17.9.07

Zwei Ziele

In meinen Seminaren und in meiner Arbeit als Autor lege ich besonderen Wert auf das Entwickeln, Ausarbeiten und ausführliche Charakterisieren der handelnden Figuren. Am liebsten würde ich es den Autoren, die ich betreue, rundweg verbieten, am Plot herumzufingern, bevor sie ihre Figuren ausführlich ausgearbeitet haben. Das ist nicht etwa Korinthenkackerei oder beginnender Altersstarrsinn, sondern – nach meiner Erfahrung – eine überaus effektive Arbeitsweise. Die Zeit, die man beim Charakterisieren der Figuren (scheinbar) verliert, holt man bei der Plotentwicklung doppelt oder dreifach wieder hinein, weil ausführlich charakterisierte Figuren beginnen, ein Eigenleben zu führen und den plottenden Autor zuverlässig vor absurden Handlungsbögen, aufgesetzten Wendungen und dramaturgischen Sackgassen bewahren. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Figuren meiner Geschichten mehr von Dramaturgie verstehen als ich.
Aber nur, wenn ich meinen Figuren von vornherein klar definierte Ziele mit auf den Weg gebe. Einfach „ins Blaue hinein“ ausgedachte Figuren funktionieren in den seltensten Fällen, denn eine Figur in einem klassisch konstruierten Roman oder Drehbuch ist ja nicht nur Ausdruck der Phantasie ihres Schöpfers, sondern auch dramaturgischer Funktionsträger. Wir brauchen Figuren, mit denen der Leser sich identifizieren kann, wir brauchen Figuren, die diesen Identifikationsfiguren das Leben schwer machen, wir brauchen Kräfte, die gegeneinander wirken.
Und am schnellsten kommen wir zu Figuren, indem wir ihnen von vornherein klar definierte Ziele mitgeben. Eine Figur muss etwas wollen, sonst ist sie uninteressant. Wer versucht, eine Geschichte über einen Menschen zu schreiben, der rundherum zufrieden ist, eins mit sich und Gott und der Welt, der merkt schnell wie schwierig, wie unmöglich das ist. Ein Protagonist (und natürlich ein Antagonist) muss ein Ziel haben, oder besser gesagt zwei. Ein äußeres und ein inneres.
Nehmen wir die klassische Abenteuergeschichte. Da muss der Protagonist meist seine Heimat verlassen, um sein Ziel in einem fremden Land zu erreichen: einen Schatz finden, ein Geheimnis aufdecken, einen Antagonisten bezwingen. Aber während er sich auf dieser Reise ins Abenteuer befindet, entdeckt er, dass dieses Ziel untrennbar mit einem zweiten Ziel verbunden ist, dass er nur erreichen kann, indem er sich selbst überwindet. Er muss innere Ängste überwinden, über ein Erlebnis aus seiner Vergangenheit hinweg kommen, sein Verhältnis zu einem ihm nahe stehenden Menschen neu definieren... er muss eine gedankliche oder emotionale Leistung vollbringen, die mindestens ebenso groß ist wie die physische Leistung, die er zum erfolgreichen Bestehen seines Abenteuers erbringen muss.
Und wenn wir uns auf diese beiden Ziele hin einige Figuren der Weltliteratur ansehen, dann entdecken wir, dass die auch – mindestens – zwei Ziele haben, ein äußeres und ein Inneres. Und das auch bei erstaunlich komplexen Romanfiguren diese Ziele immer klar herausgearbeitet und zu erkennen sind. Ich mag nicht schon wieder Thomas Mann ins Feld führen, deshalb bleiben Thomas Buddenbrook und Hans Castorp mal außen vor. Obwohl man bei ihnen die zwei Ziele sehr deutlich erkennen kann...
Wenn man also die Entwicklung einer Figur damit beginnt, ihre inneren und äußeren Ziele zu definieren, kann man so gut wie gar nichts falsch machen.

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