29.1.07

Reduktion

Ein ungeheuer wirksames, gleichzeitig aber äußerst riskantes Mittel für Drehbuch bzw. Theaterstück ist es, einen der Darsteller eines Ausdrucksmittels zu berauben, um seinen ersten Einsatz ganz gezielt einzusetzen.
Ein Beispiel ist Blues Brothers. Dreiviertel des Films muss John Belushi seine ungeheuer ausdrucksvollen Augen hinter einer Sonnenbrille verstecken. Der Moment, wenn er die Brille abnimmt, um Carrie Fisher zu becircen, beeindruckt zweifelsohne.
Ein anderes Beispiel ist Das Leben der Anderen. Wenn Ulrich Mühe als Wiesler in der allerletzten Szene des Films zum ersten Mal lächelt, entsteht ein einzigartiger Kino-Moment, in dem der Film m. E. wirklich die Herzen der Zuschauer erreicht.
Sicherlich ist der Einsatz eines derartigen Mittels legitim, man sollte jedoch beachten, dass man wirklich hervorragende Schauspieler zur Verfügung haben muss, um damit durchzukommen. Sowohl Belushi als auch Mühe hatten bzw. haben eine ungeheure Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten, so dass sie auf ein derart existenzielles Mittel wie das Augenspiel oder das Lächeln verzichten können, ohne hölzern und eindimensional zu wirken. Weniger fähige Schauspieler könnten regelrecht absaufen, wenn der Autor ihnen derartiges zumutet. Und das sollte nicht sein: Ein Autor, der für Film, TV oder Theater schreibt, sollte als erstes „seine“ Schauspieler schützen und stützen, denn sie sind der Mittler zwischen ihm und dem Publikum.
Zurück zu den Beispielen. Die beschriebene Reduktion funktioniert im „Leben der Anderen“ wesentlich besser als bei „Blues Brothers“. In diesem Film wird die Reduktion nur für einen – nicht einmal besonders guten – Gag benutzt, eine letztlich überflüssige Pointe (Belushi hätte Fischer sicherlich anders überzeugen können), die haarscharf am Rohrkrepierer vorbeischrammt. Im „Leben der Anderen“ macht erst Mühes Lächeln die Figur komplett. Erst dieser Moment vollendet Wieslers Veränderung und zeigt dem Zuschauer, dass alles sich gelohnt hat, dass Menschen sich ändern können, wenn sie wollen und bereit sind, alles zu riskieren. Klasse gemacht von Drehbuch, Regie und – natürlich – dem fantastischen Ulrich Mühe.

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