30.1.08

Lesetipp: Kehlmann

Gerade entdeckt: Ein äußerst lesenswertes Interview mit Daniel Kehlmann. Kostprobe:

Ja. Das größte Theatererlebnis meines Lebens war „The Coast of Utopia“ von Tom Stoppard letztes Jahr im New Yorker Lincoln Center. Zwölf Stunden, trotzdem ging niemand weg! Stoppards deutscher Verleger erzählte mir dann, dass dieses Stück im deutschen Sprachraum unaufführbar ist, weil Stoppard keine verfremdenden Aufführungen duldet, eben kein Regietheater. Ich weiß noch, ich kam völlig überwältigt hierher zurück, traf einen Dramaturgen, der inzwischen in Wien ein Theater leitet, erzählte dem, ich hab in Amerika viel am Theater gesehen, und er sagte ohne Zögern: „Das ist doch alles furchtbar altmodisch.“ Warum? Ich finde am Prinzip textgetreuer Aufführungen lebender Autoren nichts Konservatives. Dass es als modern gilt, alte Stücke zu verfremden, ist eine willkürliche Zuschreibung, in der Musik gilt besondere Werktreue als innovativ. Das Thema ist seltsam ideologisch überfrachtet. Warum Kritik am Regietheater hier so ein Tabu ist, habe ich noch nicht durchschaut. Der Rest der Welt schaut jedenfalls mit Verwunderung auf dieses Phänomen.
Dem ist nichts hinzuzufügen.

29.1.08

Eine Idee - viele Geschichten

Die besten Ideen für Geschichten, Romane, Drehbücher finde ich meist in der Zeitung. Meine Fantasie kann mit den bizarren Wendungen, die die Wirklichkeit sich einfallen lässt, leider nicht mithalten. Im Tagesspiegel steht heute folgende Geschichte, die mir nie und nimmer eingefallen wäre:
Ein 49-jähriger Schotte, der seine Wohnung nach dreißig Jahren erstmals verlassen hatte, ist tot aufgefunden worden. Duncan Gibb war als 18-Jähriger überfallen worden und litt seitdem unter heftiger Angst vor öffentlichen Orten (Platzangst oder Agoraphobie). Die Polizei schließt nach Angaben des Londoner „Daily Telegraph“ Fremdverschulden an Gibbs Tod aus. Seine Mutter hatte sie alarmiert, nachdem ihr Sohn die Wohnung wortlos verlassen hatte und nicht zurückkehrte. Wodurch er starb, ist noch unbekannt.
Ist das nicht fantastisch? Und es ist ja nicht nur eine Geschichte, die in diesen paar Sätzen steckt, es sind mehrere. Denn dieser Stoff lässt sich auf vielerlei Art erzählen: von der schwarzen Groteske über den klassischen Krimi bis zum Psycho-Thriller oder zur anspruchsvollen Sinnsuche... hier steckt alles drin. Für ein Genre entscheiden, Protagonisten und Antagonisten bauen und sich mit "Was wäre, wenn..."-Fragen zum Kern der Story vortasten... Wenn ich zur Zeit die Zeit hätte, ich würde sofort loslegen.

