4.12.06

Über das, was man wirklich kennt...

Gelobt sei das Internet! Als Autor weiß man doch gar nicht mehr, wie man ohne Netzanschluß gelebt hat. Wenn man damals recherchieren mußte, hat man sich von Bibliothek zu Archiv zu Location die Schuhsohlen durchgelatscht, und heute kann man fast alles vom Schreibtisch aus erledigen. Ist doch Klasse, oder?
Ich fürchte, nein! Das Internet kann die klassische Vor-Ort-Recherche eines Autors niemals ersetzen. Gerade bin ich zufällig auf einen Kollegen gestoßen, der sich die Schauplätze seines geplanten nächsten Romans im Internet zusammenklaubt. Er fragt andere Kollegen per Mail, postet in Foren, usw. Ich wage mal die Prognose, dass seine Story weit hinter seinen eigenen Erwartungen zurückbleiben wird, wenn er sich nicht doch noch vor Ort bemüht.
Ein Beispiel: Nehmen wir an, ich brauche für eine Szene ein Ausflugslokal mit Terrasse am Waldrand. Eine Handvoll derartiger Locations inklusive aussagekräftiger Fotos hab ich mir in Nullkommanix zusammengegoogled (Wie schreibt man eigentlich "gegoogled"? Wirklich so?), da kann ich mir ein prima Bild machen und gleich die Szene schreiben, oder?
Wieder nein. Weil ich mir nur ein Bild gemacht habe. Wenn ich aber mit allen Sinnen schreiben will - was ich den Teilnehmern aller meiner Kurse empfehle - weiß ich noch nicht, wie es in dem Lokal riecht. Wachsen vor der Terrassee vielleicht Wildkräuter, die sich ein intensives Duftduell mit dem Pommes-Ranz aus der Schniposa-Küche des Lokals liefern? Gibt es vielleicht einen originellen Kellner, den ich einbauen könnte? Was für Menschen verkehren in diesem Lokal? Spielen Kinder auf der Terrasse, die meine Protagonisten eventuell im Gespräch stören? Oder ist eine andere Lärmquelle in unmittelbarer Nähe? Alles Dinge, die ich mir am Schreibtisch mühsam herbeifantasieren müßte, vor Ort jedoch geradezu sturzbachartig in mein Notizbuch eintragen könnte.
In meinen Kursen wiederhole ich gern gebetsmühlenartig, dass man nur über das Schreiben soll, was man kennt. Vielleicht sollte ich meinen Standardsatz erweitern. Über das, was man wirklich kennt...

Keine Kommentare: