20.12.06

Schlechte Verkäufer

Den Satz „Ich kann mich selbst so schlecht verkaufen.“ hört man oft, wenn Autoren beieinander sitzen und sich über die Lage an ihrem Arbeitsmarkt austauschen. Verlagssuche, Drehbuch verkaufen, Aufträge acquirieren... unangenehm, schwierig, eklig!

Früher habe ich selbst oft und gern diesen Satz gesagt/benutzt, wenn es darum ging, meine Texte bzw. meine Arbeitskraft als Autor irgendwo anzubieten. Heute schäme ich mich für die dumme, kokette Gedankenlosigkeit, für die dieser Satz steht. Letztlich ist er nichts anderes als ein Armutszeugnis für den Autor, der ihn ausspricht. Auch und gerade jemand, der Texte zur Veröffentlichung schreibt, muss auch ein Verkäufer sein. Er muss beim Leser Interesse für seine Ideen, seine Plots, seine Figuren und ihre Gefühle wecken. Er will ja beim Leser Emotionen auslösen, ihn bewegen, zum Lachen und zum Weinen bringen... Wie soll das jemand zu Wege bringen, der von sich selbst behauptet, er habe Probleme, andere von seinen professionellen Qualitäten zu überzeugen?

11.12.06

Expositis

„Ich kann einfach kein Exposé schreiben“, höre ich gar nicht selten von angehenden Autoren, die einen Roman vollendet haben und jetzt an die Verlagssuche gehen, für die ein aussagekräftiges Exposé unerlässlich ist.
Ein solches Exposé sollte ca. 4 Seiten lang sein und eine aussagekräftige Beschreibung des Manuskripts enthalten. Was ist das Thema? Wer ist die Zielgruppe? Wer sind die Hauptfiguren? Wie fängt's an? Wie geht’s weiter? Wie hört's auf? Mehr ist nicht.
Eigentlich erstaunlich, wenn ein Autor stöhnt, Schwierigkeiten beim Verfassen eines solchen Exposés zu haben. Ausgehend von mir selbst wage ich einmal die These, dass letztlich derjenige am Exposé scheitert, der sein Buch noch nicht zu Ende geschrieben hat. Wer eine Geschichte von mehr als 150 Normseiten erdacht, konzipiert, durchkomponiert, zu Papier gebracht und schließlich mindestens einmal überarbeitet hat, für den sollte es nicht allzu schwierig sein, diese Geschichte auf vier Seiten zu beschreiben. Sollte man meinen.
Wer auch mit den berühmten „6 W“ (Wer? Was? Wie? Wo? Warum? Wann?) seine Geschichte nicht in Exposé-Form beschreiben kann, der hat vermutlich noch gar keine, auch wenn er schon hunderte Seiten vollgeschrieben hat.

5.12.06

Eifel-Recherche

Als Ergänzung zum letzten Beitrag möchte ich von einem Wochenende erzählen, dass ich vor ein paar Jahren in der Eifel verbringen konnte. Organisiert von Krimi-Autor Jacques Berndorf trafen sich Autoren, Aficionados und Eifel-Fans, um gemeinsam mit Berndorf auf den Spuren seiner Krimis zwei Tage lang die Eifel zu durchstreifen. Herrlich!
Und verblüffend. Denn wenn man gemeinsam mit dem Autor die Schauplätze der Berndorf-Krimis besuchte, wurde einem schlagartig das Erfolgsgeheimnis von Berndorfs "Eifel"-Serie um den ermittelnden Journalisten Siggi Baumeister klar: Authentizität. Berndorf (be)schreibt das, was er kennt. Er selbst war jahrzehntelang äußerst erfolgreich als Journalist tätig und hat sich mit Baumeister ein Alter Ego von äußerster Wahrhaftigkeit geschaffen. Und wenn man die Schauplätze der "Eifel"-Krimis besucht, merkt man sofort: Berndorf ist vor Ort gewesen. Wenn er von einer maroden Krüppelkiefer an der Kreuzung zweier Waldwege schreibt, dann kann man sich darauf verlassen, dass es diese Kreuzung mit der maroden Kiefer genau da gibt, wo er sie reingeschrieben hat.
Letztlich sucht Berndorf sich für einen Roman ein Thema, das er als erstes akribisch recherchiert. Dann recherchiert und besucht er die für sein Thema relevanten Schauplätze und Figuren in der Eifel, und dann "legt er ein paar Leichen in die Eifel", wie er sagte.
Ein ganz großer Vorteil dieser Arbeitsweise ist der Spaß, den sie dem Autor macht. "Warum soll ich mir das alles mühsam am Schreibtisch ausdenken, wenn ich stattdessen zwei Stunden im Wald spazieren gehen kann?"

4.12.06

Über das, was man wirklich kennt...

Gelobt sei das Internet! Als Autor weiß man doch gar nicht mehr, wie man ohne Netzanschluß gelebt hat. Wenn man damals recherchieren mußte, hat man sich von Bibliothek zu Archiv zu Location die Schuhsohlen durchgelatscht, und heute kann man fast alles vom Schreibtisch aus erledigen. Ist doch Klasse, oder?
Ich fürchte, nein! Das Internet kann die klassische Vor-Ort-Recherche eines Autors niemals ersetzen. Gerade bin ich zufällig auf einen Kollegen gestoßen, der sich die Schauplätze seines geplanten nächsten Romans im Internet zusammenklaubt. Er fragt andere Kollegen per Mail, postet in Foren, usw. Ich wage mal die Prognose, dass seine Story weit hinter seinen eigenen Erwartungen zurückbleiben wird, wenn er sich nicht doch noch vor Ort bemüht.
Ein Beispiel: Nehmen wir an, ich brauche für eine Szene ein Ausflugslokal mit Terrasse am Waldrand. Eine Handvoll derartiger Locations inklusive aussagekräftiger Fotos hab ich mir in Nullkommanix zusammengegoogled (Wie schreibt man eigentlich "gegoogled"? Wirklich so?), da kann ich mir ein prima Bild machen und gleich die Szene schreiben, oder?
Wieder nein. Weil ich mir nur ein Bild gemacht habe. Wenn ich aber mit allen Sinnen schreiben will - was ich den Teilnehmern aller meiner Kurse empfehle - weiß ich noch nicht, wie es in dem Lokal riecht. Wachsen vor der Terrassee vielleicht Wildkräuter, die sich ein intensives Duftduell mit dem Pommes-Ranz aus der Schniposa-Küche des Lokals liefern? Gibt es vielleicht einen originellen Kellner, den ich einbauen könnte? Was für Menschen verkehren in diesem Lokal? Spielen Kinder auf der Terrasse, die meine Protagonisten eventuell im Gespräch stören? Oder ist eine andere Lärmquelle in unmittelbarer Nähe? Alles Dinge, die ich mir am Schreibtisch mühsam herbeifantasieren müßte, vor Ort jedoch geradezu sturzbachartig in mein Notizbuch eintragen könnte.
In meinen Kursen wiederhole ich gern gebetsmühlenartig, dass man nur über das Schreiben soll, was man kennt. Vielleicht sollte ich meinen Standardsatz erweitern. Über das, was man wirklich kennt...