität" meisterhaft benutzt: Am Anfang der Geschichte fängt der Protagonist buchstäblich bei Null an. Er wird nackt und verwundet aus dem Meer gezogen, sogar sein Gedächtnis hat er verloren, und am Ende triumphiert er über einige der mächtigsten Organisationen der Welt: ganz großes Popcorn-Buch. Und je weniger Hilfe der Protagonist in so einer Story bekommt, um so befriedigender ist die Lektüre, wenn er es schließlich doch schafft.
Dass es mit mehreren Protagonisten (und mit weiteren Regelverstößen) doch sehr gut funktionieren kann, habe ich jetzt bei der Lektüre von "Das Imperium der Wölfe" von Jean-Christophe Grangé gelernt. Grangé wechselt nicht nur zwischen mehreren Protagonisten mehrfach hin und her, er lässt sie - Thriller-Todsünde! - auch ziemlich grausame Tode sterben und überlässt die endgültige Auflösung der (Rache-) Geschichte einer Nebenfigur... Grangé lässt also von der klassischen Thriller-Formel praktisch nichts mehr übrig, und trotzdem funktioniert seine Geschichte auch und gerade als Thriller ausgezeichnet: weil er die Regeln mit Grund und nicht aus einer Laune heraus bricht. Weil er einen stimmigen Plot konstruiert hat, der es zwingend (logisch und moralisch) erfordert, dass am Ende keiner der Protagonisten und Antagonisten mehr am Leben ist (Der Roman hat übrigens ein anderes Ende als die Verfilmung).
Beim ersten Protagonistenwechsel hab ich die Nase gerümpft, am Schluss war ich begeistert. Eine erstklassige Thriller-Geschichte, die gerade durch raffinierten Regelbruch Thriller-Geschichte geschrieben hat.

Keine Fänger-Fortsetzung

Vor ein paar Wochen habe ich über die Klage geschrieben, die J. D. Salinger gegen eine Fortsetzung seines Klassikers "Der Fänger im Roggen" angestrengt hat. Mittlerweile ist der Fall verhandelt worden, ein New Yorker Gericht hat die Fortsetzung untersagt.
Mein Mitgefühl mit dem Autor der abgewürgten Fortsetzung hält sich in Grenzen.

1.7.09

Blogroll - 3. Neuzugang: Immy and the City

Gerade beim Surfen entdeckt: "Immy and the City - das traurigste Doku-Blog der Welt". Ein Blog über die - wen wundert's - schwierige Suche nach einem Verlag für eine Graphic Novel.
Ein äußerst lesenswertes, durchaus emotional geschriebenes Blog über eine frustrierende Verlagssuche, das eben nicht mit dem weinerlichen Ton des angeblich unverstandenen Künstlers daher kommt. Hier hat jemand ein hochprofessionelles Package (sieht man mal vom ohne Zoom sehr schwer zu lesenden Text der Leseprobe ab), geht die richtigen Wege, holt sich erwartbar die blutige Nase und... macht weiter, bemüht sich, noch professioneller zu werden. Tolles Projekt, tolles Blog, willkommen in meiner Blogroll!
Ich drücke beide Daumen, fürchte aber, dass es schwierig bleiben wird. Ein Verlag müsste unbekanntes Terrain beschreiten, um dieses - auf den ersten Blick faszinierende - Projekt zu realisieren. Und damit tut sich hierzulande kein Verlag leicht.

28.6.09

Zettelkasten

Vor zwei Jahren habe ich hier ein Posting reingeschrieben, in dem es um die Organisation meiner Notizen ging. Darin bekannte ich mich - trotz Computern, Datenbanken, Creative-Writing-Programmen usw. - zum guten alten Zettelkasten. Und in den zwei Jahren, die seitdem verstrichen sind, hab ich nichts gefunden, was bei der Arbeit unkomplizierter und schneller funktionieren würde, als meine Zettelkästen.
Heute hat mich ein Freund via Facebook auf ein hochinteressantes youtube-Video zum Thema Zettelkasten aufmerksam gemacht. Das möchte ich den hier mitlesenden Notizenmachern und -sortierern nicht vorenthalten.

26.6.09

Blogroll - 2. Neuzugang: More Intelligent Life

Seit Jahrzehnten schlage ich die Zeitungen, die ich regelmäßig lese zuerst beim Feuilleton auf, denn dort steht immer das, was mich in der Zeitung am meisten interessiert: im Idealfall eine bunte, aktuelle Mischung aus den Bereichen Kultur und Artverwandtes. Was ich vom Feuilleton erwarte: Es soll mich überraschen, mir Anreize bieten, über meinen eigenen Tellerrand zu gucken und mit dem Gedanken "Das ist ja interessant!" anzufangen, Artikel über Dinge zu lesen, die mich bis dato gar nicht interessiert haben.
Diese Eigenschaft des Bunten, Vielfältigen, Überraschenden ist den Feuilletons vieler deutscher - und internationaler - Zeitungen in den letzten Jahren abhanden gekommen. Oftallzuoft finde ich im Feuilleton eine vorhersehbare Mixtur aus Rezensionen, Meinungen und Besinnungsaufsätzen, in denen Redakteure wie Brummkreisel um die eigenen, eingefahrenen Denkmuster kreiseln. Schade, denke ich dann, und wende mich den anderen Ressorts zu.
Ein Feuilleton aber ragt turmhoch über alle anderen hinaus. Das ist das programmatisch betitelte "Intelligent Life", ein vierteljährlich erscheinendes Magazin des Economist. Hier finde ich haargenau diese Mischung von Themen, die einen kulturell interessierten Menschen interessieren könnten.
Und "Intelligent Life" steht als "More Intelligent Life" im Internet. Hier werden peu á peu die Artikel der jeweils aktuellen Ausgabe veröffentlicht, hier erscheinen aber auch zahlreiche Beiträge exklusiv online. Und beinahe jeder lohnt das Lesen. Wie zum Beispiel der, der gerade eben meine Gehirnzellen in Bewegung gebracht hat: "Warum wir alle Autoren geworden sind"

23.6.09

Blogroll - 1. Neuzugang New York Times Book Review

Ab heute fang ich an, eine vernünftige Blogroll zum Thema Schreiben/Lesen/Veröffentlichen anzulegen. Ich liste nur die Blogs, die ich regelmäßig mit Genuß lese. Wer meint, dass ich ihn überlese, kann mir eine Mail schicken.
Der erste Platz in der neugeschaffenen Blogroll (rechts in der Sidebar, unter den Links zu meinen anderen Seiten) gebührt dem in jeder Hinsicht schönsten Blog zum Thema Buch, das ich kenne: der Book Design Review von der New York Times. Vordergründig geht es hier um Buchcover. In Wirklichkeit geht es um Ideen und ihre Vermittlung. Also um das, was Bücher sein sollten.
Ich freue mich auf jedes neue Posting.

18.6.09

Dialoge wie Rennwagen

Gute Filmdialoge sind wie Rennwagen: sie werden auf Gewicht optimiert, d.h. sie werden soweit abgespeckt und verknappt, bis nur noch soviel übrig ist, um über die Ziellinie zu kommen. Ein wunderbares Beispiel für die durch äußerste Verknappung entstehende Lakonie findet sich im gerade eben anlaufenden Thriller "State of Play". Ein Journalist spricht einen Polizisten an:

"I heard a young woman was murdered".
"Who told you that?"
"You just did."

Hier der ganze Trailer. Scheint ein sehr guter Film zu sein.

16.6.09

Wer soll das alles lesen?

Und gleich noch ein Lesetipp: Über die Mengen an Text, die uns täglich scheinbar überfluten, hat Peter Glaser für die Berliner Zeitung einen sehr schönen, kenntnisreichen (!) Artikel geschrieben.

Die Zwei

Was für eine tolle Idee: Giesbert Damaschke hat einen Blog aufgesetzt, in dem er den Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe in Echtzeit (!) wiederveröffentlicht. Am 13. Juni hat er begonnen, den letzten Brief können wir also Ende 2020 erwarten (für die ungeduldigeren Fans der Klassiker gibt es ja diverse Ausgaben der Briefe).
Interessant an Damaschkes Projekt ist für mich, dass man die Kommunikation zwischen den beiden Literatur-Helden auf einer für unsere Verhältnisse total entschleunigten Zeitlinie miterleben kann: damals war es normal, z. T. wochenlang auf Antwort zu warten. Wenn man diese Antwort las, hatte man also selbst die diskutierten Themen schon längst weitergedacht, hatte neue Dinge erlebt, den eigenen Standpunkt revidiert... ein solcher Briefwechsel muss also auch Gelegenheit geboten bzw. gefordert haben, den eigenen Standpunkt des öfteren zu hinterfragen, neu zu überdenken oder gar zu revidieren. Das verspricht ein Leseerlebnis, auf dass ich sehr gespannt bin.
Hier geht's zum Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe.

14.6.09

Scheckbücher und Tagesspiegel

Alle paar Wochen gibt es einen sehr guten Grund, in die Sonntagsausgabe des Tagesspiegel zu schauen. An den Sonntagen, an denen zu sehr später Stunde (Schande über dich, ARD!) Denis Schecks Literatursendung "druckfrisch!" zu sehen ist, ist Scheck auch im Kulturteil des Tagesspiegel zu lesen. Dort nimmt er sich unter dem Titel "Aufgeschlagen Zugeschlagen" die jeweiligen Nummern 1 bis 10 der aktuellen Bestsellerliste (Belletristik und Sachbücher im Wechsel) vor, und das ist jedesmal eine bereichernde Lektüre. Bücher, die Scheck empfiehlt, kann man meiner Erfahrung nach unbesehen kaufen, wenn man sich denn für das Thema interessiert, und Bücher von denen er abrät... die kauft man natürlich nicht, aber Schecks Kurzverrisse in dieser Kolumne kommen so herrlich bösartig auf den Punkt, dass ich in der U-Bahn schon mehrmals durch lautes Lachen aufgefallen bin, wenn mich eine Scheck'sche Pointe erwischte.
Und, wo wir beim Tagesspiegel sind: Liebe Leute, einmal in der Woche, am Sonntag, macht ihr eine (!) Literaturseite. Heute rezensiert ihr gerade mal drei (!) Bücher und ein paar Zeitschriften. Das ist ziemlich arm. Trotz der zehn Scheckbücher.

11.6.09

Lesung in Berlin: Das Kamel in meinem Garten

Am 20. Juni liest der Berliner Autor Meinhard Schröder liest an den Kamelhaaren herbei gezogene Geschichten, Gedichte und Gerüchte – über sich und seine Vorfahren, über die Frauen, due Kinder die Mäuse, den goldenen Gartenzwerg und die Welt. Dabei wird er von Leonie Kauer am Akkordeon begleitet.
Die Texte, die Schröder liest, stammen aus "Das Kamel in meinem Garten", einem Buch, das in unserem Autorenverlag erschienen ist.
Textprobe: „Das gemeinsame Waschen schmutziger Wäsche markiert nach den Soziologen Kaufmann und Kaufmann die eigentliche Paarbildung. Weit verbreitet ist der Glaube, dass zur Trennung eines Paares das Waschen schmutziger Wäsche gehört. Genau genommen ist das falsch. Soziologisch beginnt die Trennung erst mit der Trennung der schmutzigen Wäsche. Nur die Benutzung der noch gemeinsamen Waschmaschine durch die beiden Teile des zerstrittenen Paares ist erlaubt. Würden sich aber deren Wäschestücke in der Trommel berühren, so wäre die Anerkennung des Trennungsjahres in Gefahr.“
Die Lesung findet in der Historischen Dorfaue, Alt-Heiligensee 67, 13509 Berlin statt. Der Eintritt beträgt 10,– (ermäßigt 7,–) €.
Info & Reservierung unter Tel.: 030/43 66 27 07 oder per Mail info(at)kulturfrosch.de

10.6.09

NaNoWriMo 09: Wie ein Weltmeister

Vor ein paar Tagen hab ich noch geschrieben, dass ich noch nicht wüsste, was ich dieses Jahr beim "National Novel Writing Month" (Jedes Jahr im November versuchen Autoren rund um den Globus, in 30 Tagen einen Roman von mindetens 50.000 Zeichen zu schreiben, näheres auf der NaNoWriMo-Website), und im letzten Jahr hab ich mich ja auch erst 3 Wochen vor dem Startschuss für eine Hardboiled-Private-Eye-Story entschieden, aus der dann "Der Fänger im Beton" wurde. Wie das Schicksal so spielt: vorgestern schob ich ein paar Story-Ideen in meinem Hinterkopf hin und her, wühlte in ein paar unordentlich aufbewahrten Zeitungsausschnitten und fand einen Artikel über ein Entführungsopfer, das sich hartnäckig weigerte, zu sagen, wer es wohin entführt hatte, während ich gleichzeitig ein Schachproblem zu lösen versuchte, und plötzlich passten all die disparaten Teile in meinem Kopf zusammen und formten sich zu einem neuen Fall für Bruno Pachowiak.
Wieder wird ein junger Mensch in existenzieller Not sein, wieder wird Bruno Pachowiak auf einen rücksichtslosen, scheinbar übermäßigen Gegner treffen und natürlich wird Bruno seinem Motto: "Warum umständlich Türen benutzen, wenn man auch direkt durch die Wand gehen kann?" nicht untreu werden.
Natürlich stehe ich noch am Anfang der Story-Entwicklung, aber die Grundstruktur steht bereits. Der Herausforderer des Schachweltmeisters, ein 14jähriges Wunderkind namens Wassili, wird während des Matches entführt, taucht aber nach zwei Tagen unbeschadet wieder auf. Der Junge weigert sich zu sagen, was während der Entführung geschehen ist, nimmt das Match wieder auf und beginnt, zu verlieren. Wassilis Vater engagiert Pachowiak, der es zunächst nicht schafft, Wassilis Vertrauen zu gewinnen und den Fall von einer anderen Richtung aufrollen muss.
Der Arbeitstitel des Romans ist "Wie ein Weltmeister".
Das Thema der Geschichte ist das Streben nach Erfolg.
Die (derzeitige) Logline der Story: Bruno Pachowiak, ein hartnäckiger, gewalttätiger Privatdetektiv verhindert einen Wettbetrug bei einer Schachweltmeisterschaft und hilft einem 14jährigen Wunderkind bei seinen ersten Schritten im Erwachsenenleben.
Während ich diese paar Zeilen geschrieben habe, sind mir schon wieder ein paar Figuren und Szenen eingefallen. Ich glaube, die Geschichte wird vielen Leuten Spaß machen, mir, Pachowiak und allen, die sie lesen werden. Ich freu mich jetzt schon auf den November.

9.6.09

Eine Kindheit im Weddinger Hinterhof


Heute haben wir ein schönes neues Buch auf den Weg gebracht: "Eine Kindheit im Weddinger Hinterhof" von Eberhard Beetz. Die Druckdateien sind hochgeladen, die Einträge im Verzeichns lieferbarer Bücher sind vorgenommen und auf der Verlagsseite haben wir die übliche Buchseite eingerichtet. In wenigen Tagen sollte das Buch in jeder Buchhandlung bestellbar sein. direkt beim Verlag kann man es natürlich jetzt schon vorbestellen.

