9.11.06

Übersetzen

Aus Rücksicht auf die übersetzenden Kollegen und den lieben Freund, der mir das Buch geschenkt hat, verschweige ich mal den Titel meiner derzeitigen Lektüre, sondern sage nur, dass es sich um ein aufwändigst gestaltetes Filmbuch handelt, einen veritablen Prachtband mit an die 300 Seiten, aus dem Englischen übersetzt... oder besser gesagt, nicht übersetzt.
Die Freude an besagtem Band wird zumindest bei mir durch die vollkommen unzureichende Übersetzung getrübt: Da wird "graphic violence" tatsächlich zu "graphischer Gewalt" eindeutscht, und die TV-Erstausstrahlung eines Kinofilms in ein "US-Netzwerk" verlegt, um nur zwei Beispiele zu nennen. Tatsächlich findet sich beinahe auf jeder zweiten Seite des Buchs ein derart grober Klops, so dass ich mich tatsächlich fragen muss, ob der Verlag meint, dass das Buch eh nur dekorativ auf den Kamin-Tischen herumliegen und von niemandem gelesen werden soll.
Die Wahrheit ist vermutlich eine andere und bei unterbezahlten Übersetzern und einem überlasteten Lektorat zu suchen, denn derartig schlampige Arbeit ist in den letzten Jahren eher zur Regel denn zur Ausnahme geworden. Angesichts der Beträge, die viele Verlage für Übersetzungen und entsprechende Lektorate überhaupt noch auszugeben bereit sind, bleibt vielen Kollegen gar nichts anderes mehr übrig, als ihre Arbeit oberflächlich auszuführen. Notgedrungen müssen sie mehr Aufträge annehmen, um die Miete, die Krankenversicherung, das Mittagessen usw. bezahlen zu können.
Was hat das letztendlich zur Folge? Ich auf jeden Fall werde für längere Zeit kein Buch des Verlags mehr kaufen, der das oben erwähnte Buch herausgebracht hat, ohne mich vorher versichert zu haben, dass die Übersetzung sich in akzeptablem Rahmen bewegt. Für derart hilfloses Gestammel bin ich nicht bereit, Geld auszugeben.
Und in diesem Fall heißt Kostenersparnis eben: Wenn eine Branche die Kreativen aushungert, also die Menschen, die letztlich die Bücher machen, schadet sie sich selbst. Von Büchern solcher Qualität wird man deutlich geringere Stückzahlen verkaufen können, als von einem qualitativ akzeptablen Produkt.
Angesichts dessen muten die derzeitigen Auseinandersetzungen um das neue Urheberrechtsgesetz geradezu bizarr an. Hier schachern sich Politik, Rechteverwertungsindustrie und Interessenverbände ein Gesetz zusammen, bei dem der eigentliche Urheber zur Kompromiss-Masse wird. Die Presse leistet das ihrige und romantisiert das "Prekariat" zu einer digitalen Bohéme, und die Auswirkungen werden wir uns in ein paar Jahren zu Gemüte führen können. Dann stehen die Klopse nicht mehr in den schlecht übersetzten Büchern, dann werden sie von den Übersetzern ganz real gebraten. Weil man dann mehr Geld als Aushilfe in einem Imbiss verdienen kann als als Übersetzer. Zum Teil ist es schon heute so.

Keine Kommentare: