10.9.07

Die Schluss-Pointe

Eine Möglichkeit, Kurzgeschichten zu kategorisieren, ist, sie einzuteilen in Schluss-Pointen-Geschichten und Slice-of-Life-Geschichten. Die klassischen Kurzgeschichten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert sind fast ausnahmslos Schluss-Pointen-Stories, die auf einen überraschenden Wendepunkt zulaufen, den „breach of life“ (so hat ihn mein Englisch-Lehrer genannt), der das Leben des Protagonisten radikal verändert. Auch die Slice-of-Life-Geschichten haben meist einen solchen Wendepunkt, aber sie kommen meist ohne die direkte Pointe aus und setzen besagten Wendepunkt auch nicht immer an den Schluss.
Die klassische Schluss-Pointen-Geschichte ist ein wenig aus der Mode gekommen, was meines Erachtens nicht zuletzt daran liegt, dass viele Menschen, die mit dem Schreiben von Kurzgeschichten beginnen, sich an die Schluss-Pointe nicht heran trauen. Weil sie glauben, Schluss-Pointen seien schwierig zu erfinden.
Womit sie – natürlich – nicht recht haben. Schluss-Pointen sind nicht schwierig zu erfinden, es ist vollkommen unmöglich, gescheite Schluss-Pointen zu erfinden. Man hat eine tolle, spannungsgeladene Story, einen Super-Protagonisten, der ein inneres und ein äußeres Ziel hat, dazu diesen abgefahrenen Antagonisten, der alles, aber auch wirklich alles in die Waagschale wirft, damit der Protagonist scheitert... ja, wie um Himmelswillen soll ich da oben drauf noch diese Klopper-Wendung setzen, die dem Leser das Buch aus der Hand haut?
Geht wirklich nicht. Kein mir bekannter Kollege erfindet Schluss-Pointen. Man kann nur eine Schluss-Pointen-Geschichte schreiben, wenn die eigentliche Idee für die Story bereits die Schlusspointe ist.
Hat da jemand „Binsenweisheit“ gerufen? Ich gebe ihr oder ihm recht. Das Kreieren überraschender Schluss-Pointen kann wirklich so einfach sein. Tatsächlich kann man aus beinahe jeder noch so banalen Tätigkeit eine Schluss-Pointe machen.
Das möchte ich am Beispiel einer relativ bekannten Schreibübung verdeutlichen, der „Geschichten-Maschine“. Für diese Übung nimmt man sich zwanzig Karteikarten, schreibt auf zehn dieser Karten irgendeinen Beruf, also „Ein LKW-Fahrer“ oder „Eine Handarbeits-Lehrerin“ und auf die anderen zehn Karten jeweils eine leicht exotische Tätigkeit z. B. „bindet die Schnürsenkel eines Schuhs zusammen“ oder „zerkratzt eine Klaus-Hoffmann-CD“. Dann zieht man 5 Berufs-Karten und 5 Tätigkeits-Karten und führt sie zusammen, so dass man Sätze wie „Eine Handarbeits-Lehrerin zerkratzt eine Klaus-Hoffmann-CD“ bekommt. Die so entstehenden 5 Sätze sind 5 Schluss-Pointen, zu denen man jetzt die Stories konzipiert.
Das funktioniert. Und wie das funktioniert. Eine meiner eigenen Lieblings-Stories ist so entstanden. Auf einem meiner Seminare spielten wir die Geschichten-Maschine und ich bekam den Satz „Ein Journalist nimmt das Farbband aus einer Schreibmaschine“.
Zunächst einmal musste ich die Schreibmaschine rechtfertigen, und ich erinnerte mich an einen SF-Autor, der moderne Textverarbeitungen konsequent ablehnte und sich mit elektrischen Schreibmaschinen eindeckte, um bis ans Ende seiens Lebens mit Handwerkszeug versorgt zu sein. Also entwarf ich als Antagonisten einen Bestseller-Autor, der nach wie vor auf Schreibmaschinen schreibt, und musste nun noch einen Grund finden, warum der Journalist das Farbband aus der Maschine nimmt. Will er ihn am Schreiben hindern? Das würde nicht funktionieren, sicher hat der Mann auch kistenweise Farbbänder gehortet. Gäbe es eine Möglichkeit, das Farbband zu entfernen, ohne dass der Autor das merkt? Wenn er blind wäre?
Da war es. Ich ließ den Journalisten einen blinden Bestseller-Autor interviewen, einen Kotzbrocken von Egozentriker, der keine Frage richtig beantwortet, sich schlecht benimmt und den Journalisten schließlich rüde hinauswirft, weil er dringend ein Kapitel vollenden und eine Deadline schaffen muss. Der Journalist geht am offenen Arbeitszimmer-Fenster des Autors vorbei und hört die Schreibmaschine klappern, während er mit dem Farbband in seiner Tasche spielt.
Ich hab die Story dann aufgeschrieben und lese sie gelegentlich vor. Und jedes mal, wenn ich die Geschichte vorlese, fragt mich jemand: „Wie bist du nur auf diese unglaubliche Schluss-Pointe gekommen?“ Und dann antworte ich: „Gar nicht.“

Kommentare:

David hat gesagt…

Hallo. Diese Methode und die Geschichte begeistert mich sehr. Ich möchte Regisseur werden und brauche immer wieder inspiration für gute Kurzgeschichten. Ich komme auch direkt zu meiner Frage: Wäre es möglich, daß ich die Geschichte mit dem blinden Autor als Bewerbungsfilm für eine Filmakademie verfilme?

Chris Kurbjuhn hat gesagt…

Warum denn nicht? Wenn ein paar Bedingungen erfüllt sind, (mich als Urheber der Story nennen, ausdrückliche nichtkommerzielle Nutzung, alles schriftlich fixieren), geht das schon in Ordnung. Bin auch gern beim Drehbuch behilflich.

David hat gesagt…

Hey, das wäre echt super! Die Bedingungen würde ich auf jeden Fall erfüllen. Was mir nur noch ein paar Bedenken macht ist die Tatsache, dass der Journalist in der Geschichte einem Blinden das Farbband wegnimmt. Was meinen Sie? Dadurch könnten sich bestimmt einige Blinde beleidigt fühlen, oder nicht? Die könnten den Film zwar nicht sehen, aber ich muss mir darüber nocheinmal Gedanken machen. Das mit der Hilfe beim Drehbuch ist wirklich sehr nett! Würde mich sehr freuen, mit Ihnen zusammen eine gute Geschichte und einen guten Film entwickeln zu können. Ich schreibe selbst Drehbücher und brauch unbedingt eine gute Kurzgeschichte für meinen Bewerbungsfilm. Vielleicht haben Sie ja noch eine andere Geschichte im Kopf, die in einem kurzen Film bis max. 10 Minuten abgehandelt werden könnte. Würde mich sehr freuen. Danke nochmals. Gruss, David

Chris Kurbjuhn hat gesagt…

Blinde oder sehbehinderte Menschen werden sich durch diese Geschichte keinesfalls beleidigt fühlen. Die fühlen sich eher beleidigt, wenn man falsche Rücksicht auf sie nimmt.

David hat gesagt…

Hallo. Habe mit einem Bekannten gesprochen. Der hat mir erzählt, dass Blinde ja gar nicht auf einer normalen handelsüblichen Schreibmaschine schreiben! Sie haben eine spezielle Schreibmaschine für Blindenschrift, die die Schrift in das Papier stampft. Also gibt es gar kein Farbband und die Geschichte würde nicht funktionieren!

Chris Kurbjuhn hat gesagt…

Natürlich können Blinde normale Schreibmaschinen benutzen, wenn sie das Zehn-Finger-System o.ä. benutzen. Warum sollten sie denn in Blindenschrift schreiben, wenn Sie Texte für Menschen verfassen, die nicht sehbehindert sind? Vielleicht recherchierst du das Thema erst mal ein bisschen. Und dein Bekannter sollte gleiches tun.

David hat gesagt…

Hallo. Da haben Sie recht. Jedem, dem ich von dieser Geschichte erzählt habe, fand die Idee sehr gut, sagte jedoch auch, es wäre wirklich sehr schnell falsch zu verstehen, da es schon sehr dreist ist, einen Blinden so zu verarschen. Na ja. Vielleicht haben Sie ja eine andere Geschichte für mich!

Chris Kurbjuhn hat gesagt…

Wie ich schrieb, habe ich diese Geschichte schon des öfteren öffentlich vorgetragen, und keiner meiner Zuhörer kam auf die Idee, dass hier ein Blinder "verarscht" würde. Das ist auch überhaupt nicht Intention dieser Geschichte, die nicht von einem geschundenen Blinden handelt, sondern von einem arroganten Kotzbrocken von Schriftsteller, der zufällig blind ist. Sprich doch mal mit Sehbehinderten über diese Problematik. Die fühlen sich nämlich - zurecht - verarscht, wenn man glaubt, sie auf Grund ihrer Behinderung mit Samthandschuhen anfassen zu müssen.
Zum Thema andere Geschichte: Ja, hab ich. In rauhen Mengen. Jedoch ist wohl keine dabei, die vor der political correctness deiner Freunde bestehen kann. So langweiliges Zeugs schreibe ich nämlich nicht.

David hat gesagt…

Hey. Ich drehe bestimmt keine Filme, die meinen Freunden gefallen und die politisch korrekt sind! Im Gegenteil. Es ging nur bei dieser speziellen Geschichte um die Problematik. Ich möchte mich damit ja schliesslich an einer Filmakademie bewerben. Und Behinderte und Blinde wollen bestimmt nicht mit samthandschuhen angefasst werden, das meinte ich aber auch nicht, weil das in diesem fall gar nicht relevant ist. Ist ja auch egal. Hättest du irgendeine geschichte für mich, die spannend ist und eine gute pointe hat? Wäre sehr nett, trotz des kleinen Missverständnisses! Danke

Chris Kurbjuhn hat gesagt…

Ich hab einen Haufen Geschichten, aber du müßtest schon etwas präziser werden. "Spannend" und "gute Pointe" trifft nun auf sehr viele zu. Was für eine Geschichte suchst du GENAU?

David hat gesagt…

Könntest du mir deine email geben, damit ich dich kontaktieren kann. Wenn du zeit und lust hast, könntest du ein von mir angefangenes Drehbuch für einen Bewerbungsfilm ergänzen und verbessern. Es sind nur ca. 10 Seiten und ich komme einfach nicht weiter. Ansonsten suche ich eine Kurzgeschichte, in der der Zuschauer zuerst denkt, alles zu durchschauen, doch dann wendet sich das Blatt. Die Aufmerksamkeit soll direkt gewonnen werden und es müsste spannend sein. Eine Story von dir, die evtl. im Hitchcock Stil voller Spannung und Suspense ist, wäre für mich interessant. Es ist schwierig, GENAUE Angaben zu machen, da ich deine anderen Geschichten nicht kenne. Ich denke es wäre am besten, wenn du mir wirklich helfen willst, dass du mir deine email gibst und wir auf diesem wege korrespondieren.

Andreas hat gesagt…

Hallo,

das ist ja ein interessanter Beitrag... :)
Ich bin auf ihn gestossen, weil auf der Suche nach einem Ausweg bin. Ein Ausweg oder ein Schluß für meine Geschichte. Vielleicht kennen sie das, man erlebt etwas im Urlaub, hat eine Begegnung, von der man annimmt: "Mensch, das wäre der Stoff für eine tolle Kurzgeschichte." Und zu Hause... hat man die Erinnerung aufgeschrieben, aber es ist keine Geschichte mit Höhepunkt oder Pointe, sondern "nur" ... ein Reiseerlebnis.
Wahrscheinlich muss ich mir jetzt noch irgendeinen fiktiven Rahmen denken oder so... oder eben eine Pointe aus den Fingern saugen. Kreativitätstechniken sollen da ja helfen...

Weiterhin viel Spaß beim Schreiben
Andreas

Chris Kurbjuhn hat gesagt…

Pointe "aus den Finger saugen" geht eigentlich nicht, bzw. führt - meiner Erfahrung nach - zu holzhammerschnittigen, knirschenden Schlüssen.
Wenn Sie tatsächlich einen pointigen Schluss hinzu erfinden wollen oder müssen, versuchen Sie's mit der abstrakten Methode. Der Schluß einer Kurzgeschichte ist schließlich nichts anderes als ein Wendepunkt. Wie verändert Ihre Geschichte das Leben Ihres Protagonisten entscheidend? Welches Ereignis ist der Auslöser für diese Veränderung? In der Antwort auf diese Fragen sollte sich Ihre Schlusspointe verbergen.

Andreas hat gesagt…

Vielen Dank für die Antwort. Zuerst dachte ich, in meiner Geschichte würde sich das LEben des Protagonisten nicht ändern, weil es eben nur eine Reiseerfahrung, eine interessante Bekanntschaft ist. Aber vielleicht ändert er sich eben doch... vllt ändert sich die Sicht auf die Dinge oder ähnliches...
Danke für die Anregung

Chris Kurbjuhn hat gesagt…

Jede gute Reisegeschichte erzählt auch von einer Reise "nach Innen", von den Veränderungen, die ein Ortswechsel in einem Menschen auslöst. In "On the road" von Kerouac fahren die Protagonisten jahrelang kreuz und quer durch die USA. Aber die Geschichte handelt letztlich davon, wie der eine sich verändert und der andere nicht.