Der Klappentext:
Der Berliner Autor Eberhard Beetz veröffentlicht mit dem vorliegenden Band seine Kindheitserinnerungen. Beetz erzählt mit großem Einfühlungsvermögen und prallem Humor. Dabei spannt er den Bogen von der Nazi-Zeit und den Schrecken des 2. Weltkriegs über die Berliner Trümmerjahre bis zu den Kindertagen der deutschen Demokratie. Ihm ist ein Geschichtsbuch voller Menschlichkeit und Wärme gelungen, das den Leser in seinen Bann ziehen wird.
Ein Zitat:
Es war der 1. Juli 1945. Die Sonne schien schon am frühen Morgen klar vom blauen Himmel, als wir mit Hilfe von Herrn Graf den kleinen Wagen, auf dem sich unsere gesamte Habe befand, aus der Scheune zogen und ihn auf der Dorfstraße abstellten. Herr Graf und seine Frau begleiteten uns nach draußen und beide hatten sie Tränen in den Augen. Schließlich erschien Major Dimitri in voller Uniform. Er trat auf jeden von uns zu und umarmte uns fest. Dann sagte er: „Wenn mir jemals einer gesagt hätte, ich würde einen Deutschen umarmen, ich hätte ihn für verrückt erklärt.“
Demnächst wird es natürlich noch eine Buchpräsentation in Berlin geben. Ich sag rechtzeitig Bescheid.

Nirvana

Eben zufällig entdeckt: Begeisternde Miniatur von Ben Hecht. Ursprünglich war die Story ein Beitrag für Hechts legendäre Kolumne "1001 Afternoons in Chicago". Nirvana hat man in fünf bis zehn Minuten gelesen. Der Text und vor allen Dingen der wunderschön komponierte Schluss hallen jedoch ganz schön lange nach.

8.6.09

Autoren müssen bezahlt werden

Harlan Ellison ist ein brillanter Autor, der sich vehement dafür einsetzt, dass professionelle (!) Autoren für ihre Arbeit adäquat bezahlt werden.



Selbstverständlich bin ich der gleichen Ansicht wie Mr. Ellison und bitte um Beachtung für die Protextbewegung, deren Banner sich ab sofort in der Sidebar dieses Blogs befindet.

7.6.09

Personal Update 07.06.09

Da ich ja nicht nur Allgemeinplätze über das Handwerk des Schreibens vor mich hinonkle, sondern dieses Handwerk auch recht aktiv betreibe, werde ich ab sofort in unregelmäßigen Abständen einen knappen Überblick über meine derzeit aktuellen Projekte und Pläne geben. Vielleicht interessiert es ja jemanden.
  • Ich arbeite an der Rohfassung eines Musical-Librettos mit dem Arbeitstitel "2012".
  • Ein weiteres Theaterprojekt für die Mindener Museumsbahn (auf der im letzten Jahr der "Mörderexpress" gespielt wurde) existiert als Exposé und wird im September zur Aufführung kommen. In den nächsten Tagen beginne ich mit einem ausführlicheren Treatment.
  • Auf dieser Schiene (Wortspiel! Ha! Ha!) habe ich noch ein weiteres Exposé in der Pipeline, das eventuell im nächsten Jahr realisiert werden soll. Die Finanzierung ist allerdings noch ungewiss, ich gebe dem Exposé gerade den letzten Schliff.
  • In der nächsten Woche muss ich noch eine Filmkritik über den neuen Chabrol zu Papier bringen.
  • Im November will ich - wenn meine Zeit es erlaubt - wieder am National Novel Writing Month teilnehmen. Ich fange an, mir Gedanken zu machen, was für einen Roman ich schreiben werde: eine neue Bruno-Pachowiak-Geschichte, oder doch lieber eines von den seit langem im Hinterstübchen gehegten Projekten?
  • Nebenbei und nur zum Spaßvergnügen schreibe ich in drei Blogs herum: hier, in meiner Netzecke und im Exyl.

5.6.09

Ken Follett 60

Ken Follett, der grandiose Handwerker, der den Thriller genauso perfekt schreibt wie den historischen Roman, wird heute sechzig. In der FAZ steht eine schöne Würdigung.
Wer schreibt oder sich für das Autorenhandwerk interessiert, sollte zur Feier des Tages vielleicht "Eisfieber" zur Hand nehmen. Im Prinzip müsste jeder Lektor, der sein Gehalt wirklich verdient, wie ein Aasfresser über dieses Buch herfallen: an den Haaren herbeigezogene, zufallsgesteuerte Handlung, kurioser Genre-Mix aus Thriller, Familiengeschichte, Lovestory und noch ein paar zerquetschten, zum Teil komplett unglaubwürdige "cardboard characters" (Daisy!) ... diese hanebüchene Story ist ganz eindeutig ein totgeborenes Kind!Es sei denn, ein Meister wie Follett schreibt sie, jemand, der die Regeln so gut beherrscht, dass er sie nach Belieben brechen kann. Chapeau, Mr. Follett. Und... wo bleibt das nächste Buch?

Der Kläger im Roggen

Es stand in allen Zeitungen: J. D. Salinger hat einen anderen Autor verklagt, der für ein eigenes Buch Holden Caulfield benutzt hat, den Protagonisten aus "Der Fänger im Roggen", nachlesen kann man die Details u. a. hier.
Als ich davon las, dachte ich unwillkürlich: "Wie engstirnig!" Para-Literatur ist hunderte von Jahren alt, da ist doch nichts dabei, wenn man eine Figur eines Kollegen nimmt und mit der ein wenig vor sich hinfantasiert...
Aber dann dachte ich "Was wäre eigentlich, wenn das jemand mit einer deiner Figuren macht? Vor allen Dingen, wenn das jemand täte, den du nicht leiden kannst oder für einen miesen Schriftsteller hältst?" Auf dieseselbstgestellte Frage konnte ich dann nicht anders als "Natürlich würde ich das mit allen Mitteln zu verhindern versuchen."
Zumindest bei den Figuren, die ich mit "heißem Herzen" geschrieben habe. Was aus den Gestalten wird, die durch die eher ungeliebten Auftragsarbeiten geisterten, ist mir einigermaßen Mumpe, aber wenn sich jemand an Pachowiak vergriffe? An Addi undFritze? An Prinz und Charlie? Würde irgendjemand seine Kinder mit einem Fremden, den er kaum oder gar nicht kennt, auf eine Reise ins Unbekannte schicken? Nee. Das geht gar nicht.
Wenn ich mich für ein eigenes Projekt beim Werk eines lebenden Autors bedienen möchte, dann habe ich denjenigen selbstverständlich um Erlaubnis zu fragen. Und wenn er mir die nicht erteilt, dann muss ich mein Projekt in die Tonne treten, so schwer mir das möglicherweise auch fällt.
Das Urheberrecht schützt den Autor. Auch vor seinen Kollegen.

26.3.09

Geschichten, die das Leben schrieb

Seit Monaten, vermutlich seit Jahren verfolge ich die Geschichte des Heilbronner Polizistenmords und der Suche nach der Täterin, dem sogenannten Heilbronner Phantom. Was für eine Geschichte, welche dramatischen Möglichkeiten, was für ein faszinierendes Geheimnis! Und das bei einer Geschichte "aus dem wirklichen Leben", einer Story, die sich kein dramturgisch beschlagener Autor ausgedacht hat, sondern die einfach so passiert ist. Die Geschichte hatte einfach alles, was eine gute Geschichte braucht, es fehlte nur noch die überraschende Wendung...
Und die kam heute: das Phantom existiert möglicherweise gar nicht. Es sieht so aus, dass die DNA-Spuren, die der vermeintlichen Täterin zugeordnet wurden, von bei der Produktion verunreingten Wattestäbchen stammten.
Und damit wurde wieder einmal bestätigt, dass man Geschichten "aus dem Leben" nicht unbearbeitet funktionieren, wenn man sie für eine professionell erzählte Geschichte verwendet. Kein Leser würde es einem Romanautor, kein Zuschauer einem Drehbuchautor verzeihen, wenn er eine Geschichte mit einer derart vom Zufall bestimmten Wendung ausstattet. Zufälle haben in "richtigen" Geschichten nichst zu suchen.
Warum eigentlich? Weil wir ein Leben führen, in dem der Zufall nicht regiert, sondern nachgerade wütet. Wer ein paar Jahre auf dieser Erde zugebracht hat, weiss, dass wir tagtäglich mit einem blindwütig zuschlagenden Schicksal konfrontiert werden. Eine unserer Hauptaufgaben ist es, an dieser Tatsache nicht zu verzweifeln, und dabei hilft uns die Literatur, dass Theater, das Kino: weil die Geschichten, die wir uns in Büchern, auf Bühnen und auf der Leinwand erzählen lassen, von gut geschmierten Kausalketten angetrieben werden. Das, was wir im wirklichen Leben nicht bekommen können, das wollen wir im imaginierten Leben haben! Und dort ist eben deshalb kein Platz für die Zufälle, die das Leben schreibt.

Und sorry für die lange Funkstille. Ich versuche, mich zu bessern, weiß aber nicht, ob ich so ein Versprechen halten kann. Zumindest gelegentlich will ich hier weiterhin oberlehrerhaft vor mich hinonkeln.

2.2.09

Im Turm auf halber Treppe umgekehrt

Gestern abend war es soweit. Ich hatte Seite vierhundertpaarundfuffzich von Uwe Tellkamps "Der Turm" gelesen und wollte gerade umblättern, da fragte ich mich: "Wirklich nochmal soviel?" (Ja, is 'ne dicke Schwarte), und da ich gerade in Selbstgesprächen Fragen ungern im Raum stehen lasse, antwortete ich "Nö. Muss nicht sein.", klappte den Wälzer zu und warf ihn in die Ecke legte ihn auf den Nachtisch.
Und ich bin kein bißchen traurig darüber, dass ich diesen Meilenstein der Nachkriegsliteratur vorläufig nicht durchgelesen haben werde. Nicht, weil es schlecht wäre, um Himmelswillen, im Gegenteil! "Der Turm" ist - jedenfalls wenn er ab Seite vierhundertpaarundfuffzich so weitergeht - sicherlich ein Meisterwerk der Erzählkunst, hat mit Meno Rohde eine der interessantesten Figuren, die mir je auf Buchseiten begegnet sind und sicherlich gibt es sehr, sehr wenige Autoren, die mit Sprache so umgehen können wie Uwe Tellkamp.
Trotzdem ist dieses Buch beinahe vollkommen unlesbar. Tellkamp scheißt einen zu mit Einzelheiten. Da steht kein Farn am Wegesrand, der nicht genau beschrieben wird. Keine Schramme findet sich auf irgendeinem nebensächlichen Holzkistlein, deren Details nicht liebevoll ausgemalt wird. Und jeder verdammte zerschlissene Aktentasche, die einmal auf tausend Seiten am Leser vorbeigetragen wird, hat irgendeine eingeprägte Aufschrift, die getreulich rapportiert werden muss.
Irgendwann hat Tellkamp einen dann mit diesem Feuilleton-Beeindruckungs-Stil weichgekocht. Mich - wie gesagt - auf halber Strecke. Lag sicher an mir. Ich steh halt mehr auf Autoren, die das Unwichtige weglassen.