27.11.07

Journalistische Darstellungsformen

Menschen, die sich journalistisch betätigen wollen, aber den Unterschied z. B. zwischen Meldung, Bericht, Kommentar, Reportage, Glosse etc. nicht kennen, können sich hier beim Upload-Magazin schlau machen.
Wobei... wenn ich mal drüber nachdenke... Menschen, die diese Unterschiede nicht kennen, sollten vielleicht mit der journalistischen Betätigung noch etwas warten ... :)

26.11.07

6 Fragen

  1. Nach welchen Kriterien werden die Manuskripte ausgewählt, die tatsächlich zu Büchern werden?
  2. Wie kommt der Lektor an seine Autoren?
  3. Warum gibt es überhaupt Lektoren?
  4. Wie stark greift ein Lektor in den Text ein?
  5. Wer entscheidet, was von den Lektoratsvorschlägen übernommen wird?
  6. Kann ein Lektor den Stil eines Autors beeinflussen oder ändern?

Wer sich für Antworten auf diese 6 Fragen interessiert, bekommt sie von Martin Hielscher, dem Programmleiter des C.H. Beck Verlags im jetzt-Magazin der SZ.

17.11.07

Reich durch Schreiben

Lesens- und bedenkenswerter SpOn-Artikel über Verdienstmöglichkeiten im Kulturbetrieb.

Die Frage aller Fragen

Die Frage aller Fragen, mit der ein schreibender Mensch sich jederzeit mit Ideen für neue Geschichten versorgen kann, lautet: "Was wäre, wenn..."
Mehr als diese drei Worte benötigt die Phantasie des Menschen nicht, um genug Schwung für stunden-, tage-, ja monatelange Höhenflüge zu nehmen. Ein kleines Beispiel mag illustrieren, wie mächtig diese drei Wörter sein können. Vor ein paar Wochen geisterte die Geschichte einer Russin durch die Blätter, die behauptete, um einen Lottogewinn betrogen worden zu sein: Die Quittung ihres Tippscheins sei manipuliert worden. Nach zahlreichen Beschwerden an verschiedenen Orten verklagte sie die Klassenlotterie, die ihrerseits die Lottospielerin und ihren Mann wegen Betrugs verklagte. Der Mann starb wenig später, die Russin behauptete, dass der Schock, den er anläßlich einer Hausdurchsuchung erlitten habe, daran schuld sei.
Das ganze liest sich wie ein relativ dilletantischer Versuch, sich einen Lottogewinn zu erschleichen. Mit einer einzigen "Was wäre, wenn ..."-Frage kann man aus dieser kleinen Posse einen Thriller-Stoff machen, der meiner Ansicht nach durchaus Verkaufspotential (als Roman oder Drehbuch) hätte:
"Was wäre, wenn die Frau in allen Punkten die Wahrheit sagt?"
Der Rest ist Handwerk.

8.10.07

Zitat der Woche

Ganz gleich, ob du ein Buch schreiben willst, ein Möbelstück entwerfen oder einen Zeichentrickfilm machen: Am Anfang sollte nicht eine Idee stehen - es sollten drei sein.

Der Grund ist einfach. Wenn ein Regisseur zu mir kommt, und einen Vorschlag für ein neues Projekt macht, dann hat er in der Regel sehr lange über diese eine Idee gebrütet. Das schränkt ihn ein. Meine Antwort lautet stets: "Komm’ wieder, wenn du drei Ideen hast, und ich meine nicht eine gute und zwei schlechte. Ich will drei richtig gute Ideen, zwischen denen du dich beim besten Willen nicht entscheiden kannst. Du musst alle drei vor mir verteidigen können. Wir entscheiden dann, welche du machst."

Diese Sätze stammen von John Lasseter, Kreativchef bei Pixar ("Ratatouille", "Findet Nemo", "Toy Story" usw.). Mehr in der Süddeutschen.

7.10.07

Kempowski

Zum Tod von Walter Kempowski hier ein Link zu einem sehr schönen Interview mit ihm, kurz vor seinem 80. Geburtstag aufgenommen. Hier spricht ein Mann im Sound seiner Bücher, einer, der die Dinge nicht hinnimmt, sondern sie beim Namen nennt. Der aufschreit, wenn ihn was ärgert. Schade, dass er nicht mehr da ist. Schön, dass er da war, sonst hätte es die ganzen wunderbaren Bücher nicht gegeben.

24.9.07

Was ist Dramaturgie?

„Warum muss ich denn das so machen? Man kann doch auch mal was neues ausprobieren. Ich verstehe nicht, warum ich das so machen soll, das engt mich in meiner Phantasie total ein...“
Diese Sätze fallen des öfteren, wenn ein Autor anfängt, für eine Veröffentlichung zu schreiben. Er (oder natürlich sie) hat einen Vertrag mit einem Verlag, einer Redaktion oder einem Theater ergattert und schreibt an einem Roman, einem Drehbuch oder einem Theaterstück, das zeitnah auf ein zahlendes Publikum losgelassen werden soll. Und der Verlag, die Redaktion oder das Theater haben dem Autor einen Lektor, Redakteur oder Dramaturg zugeordnet, der ihm bei der Arbeit behilflich sein soll. Und dieses engstirnige Helferlein beharrt auf dem konsequenten Einhalten teilweise jahrhunderte alter Regeln, die unseren Autor am freien Fabulieren hindern, die ihn zwingen sollen, seine so originell erdachte Geschichte in ein starres, phantasieloses Schema zu zwängen... Das muss doch schiefgehen, oder?
Das Gegenteil ist der Fall. Dass derjenige viele Menschen erreicht, der eine besonders originelle Geschichte erzählt oder ein ganz eigenes, noch nie dagewesenes Konzept realisiert, ist ein Trugschluß, den man durch einen Blick auf die Bestsellerlisten oder die Einschaltquoten entlarvt: Hier dominieren ganz eindeutig die klassisch erzählten Geschichten, die Stoffe, die sich grundsätzlich an erprobten Strukturen und Erzählmustern orientieren und diese eher variieren statt zu versuchen, sie neu zu erfinden.
Diese erprobten Strukturen mit knapper Exposition, klar definierten Zielen von Protagonist und Antagonist, einer logisch nachvollziehbaren Handlung, deren bewusst gesetzte Wendepunkte aufeinander aufbauen, haben einen riesigen Vorteil gegenüber dem Neuerfinden des Handwerks: Man weiß, dass sie funktionieren. Und da ähnelt das Handwerk des Schreibens allen anderen handwerklichen Berufen: Ohne Not gibt der Praktiker nichts auf, was funktioniert.
Wer erfolgsorientiert arbeitet, also soviel Leser bzw. Zuschauer wie nur irgend möglich erreichen will, für den ist eine funktionierende Dramaturgie eben keine Zwangsjacke. Sondern ein Erfolgsrezept.

17.9.07

Vorgezogene Glückwünsche zum Achtzichsten

"Grass ist der lebende Beweis dafür, dass öde Literatur in Deutschland und weltweit eine Chance hat. Das liegt jedoch nicht nur am schlechten Literaturgeschmack hunderttausender Leser, sondern auch an den Vermarktungsmechanismen von Literatur, an dem inszenierten und mit dem Literaturbetrieb abgesprochenen Skandal. Nur mit Hilfe feuilletonistischen Flächenbombarde­ments und der Hinterlassung verbrannter Erde ist das Zeug der Oberlangweiler der großdeutschen Literatur, Walser und Grass, unters Volk zu bringen."


Hinreissendes Günter-Grass-Bashing von Klaus Bittermann. Der ganze bitterböse, höchst amüsante Text steht hier.

Zwei Ziele

In meinen Seminaren und in meiner Arbeit als Autor lege ich besonderen Wert auf das Entwickeln, Ausarbeiten und ausführliche Charakterisieren der handelnden Figuren. Am liebsten würde ich es den Autoren, die ich betreue, rundweg verbieten, am Plot herumzufingern, bevor sie ihre Figuren ausführlich ausgearbeitet haben. Das ist nicht etwa Korinthenkackerei oder beginnender Altersstarrsinn, sondern – nach meiner Erfahrung – eine überaus effektive Arbeitsweise. Die Zeit, die man beim Charakterisieren der Figuren (scheinbar) verliert, holt man bei der Plotentwicklung doppelt oder dreifach wieder hinein, weil ausführlich charakterisierte Figuren beginnen, ein Eigenleben zu führen und den plottenden Autor zuverlässig vor absurden Handlungsbögen, aufgesetzten Wendungen und dramaturgischen Sackgassen bewahren. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Figuren meiner Geschichten mehr von Dramaturgie verstehen als ich.
Aber nur, wenn ich meinen Figuren von vornherein klar definierte Ziele mit auf den Weg gebe. Einfach „ins Blaue hinein“ ausgedachte Figuren funktionieren in den seltensten Fällen, denn eine Figur in einem klassisch konstruierten Roman oder Drehbuch ist ja nicht nur Ausdruck der Phantasie ihres Schöpfers, sondern auch dramaturgischer Funktionsträger. Wir brauchen Figuren, mit denen der Leser sich identifizieren kann, wir brauchen Figuren, die diesen Identifikationsfiguren das Leben schwer machen, wir brauchen Kräfte, die gegeneinander wirken.
Und am schnellsten kommen wir zu Figuren, indem wir ihnen von vornherein klar definierte Ziele mitgeben. Eine Figur muss etwas wollen, sonst ist sie uninteressant. Wer versucht, eine Geschichte über einen Menschen zu schreiben, der rundherum zufrieden ist, eins mit sich und Gott und der Welt, der merkt schnell wie schwierig, wie unmöglich das ist. Ein Protagonist (und natürlich ein Antagonist) muss ein Ziel haben, oder besser gesagt zwei. Ein äußeres und ein inneres.
Nehmen wir die klassische Abenteuergeschichte. Da muss der Protagonist meist seine Heimat verlassen, um sein Ziel in einem fremden Land zu erreichen: einen Schatz finden, ein Geheimnis aufdecken, einen Antagonisten bezwingen. Aber während er sich auf dieser Reise ins Abenteuer befindet, entdeckt er, dass dieses Ziel untrennbar mit einem zweiten Ziel verbunden ist, dass er nur erreichen kann, indem er sich selbst überwindet. Er muss innere Ängste überwinden, über ein Erlebnis aus seiner Vergangenheit hinweg kommen, sein Verhältnis zu einem ihm nahe stehenden Menschen neu definieren... er muss eine gedankliche oder emotionale Leistung vollbringen, die mindestens ebenso groß ist wie die physische Leistung, die er zum erfolgreichen Bestehen seines Abenteuers erbringen muss.
Und wenn wir uns auf diese beiden Ziele hin einige Figuren der Weltliteratur ansehen, dann entdecken wir, dass die auch – mindestens – zwei Ziele haben, ein äußeres und ein Inneres. Und das auch bei erstaunlich komplexen Romanfiguren diese Ziele immer klar herausgearbeitet und zu erkennen sind. Ich mag nicht schon wieder Thomas Mann ins Feld führen, deshalb bleiben Thomas Buddenbrook und Hans Castorp mal außen vor. Obwohl man bei ihnen die zwei Ziele sehr deutlich erkennen kann...
Wenn man also die Entwicklung einer Figur damit beginnt, ihre inneren und äußeren Ziele zu definieren, kann man so gut wie gar nichts falsch machen.

10.9.07

Die Schluss-Pointe

Eine Möglichkeit, Kurzgeschichten zu kategorisieren, ist, sie einzuteilen in Schluss-Pointen-Geschichten und Slice-of-Life-Geschichten. Die klassischen Kurzgeschichten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert sind fast ausnahmslos Schluss-Pointen-Stories, die auf einen überraschenden Wendepunkt zulaufen, den „breach of life“ (so hat ihn mein Englisch-Lehrer genannt), der das Leben des Protagonisten radikal verändert. Auch die Slice-of-Life-Geschichten haben meist einen solchen Wendepunkt, aber sie kommen meist ohne die direkte Pointe aus und setzen besagten Wendepunkt auch nicht immer an den Schluss.
Die klassische Schluss-Pointen-Geschichte ist ein wenig aus der Mode gekommen, was meines Erachtens nicht zuletzt daran liegt, dass viele Menschen, die mit dem Schreiben von Kurzgeschichten beginnen, sich an die Schluss-Pointe nicht heran trauen. Weil sie glauben, Schluss-Pointen seien schwierig zu erfinden.
Womit sie – natürlich – nicht recht haben. Schluss-Pointen sind nicht schwierig zu erfinden, es ist vollkommen unmöglich, gescheite Schluss-Pointen zu erfinden. Man hat eine tolle, spannungsgeladene Story, einen Super-Protagonisten, der ein inneres und ein äußeres Ziel hat, dazu diesen abgefahrenen Antagonisten, der alles, aber auch wirklich alles in die Waagschale wirft, damit der Protagonist scheitert... ja, wie um Himmelswillen soll ich da oben drauf noch diese Klopper-Wendung setzen, die dem Leser das Buch aus der Hand haut?
Geht wirklich nicht. Kein mir bekannter Kollege erfindet Schluss-Pointen. Man kann nur eine Schluss-Pointen-Geschichte schreiben, wenn die eigentliche Idee für die Story bereits die Schlusspointe ist.
Hat da jemand „Binsenweisheit“ gerufen? Ich gebe ihr oder ihm recht. Das Kreieren überraschender Schluss-Pointen kann wirklich so einfach sein. Tatsächlich kann man aus beinahe jeder noch so banalen Tätigkeit eine Schluss-Pointe machen.
Das möchte ich am Beispiel einer relativ bekannten Schreibübung verdeutlichen, der „Geschichten-Maschine“. Für diese Übung nimmt man sich zwanzig Karteikarten, schreibt auf zehn dieser Karten irgendeinen Beruf, also „Ein LKW-Fahrer“ oder „Eine Handarbeits-Lehrerin“ und auf die anderen zehn Karten jeweils eine leicht exotische Tätigkeit z. B. „bindet die Schnürsenkel eines Schuhs zusammen“ oder „zerkratzt eine Klaus-Hoffmann-CD“. Dann zieht man 5 Berufs-Karten und 5 Tätigkeits-Karten und führt sie zusammen, so dass man Sätze wie „Eine Handarbeits-Lehrerin zerkratzt eine Klaus-Hoffmann-CD“ bekommt. Die so entstehenden 5 Sätze sind 5 Schluss-Pointen, zu denen man jetzt die Stories konzipiert.
Das funktioniert. Und wie das funktioniert. Eine meiner eigenen Lieblings-Stories ist so entstanden. Auf einem meiner Seminare spielten wir die Geschichten-Maschine und ich bekam den Satz „Ein Journalist nimmt das Farbband aus einer Schreibmaschine“.
Zunächst einmal musste ich die Schreibmaschine rechtfertigen, und ich erinnerte mich an einen SF-Autor, der moderne Textverarbeitungen konsequent ablehnte und sich mit elektrischen Schreibmaschinen eindeckte, um bis ans Ende seiens Lebens mit Handwerkszeug versorgt zu sein. Also entwarf ich als Antagonisten einen Bestseller-Autor, der nach wie vor auf Schreibmaschinen schreibt, und musste nun noch einen Grund finden, warum der Journalist das Farbband aus der Maschine nimmt. Will er ihn am Schreiben hindern? Das würde nicht funktionieren, sicher hat der Mann auch kistenweise Farbbänder gehortet. Gäbe es eine Möglichkeit, das Farbband zu entfernen, ohne dass der Autor das merkt? Wenn er blind wäre?
Da war es. Ich ließ den Journalisten einen blinden Bestseller-Autor interviewen, einen Kotzbrocken von Egozentriker, der keine Frage richtig beantwortet, sich schlecht benimmt und den Journalisten schließlich rüde hinauswirft, weil er dringend ein Kapitel vollenden und eine Deadline schaffen muss. Der Journalist geht am offenen Arbeitszimmer-Fenster des Autors vorbei und hört die Schreibmaschine klappern, während er mit dem Farbband in seiner Tasche spielt.
Ich hab die Story dann aufgeschrieben und lese sie gelegentlich vor. Und jedes mal, wenn ich die Geschichte vorlese, fragt mich jemand: „Wie bist du nur auf diese unglaubliche Schluss-Pointe gekommen?“ Und dann antworte ich: „Gar nicht.“

3.9.07

Tempowechsel

Die Filme wurden während der letzten 50 Jahre stark beschleunigt. Wenn vor ca. 50 Jahren der Hauptdarsteller eines Films von der Innenstadt zum Flughafen gebracht werden musste, dann sah man meist eine Sequenz, in der er sagte, dass er zum Flughafen muss, auf die Straße eilte, mit den Armen wedelte, laut „Taxi! Taxi!“ rief, worauf ein ebensolches hielt, er einstieg, dann fuhr das Taxi ein Weilchen zu schwungvoller Musik durch die Gegend, hielt vor dem Flughafen, unser Mann bezahlte den Taxifahrer (Wenn unser Mann Heinz Drache war, sagte er „Der Rest ist für Sie!“, wenn unser Mann Joachim Fuchsberger war, sagte er „Machen Sie sich vom Rest 'n schönen Abend!“), rückte sich die Krawatte zurecht und betrat den Flughafen. Heutzutage lässt man das alles weg. Der Hauptdarsteller sagt: „Ich muss sofort zum Flughafen!“ – Schnitt – Der Hauptdarsteller betritt den Flughafen.
Die Filmsprache hat sich in den letzten Jahrzehnten stürmisch weiterentwickelt. Viele Filme werden heute mit der – meist durchaus lobenswerten – Maxime „Nur das zeigen, was unbedingt notwendig ist“ geschrieben. Insbesondere moderne Actionfilme sind beinahe wie Formel-1-Boliden aufgebaut, die nur das allernötigste mit an Bord haben, um Karosserie, Motor und Steuerelektronik zusammen zu halten.
Und wie heutzutage niemand auf die Idee käme, in einen Formel-1-Wagen einen Kofferraum einzubauen, um eventuell einen Picknick-Koffer mitnehmen zu kommen, so weist heutzutage fast jeder Autor und fast jeder Regisseur die Idee weit von sich, eine Szene in einen Film einzubauen, die nur auf sich selbst verweist, die Handlung nicht vorantreibt und in der den Protagonisten beinahe ganz privat bei der Freizeitgestaltung zugesehen wird.

Nun, auch in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts verstand man – und vor allen Dingen Howard Hawks – einiges von Filmdramaturgie. Wie konnten diese zweieinhalb Minuten voll retardierendem Eskapismus in einen Klassiker des Western-Genres hineingeraten? Neben dem offensichtlichen Grund, Dean Martin und Ricky Nelson für ihre Fans singen zu lassen, hat diese Szene natürlich die Funktion, die Gelassenheit der Protagonisten angesichts größtmöglicher Gefahr zu demonstrieren: „Seht her, wir kümmern uns nicht die Bohne darum, dass man uns in der nächsten Minute ein Haufen Revolvermänner auf die Pelle rücken könnte. Wir trällern ganz gemütlich ein Liedchen mit unserem Kumpel Dino.“ Insofern leistet diese Szene tatsächlich dramaturgisch außerordentliches. Aber sie tut es in einem Rhythmus, der deutliche langsamer ist als der unserer heutigen Erzählgewohnheiten.
Heute würde man sich die Zeit für eine solche Szene wohl kaum mehr nehmen. Nicht zuletzt, weil viele Drehbuchschreiber heutzutage das ungeheuer effektive Mittel des Tempowechsels außer Acht lassen. Da wird die Handlung auf Teufel komm raus beschleunigt, bis das Publikum nach Luft japsend im Kino- oder Fernsehsessel hängt. Die Möglichkeit, ein paar Gänge zurückzuschalten, ein paar Sekunden oder Minuten trügerischen Leerlauf zuzulassen, um dann umso effektiver an der Temposchraube zu drehen, wird zur Zeit viel zu selten genutzt. Vielleicht sollte in unseren Drehbüchern wieder mehr gesungen werden.
Mit einem Dank an Herrn Impermeabile, der mich an diese göttliche Szene erinnert hat.

29.8.07

Mein Arbeitsjournal

Was mich verwundert: Warum so wenige Kollegen aus meinem erweiterten Bekanntenkreis ein Arbeitsjournal führen. Ich könnte ohne ein solches Journal gar nicht kontinuierlich an einem Projekt arbeiten.
Einmal dokumentiere ich darin meine täglichen Arbeitsfortschritte. So habe ich ständig einen Überblick, wie es vorangeht, und unliebsame Überraschungen wie die "plötzlich" herangerückte Deadline können gar nicht mehr vorkommen. Dieses tägliche Schreiben über die Fortschritte dauert weniger als 5 Minuten, motiviert einen aber ungemein, das eigene Projekt täglich ein Stück voran zu bringen. Auch wenn es nur ein kleines Stück ist, Hauptsache voran!
Außerdem bietet mir ein solches Arbeitsjournal die Möglichkeit, laut - das heißt natürlich - schreibend über mein Projekt nachzudenken. Ich habe festgestellt, dass ich Probleme wesentlich leichter lösen kann, wenn ich sie vor mir sehe, anstatt sie, wie man so schön sagt, "im Kopf herum zu wälzen". Wenn ich beginne, ein Problem zu beschreiben, fällt mir oft sofort die Lösung ein. In meinen Kursen habe ich festgestellt, dass es vielen Menschen so geht. Wenn man über ein Problem lediglich nachdenkt, analysiert man es nicht immer korrekt. Da hilft das Schreiben über das Problem ungemein.
Und schließlich und endlich kann man sich in so einem Projekttagebuch ganz unbeschwert und ohne Druck Notizen machen, Ideen sammeln oder einfach mal vor sich hinblödeln. Das schafft Nähe und gleichzeitig Distanz (kein Widerspruch!) zum eigenen Tun. Und macht Spaß. Und das ist für mich die Hauptsache an einem Arbeitsjournal: Es macht wirklich Spaß, eins zu führen.

23.8.07

Besser geht's nicht

Ich hab's schon in meiner Netzecke gepostet: Vor ein paar Tagen ist mir ein in jeder Hinsicht fantastischer Abenteuer-Roman (Robert Löhr: "Das Erlkönig Manöver") untergekommen, dessen erster Absatz nachgerade exemplarisch ist. Genauso muss man's machen und nicht anders:

“Sackerment”, rief Goethe, als ihm hinterrücks eine verkorkte Flasche Burgunder so heftig über dem Schädel zerschmettert wurde, dass ihm der Schlag in alle Glieder ging. Er hatte nicht einmal mehr die Zeit gehabt, seinen Daumen aus dem Mund der Frau zu nehmen. Benommen lehnte er sich an den Tisch, um nicht in die Knie zu gehen, aber schon hatte der andere ihn am Kragen gepackt und herumgewirbelt, bereit, ihn mit einem Fausthieb niederzustrecken. Schiller hatte indes das Geweih samt Schädel und Trophäenbrett gegriffen und ließ es nun auf den Rücken des Angreifers niedersausen. Als der Mann ohnmächtig zu Boden ging, knirschten die Scherben unter seinem Leib. Während Schiller das Geweih nicht aus der einen Hand gab, stütze er mit der anderen seinen Freund, bis der seine fünf Sinne wieder zurechtgesetzt hatte.

Auf den ersten Blick ist es einfach eine brillante Idee, eine Geschichte damit zu beginnen, Goethe und Schiller in einen Bar-Room Brawl nach Altväter-Sitte zu verwickeln. Wenn man genauer hinsieht, gelingt es Löhr, in seinem ersten Absatz, folgendes zu etablieren:
1. Ich erzähle eine Abenteuergeschichte.
2. Meine Geschichte ist nicht realistisch.
3. Ich mache einen Crossover zwischen Klassik und Western.
4. Trotzdem nehme ich meine Figuren Ernst.
5. Ich mache keine Parodie.
6. Ich lege Wert auf die Sprache meiner Figuren.
Und vor allen Dingen macht dieser erste Absatz - und das ist seine eigentliche Stärke - unglaublich neugierig. Jeder Satz, den Löhr schreibt, läßt mich, als naiven Leser, fragen: "Wie, verdammt noch mal, geht's weiter?"
Und genau darum geht's bei ersten Sätzen. Bei allen Sätzen. Den Leser dazu zu bringen, weiter zu lesen.
Ich weiß nicht, wie man besser anfangen könnte. Ich bin vor Neid gepeitscht.

Es geht weiter

Okay, ich mag dieses Blog nicht ganz zu machen, ich mag es auch nicht brach liegen lassen, wie in den letzten 3 Monaten. Ich mache demnächst weiter. Ob ich eine halbwegs regelmäßige Posting-Frequenz hinkriegen werde, steht in den Sternen. Ich versuch's einfach. Viel Spaß.

24.5.07

Vorläufig geschlossen

Es tut mir leid, aber momentan habe ich einfach nicht die Zeit, um diesen Blog so weiterzuführen, wie es dem Thema angemessen wäre. Und bevor ich weiter mit einem halbherzigen Posting pro Monat weiter vor mich hinwurschtele, schließe ich diesen Blog vorläufig, vielleicht endgültig. Ich bedanke mich bei allen Menschen, die hier vorbeigekommen und gelesen haben. Wer weiterhin etwas von mir lesen möchte, sei auf meine Netzecke verwiesen. Danke.

8.5.07

Die bösen Verlage

Da stellt das Literaturcafé die Tipps eines Lektors vom Aufbau-Verlag ins Netz. Und nur Sekundenbruchteile später wird die Klischeekanone in Stellung gebracht, und die zu kurz gekommenen Schuldabgeber beginnen, aus allen Vorurteilsrohren zu feuern. Überraschend schaltet sich Vito von Eichborn ein, dem man einiges nachsagen kann, aber nicht, dass er nicht weiß, wie man Bücher macht. Stört das irgendwen? Aber nein. Ganz großes Tennis!

8.4.07

Zielgruppe

Viele Autoren schrecken zurück, wenn man sie nach der Zielgruppe ihres aktuellen Manuskripts fragt.“Zielgruppe? Um Himmelswillen! Ich will mich doch nicht einengen!“ Ich glaube nicht, dass ein Autor sich einschränkt, wenn er beginnt, für eine konkrete Zielgruppe zu schreiben. Ein kleines Beispiel: Was ist, wenn ein Verleger einen Autor fragt: „Hätten Sie nicht Lust, einen Hardcore-Techno-Thriller zu schreiben? Klassischen Kalten-Kriegs-Stoff mit ausführlicher Beschreibung der Hardware, explizit für ein politisch konservatives Publikum, dass keinerlei Wert auf eine Nebenhandlung mit romantischen Verwicklungen legt?“

Wenn der Autor jetzt „So stark möchte ich mich nicht einengen!“ antwortet, hat er verloren. Denn das ist ziemlich genau die Zielgruppe, die Thriller-Heavyweights wie Tom Clancy oder Patrick Robinson seit Jahrzehnten bedient haben bzw. bedienen.

Die Konzentration auf eine bestimmte Zielgruppe wird letztlich das Spektrum eines Autors eher erweitern denn einschränken.

1.4.07

Biller im Spiegel

Wer ein wunderschönes Plädoyer für die Kurzgeschichte lesen möchte, wird in der neuen Ausgabe des Spiegel fündig. Der Text stammt von Maxim Biller, einem ausgewiesenen Experten für die "Kurzstrecke", und er ist nicht nur sehr gut sondern vor allen Dingen mit Leidenschaft geschrieben. Bisher ist der Text online nicht erschienen, daher hilft vorerst kein Klicken sondern nur der Weg zum Kiosk.

25.2.07

Idee

"Wo kriegen Sie nur die ganzen Ideen her?" werde ich gelegentlich gefragt, und ich antworte meistens kurz, knapp und wahrheitsgemäß "Aus der Zeitung!" Der Fragesteller sieht mich dann meist ungläubig an, zuckt mit den Achseln und denkt sich "Der will wohl seine Betriebsgeheimnisse nicht verraten." Falsch. Es gibt keine Betriebsgeheimnisse. Die wirklich guten Ideen stehen (manchmal bis oft) tatsächlich in der Zeitung. Heute zum Beispiel im Tagesspiegel:

Die LETZTE Meldung:
"Eine Boeing der Fluggesellschaft Air India ist vor einigen Tagen aus Los Angeles kommend in Frankfurt gelandet. Weil ein durch Steinschlag entstandenes Loch an einer Tragfläche entdeckt wurde, verzögerte sich der Weiterflug der 160 Passagiere in Richtung Neu-Delhi bis zum nächsten Tag. Nach dem Start kehrte die Maschine zweieinhalb Stunden später nach Frankfurt zurück. Der Grund: In den Gepäckcontainern waren zwei Koffer, die keinem Passagier zugeordnet werden konnten. In Frankfurt wurden die beiden herrenlosen Koffer ausgeladen, mit 25 Stunden Verspätung konnte die Maschine erneut abheben. Bereits vor dem Start von Los Angeles nach Frankfurt war es zu einer Verzögerung von fünf Stunden gekommen, weil eine Frau an Bord einen Gehirnschlag erlitten hatte. Zudem hatten Polizisten die Maschine gestürmt und einen Verbrecher festgenommen. dpa"

"Something must go wrong" - klassische Komödienvorlage. Jetzt nur noch bei ein paar Fluggesellschaften nach ähnlichen Katastrophen recherchieren, einen Protagonisten einbauen, der einen Termin einhalten muss... dazu vielleicht einen Antagonisten (eine Antagonistin?), der weitere Verspätungen nachgerade herbeisehnt... Meiner Ansicht nach ist das ein richtig guter Stoff. Und wo stand er? In der Zeitung.

Und: Sorry für die lange Pause. Gelobe Besserung.

29.1.07

Reduktion

Ein ungeheuer wirksames, gleichzeitig aber äußerst riskantes Mittel für Drehbuch bzw. Theaterstück ist es, einen der Darsteller eines Ausdrucksmittels zu berauben, um seinen ersten Einsatz ganz gezielt einzusetzen.
Ein Beispiel ist Blues Brothers. Dreiviertel des Films muss John Belushi seine ungeheuer ausdrucksvollen Augen hinter einer Sonnenbrille verstecken. Der Moment, wenn er die Brille abnimmt, um Carrie Fisher zu becircen, beeindruckt zweifelsohne.
Ein anderes Beispiel ist Das Leben der Anderen. Wenn Ulrich Mühe als Wiesler in der allerletzten Szene des Films zum ersten Mal lächelt, entsteht ein einzigartiger Kino-Moment, in dem der Film m. E. wirklich die Herzen der Zuschauer erreicht.
Sicherlich ist der Einsatz eines derartigen Mittels legitim, man sollte jedoch beachten, dass man wirklich hervorragende Schauspieler zur Verfügung haben muss, um damit durchzukommen. Sowohl Belushi als auch Mühe hatten bzw. haben eine ungeheure Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten, so dass sie auf ein derart existenzielles Mittel wie das Augenspiel oder das Lächeln verzichten können, ohne hölzern und eindimensional zu wirken. Weniger fähige Schauspieler könnten regelrecht absaufen, wenn der Autor ihnen derartiges zumutet. Und das sollte nicht sein: Ein Autor, der für Film, TV oder Theater schreibt, sollte als erstes „seine“ Schauspieler schützen und stützen, denn sie sind der Mittler zwischen ihm und dem Publikum.
Zurück zu den Beispielen. Die beschriebene Reduktion funktioniert im „Leben der Anderen“ wesentlich besser als bei „Blues Brothers“. In diesem Film wird die Reduktion nur für einen – nicht einmal besonders guten – Gag benutzt, eine letztlich überflüssige Pointe (Belushi hätte Fischer sicherlich anders überzeugen können), die haarscharf am Rohrkrepierer vorbeischrammt. Im „Leben der Anderen“ macht erst Mühes Lächeln die Figur komplett. Erst dieser Moment vollendet Wieslers Veränderung und zeigt dem Zuschauer, dass alles sich gelohnt hat, dass Menschen sich ändern können, wenn sie wollen und bereit sind, alles zu riskieren. Klasse gemacht von Drehbuch, Regie und – natürlich – dem fantastischen Ulrich Mühe.

14.1.07

Schöner Dialog

Aus dem Schweriner Polizeiruf von heute:
Vater und Sohn Hinrichs spielen im Garten Federball (nein, nicht Badminton, Federball). Der Vater schlägt den Ball (heißt das beim Federball so?) über den Zaun.

Sohn: Den holst du.
Vater: Nö.

So wenig Worte. So viel drin.

8.1.07

Einzelkämpfer

Wieso sind nur so viele Menschen, die mit dem Schreiben beginnen, der unerschütterlichen Ansicht, sie müssten sämtliche Probleme, die sich ihnen stellen, allein im stillen Kämmerlein lösen? Woher kommt dieser offensichtlich hammerhart festsitzende Irrglaube, dass es Aufgabe eines Autors ist, verwachsen mit seinem Schreibtischstuhl seine Probleme und die der ganzen Welt durch schieres Nachdenken zu lösen?
Kein Mensch aus meinem erweiterten Bekanntenkreis, der seinen Lebensunterhalt ganz oder teilweise mit dem Schreiben verdient, arbeitet so. Wenn ein Profi auf eine Frage stößt, die er selbst nicht sofort beantworten kann, dann sucht er meist den schnellsten bzw. mühelosesten Weg zur Antwort: Er fragt seinen Lektor, wenn es um ein erzählerisches Problem geht. Oder er fragt einen Experten, wenn es um ein sachliches Problem geht. Insbesondere englische und amerikanische Autoren haben keinerlei Probleme, sich zu dieser (in meinen Augen einzig sinnvollen) Arbeitsweise zu bekennen: Die „Danksagung“ in vielen englischen Büchern zieht sich oft über mehrere Seiten hin, auf denen der Autor all die Menschen auflistet, die ihm mit Rat und Tat beim Schreiben des Buchs behilflich waren.
Auf diese Art und Weise (Nachfragen und Recherchieren) zu arbeiten, hat noch einen weiteren großen Vorteil: Sie macht Spaß.

4.1.07

Wie anfangen?

Viele Menschen, verblüffenderweise auch solche, die sich schon länger mit diesem wunderbaren Handwerk befassen, schenken dem Anfang ihrer Texte verblüffend wenig Aufmerksamkeit. Viele angehende Autoren benutzen den Anfang ihrer Texte unverhohlen, um sich „einzuschreiben“, um selbst als Erzähler in die Geschichte „hineinzukommen“.
Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, einen derartigen Kardinalfehler zu vermeiden. Wenn man für die Veröffentlichung schreibt, schreibt man für den Leser, nicht für sich selbst. Und 99,9 % der Leserschaft interessieren sich vollkommen zurecht nicht für das „in die Gänge kommen“ schwerfälliger Autoren.
Sicherlich gibt es kein Patentrezept für den optimalen Beginn einer Geschichte oder eines Romans. Aber wenn man sich einmal das Vergnügen (Es ist keine Mühe!) macht, zu analysieren, wie der ein oder andere Kollege in sein Buch einsteigt, findet man eine Gemeinsamkeit: Die meisten erfolgreichen Autoren, Klassiker wie Moderne, beginnen umgehend damit, aufs Ziel loszusteuern. In den ersten Sätzen bzw. Absätzen sagen sie dem Leser gerade heraus, um was es geht. Über das Thema der Geschichte (und oftmals auch über ihren Charakter und Verlauf) kann es nach der erste Sätze meist keinen Zweifel mehr geben.
Als ersten Beleg für diese These (Ich hab noch ein paar weitere Beiträge zum Thema „Anfang“ in petto.) möchte ich den Anfang von Charles Dickens' „Oliver Twist“ zitieren:

Erstes Kapitel

Handelt von dem Orte, wo Oliver Twist geboren ward, und von Umständen, die seine Geburt begleiteten

In einer Stadt, die ich aus mancherlei Gründen weder nennen will, noch mit einem erdichteten Namen bezeichnen möchte, befand sich unter anderen öffentlichen Gebäuden auch eines, dessen sich die meisten Städte rühmen können, nämlich ein Armenhaus. In diesem wurde an einem Tage, dessen Datum dem Leser kaum von Interesse sein kann, der Kandidat der Sterblichkeit geboren, dessen Namen die Kapitelüberschrift nennt.
Lange noch, nachdem er bereits durch den Armenarzt in dieses irdische Jammertal eingeführt war, blieb es höchst zweifelhaft, ob das Kind lange genug leben würde, um überhaupt eines Namens zu bedürfen. Es hielt nämlich ungemein schwer, Oliver zu bewegen, die Mühe des Atmens auf sich zu nehmen, allerdings eine schwere Arbeit, die jedoch die Gewohnheit zu unserm Wohlbefinden nötig gemacht hat. So lag er, eine geraume Zeit nach Luft ringend, auf einer kleinen Matratze, wobei sich die Waagschale seines Lebens entschieden einer besseren Welt zuneigte. Wäre Oliver damals von sorglichen Großmüttern, ängstlichen Tanten, erfahrenen Wärterinnen und hochgelehrten Ärzten umgeben gewesen, so wäre er unzweifelhaft mit dem Tode abgegangen, so aber war niemand bei ihm als eine arme alte Frau, die infolge ungewohnten Biergenusses ziemlich benebelt war, und ein Armenarzt, der vertragsgemäß bei Geburten Hilfe leisten mußte. Oliver hatte deshalb die Sache mit der Natur allein auszufechten. Das Ergebnis war, daß Oliver nach einigen Anstrengungen atmete, nieste und endlich damit zustande kam, den Bewohnern des Armenhauses die Ankunft einer neuen Bürde für die Gemeinde durch ein so lautes Schreien anzukündigen, als sich füglich von einem Jungen erwarten ließ, der die ungemein nützliche Beigabe einer Stimme erst seit drei und einer viertel Minute besaß. Da erhob sich das bleiche Gesicht einer jungen Frau mit Mühe von den Kissen und eine schwache Stimme flüsterte kaum vernehmbar: "Lassen Sie mich das Kind sehen, dann will ich gern sterben."

In Kapitelüberschrift und den beiden ersten Absätzen steht beinahe schon der ganze Roman drin. Beinahe.