24.1.08

Wunder gibt's nicht

Gestern startete mal wieder eine neue Staffel von "Deutschland sucht den Superstar", und jetzt fragen sich die gelgentlichen Leser dieses gelegentlichen Blogs sicherlich, was DSDS in einer Sammlung von Texten über Kreatives Schreiben zu suchen hat.
Nun, was den Bereich "Fehleinschätzung" angeht, ist DSDS nachgerade exemplarisch für viele angehende Autoren. Wenn man dem Sänger-Casting zuschaut, kann man nicht umhin, sich zu wundern, warum manche Leute sich überhaupt dorthin getraut haben. Menschen, die keinen Ton treffen, sich nicht bewegen können und die Ausstrahlung eines ausgeblichenen, verkrumpelten T-Shirts haben. Hat denn denen wirklich niemand gesagt: "Bleib weg, du kannst nicht singen, du machst dich lächerlich!"
Ich bin mir ziemlich sicher, dass das diesen Bemitleidenswerten Menschen gesagt wurde, vermutlich sogar mehrfach. Trotzdem sind sie zum Casting gegangen, weil sie gehofft haben, dass ein Wunder passiert. Dass sie plötzlich die Töne treffen, dass ihr Schwerpunkt sich verlagert, dass sie plötzlich Arme und Beine kontrollieren und so etwas wie halbwegs elegante Bewegungen hinbekommen. Natürlich passiert so ein Wunder nicht. Solche Wunder gibt es nicht. Die Nerds quaken los, werden von Bohlen abgekanzelt und verlassen weinend den Ort der Schande. Ohne Wunder.
Mit der gleichen Hoffnung auf ein ähnliches Wunder schicken viele Menschen, die begonnen haben, zu schreiben - Autoren mag ich die noch nicht nennen - ihre Texte in die Welt. Sie wissen, dass das, was sie da in die Umschläge eintüten, vor Rechtschreib- und Grammatikfehlern strotzt, noch nicht einmal annähernd den Umfang eines Buchs hat und auch nicht bescheidensten Ansprüchen genügt. "Ich habe ja selber mit meinem Text nichts anfangen können, aber ich dachte, vielleicht entdeckt ja wer anders was darin..." hat mir einmal so ein Mensch sein Tun mit entwaffnender Naivität erklärt.
Also auch hier die gleiche Wunderhoffnung: "Vielleicht passiert im Umschlag auf dem Postweg zum Verlag oder zur Redaktion etwas ganz tolles mit meinem Text. Vielleicht gibt ihm jemand Struktur, ein Thema, Spannung, Humor, am Besten von allem etwas... Dann werden sie begeistert von meinem Text sein und ihn veröffentlichen."
Ein weiteres Wunder, dass nicht eintreten wird, weil es nicht eintreten kann. Es gibt beim Schreiben - wie beim Singen - keine Wunder. Es gibt nur Fleiß, Handwerk und vor allen Dingen die Beharrlichkeit, einen Text so lange zu überarbeiten, bis er so ist, wie der Autor sich ihn vorgestellt hat, als er begonnen hat, ihn zu schreiben.

8.1.08

Einfach Q10

Wenn ich diesen Artikel veröffentliche, denken vermutliche viele Menschen, die meine Blogs verfolgen, dass ich endgültig wahnsinnig geworden bin. Warum empfiehlt Chris Kurbjuhn, der König der Software-Nerds, der ehemalige Wordperfect- und jetzige OpenOffice-Writer-Tuner mit seinen 150 selbstgebastelten Makros jetzt ein archaische Stück Software wie den Editor Q10? Vorzeitige Altersdemenz? Zuviel Bass geübt? Daraus folgend Drogenmissbrauch?
None of the above. Q10 macht Spaß, gerade weil er die Schreiberei aufs wesentliche reduziert. Weil es bei Q10 nur noch zwei Dinge gibt, die wichtig sind: den Autor und seinen Text.
Doch der Reihe nach. Q10 ist Freeware, man kann sich diesen Editor in mehreren Versionen runterladen, gezippt, sofort installierbar oder als "Portable App", die man auf einen mobilen Datenträger installieren kann.
Q10 startet in Bruchteilen von Sekunden, und dann sieht man... einen leeren Bildschirm. Da ist nix, und da kommt auch nix, es sei denn, man fängt an zu tippen. Dann kommt Text.
Q10 ist ein Text-Editor in archaischer Form. Mit F1 kann man eine sehr einfache Hilfeseite aufrufen, die einen über die Funktionen des Programms informiert. Mit Ctrl-P kann man ein paar Sachen (Zeilenbreite, Hintergrundfarbe, eine SEHR einfache Autorkorrektur und noch 'n bißchen Gedöns) einstellen, und das war's. Ansonsten kann man Text schreiben. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.
Und Himmelherrgott, schreiben mit Q10 macht richtig Spaß. Eine Paolo-Conte-CD in den Player geworfen, Q10 gestartet und schnell ein Kapitelchen runtergehackt, ohne sich um Formatierungen und ähnlichen Quatsch zu kümmern, einfach nur schreiben, im Erzählfluss bleiben, ab geht die Lucie. Sehr okay. Wirklich. Gefällt.
Nachteile? Jede Menge. Q10 eignet sich wirklich nicht für jede Aufgabe. Man kann nicht mehrere Dokumente gleichzeitig bearbeiten - was ein Segen ist, wenn man einen Text fertig schreiben will, aber ein Fluch, wenn man z.B. mehrere Texte zu einem zusammenfassen muss u.ä. Man kann mit Q10 Romankapitel schreiben, aber keinen Roman. Zwar kann man mit Hilfe von sogenanntem "Schnelltext" auch in einem größeren Manuskript manövrieren, aber ab einer Dokumentgröße von mehr als 10 Seiten ziehe ich doch eine "richtige" Textverarbeitung vor, dann ist Q10s Stärke, der leere Bildschirm ohne Scroll-Balken eine Schwäche.
Ansonsten ist Q10 ein hinreißendes Stück Software, dass ich zur Zeit mindestens einmal pro Tag benutze, um einen Text zu schreiben. Obwohl oder weil es so einfach ist.