3.9.07

Tempowechsel

Die Filme wurden während der letzten 50 Jahre stark beschleunigt. Wenn vor ca. 50 Jahren der Hauptdarsteller eines Films von der Innenstadt zum Flughafen gebracht werden musste, dann sah man meist eine Sequenz, in der er sagte, dass er zum Flughafen muss, auf die Straße eilte, mit den Armen wedelte, laut „Taxi! Taxi!“ rief, worauf ein ebensolches hielt, er einstieg, dann fuhr das Taxi ein Weilchen zu schwungvoller Musik durch die Gegend, hielt vor dem Flughafen, unser Mann bezahlte den Taxifahrer (Wenn unser Mann Heinz Drache war, sagte er „Der Rest ist für Sie!“, wenn unser Mann Joachim Fuchsberger war, sagte er „Machen Sie sich vom Rest 'n schönen Abend!“), rückte sich die Krawatte zurecht und betrat den Flughafen. Heutzutage lässt man das alles weg. Der Hauptdarsteller sagt: „Ich muss sofort zum Flughafen!“ – Schnitt – Der Hauptdarsteller betritt den Flughafen.
Die Filmsprache hat sich in den letzten Jahrzehnten stürmisch weiterentwickelt. Viele Filme werden heute mit der – meist durchaus lobenswerten – Maxime „Nur das zeigen, was unbedingt notwendig ist“ geschrieben. Insbesondere moderne Actionfilme sind beinahe wie Formel-1-Boliden aufgebaut, die nur das allernötigste mit an Bord haben, um Karosserie, Motor und Steuerelektronik zusammen zu halten.
Und wie heutzutage niemand auf die Idee käme, in einen Formel-1-Wagen einen Kofferraum einzubauen, um eventuell einen Picknick-Koffer mitnehmen zu kommen, so weist heutzutage fast jeder Autor und fast jeder Regisseur die Idee weit von sich, eine Szene in einen Film einzubauen, die nur auf sich selbst verweist, die Handlung nicht vorantreibt und in der den Protagonisten beinahe ganz privat bei der Freizeitgestaltung zugesehen wird.

Nun, auch in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts verstand man – und vor allen Dingen Howard Hawks – einiges von Filmdramaturgie. Wie konnten diese zweieinhalb Minuten voll retardierendem Eskapismus in einen Klassiker des Western-Genres hineingeraten? Neben dem offensichtlichen Grund, Dean Martin und Ricky Nelson für ihre Fans singen zu lassen, hat diese Szene natürlich die Funktion, die Gelassenheit der Protagonisten angesichts größtmöglicher Gefahr zu demonstrieren: „Seht her, wir kümmern uns nicht die Bohne darum, dass man uns in der nächsten Minute ein Haufen Revolvermänner auf die Pelle rücken könnte. Wir trällern ganz gemütlich ein Liedchen mit unserem Kumpel Dino.“ Insofern leistet diese Szene tatsächlich dramaturgisch außerordentliches. Aber sie tut es in einem Rhythmus, der deutliche langsamer ist als der unserer heutigen Erzählgewohnheiten.
Heute würde man sich die Zeit für eine solche Szene wohl kaum mehr nehmen. Nicht zuletzt, weil viele Drehbuchschreiber heutzutage das ungeheuer effektive Mittel des Tempowechsels außer Acht lassen. Da wird die Handlung auf Teufel komm raus beschleunigt, bis das Publikum nach Luft japsend im Kino- oder Fernsehsessel hängt. Die Möglichkeit, ein paar Gänge zurückzuschalten, ein paar Sekunden oder Minuten trügerischen Leerlauf zuzulassen, um dann umso effektiver an der Temposchraube zu drehen, wird zur Zeit viel zu selten genutzt. Vielleicht sollte in unseren Drehbüchern wieder mehr gesungen werden.
Mit einem Dank an Herrn Impermeabile, der mich an diese göttliche Szene erinnert hat.

Keine Kommentare: