23.11.06

Weglassen!

Viele Texte kann man dadurch verbessern, dass man alles streicht, was nicht unbedingt zum Verständnis desselben nötig ist. Ein befreundeter Lektor sagte mir einmal: "Einfach alle Adverbien und die Hälfte der Adjektive raus, und schon hast du die meisten Texte um 100 Prozent verbessert."
Derjenige, der sich bei Konzeption bzw. Niederschrift seiner Texte Gedanken über deren größtmögliche Verknappung macht, schreibt meist auf Anhieb bessere Texte als derjenige, der zunächst einmal "in die Breite" arbeitet, und alles in den Text hinein schreibt, was ihm gerade einfällt.
Wer mit Verknappung arbeiten will, braucht eine funktionierende Struktur in seinem Text. Der Leser muss ja später sozusagen das Weggelassene erraten können, und dafür braucht er gewisse Anhaltspunkte, denn Verknappen bedeutet, mit der Erwartungshaltung des Lesers zu spielen, sie zu erfüllen oder sie bewußt zu konterkarieren.
Im Dialog schließlich ist das Weglassen ein wunderbares Mittel um Figuren zu charakterisieren bzw. Pointen zu setzen. Ein geniales Beispiel findet sich am Ende des sogenannten "Teasers" (also der Sequenz vor dem Vorspann) des neuen Bond-Films (Nebenbei: unbedingt ansehen! Fantastisches Popcorn-Kino, ein Meilenstein der Serie!): Jede Menge "weggelassener" Dialog (weil die Figuren eh wissen, was der jeweils andere jetzt sagen wird), der in einer herrlich zynischen Pointe gipfelt, die aus zwei (!) Worten besteht.

17.11.06

Innovationen?

Ich habe jetzt auch auf die neue Bloggerversion umgestellt, nicht zuletzt, um die Angelegenheit hier durch das Verteilen von Labels übersichtlicher gestalten zu können. Hätte ich gewußt, dass dadurch die Umlaute in meinen Links zerschossen werden, hätte ich wohl doch noch etwas gewartet. Wenn jemand eine Lösung für dieses Problem hat, wäre ich für einen Hinweis dankbar.

Neue Blogs

Zwei vielversprechende neue Literatur-Blogs entdeckt: Unter Seite4 schreiben Autoren des bücher magazin über Menschen, Geschichten und Bücher.
Schon seit einigen Monaten und schändlicherweise erst jetzt von mir entdeckt schreibt Lothar Resse über Leben & Schreiben & Lesen.
Viel Spaß bei den Kollegen!

12.11.06

Dialog V: One-Liner

One-Liner sind Dialog-Pointen, die ohne Vorbereitung funktionieren. Die "klassische" Pointe funktioniert nach dem 1-2-3-Schema, also 1. Motiv einführen, 2. Motiv wiederholen, 3. Entstandene Erwartungshaltung bestätigen oder brechen. Den One-Liner nimmt man, wen es schneller gehen muss oder... wenn man eine Figur hat, deren Charakteristik sie für One-Liner prädestiniert, wie z. B. der arrogante Pathologe, den Liefers in den Tatorten mit Axel Prahl spielt. Gerade eben gesehen: Liefers und Prahl begutachten die Leiche eines bei einem Autounfall vermutlich ermordeten Wissenschaftlers.
Prahl: "Was hat der hier gesucht?"
Liefers: "Steine. Pilze. Inneren Frieden. Bei diesen Ethnologen weiß man nie."
Klasse!

9.11.06

Übersetzen

Aus Rücksicht auf die übersetzenden Kollegen und den lieben Freund, der mir das Buch geschenkt hat, verschweige ich mal den Titel meiner derzeitigen Lektüre, sondern sage nur, dass es sich um ein aufwändigst gestaltetes Filmbuch handelt, einen veritablen Prachtband mit an die 300 Seiten, aus dem Englischen übersetzt... oder besser gesagt, nicht übersetzt.
Die Freude an besagtem Band wird zumindest bei mir durch die vollkommen unzureichende Übersetzung getrübt: Da wird "graphic violence" tatsächlich zu "graphischer Gewalt" eindeutscht, und die TV-Erstausstrahlung eines Kinofilms in ein "US-Netzwerk" verlegt, um nur zwei Beispiele zu nennen. Tatsächlich findet sich beinahe auf jeder zweiten Seite des Buchs ein derart grober Klops, so dass ich mich tatsächlich fragen muss, ob der Verlag meint, dass das Buch eh nur dekorativ auf den Kamin-Tischen herumliegen und von niemandem gelesen werden soll.
Die Wahrheit ist vermutlich eine andere und bei unterbezahlten Übersetzern und einem überlasteten Lektorat zu suchen, denn derartig schlampige Arbeit ist in den letzten Jahren eher zur Regel denn zur Ausnahme geworden. Angesichts der Beträge, die viele Verlage für Übersetzungen und entsprechende Lektorate überhaupt noch auszugeben bereit sind, bleibt vielen Kollegen gar nichts anderes mehr übrig, als ihre Arbeit oberflächlich auszuführen. Notgedrungen müssen sie mehr Aufträge annehmen, um die Miete, die Krankenversicherung, das Mittagessen usw. bezahlen zu können.
Was hat das letztendlich zur Folge? Ich auf jeden Fall werde für längere Zeit kein Buch des Verlags mehr kaufen, der das oben erwähnte Buch herausgebracht hat, ohne mich vorher versichert zu haben, dass die Übersetzung sich in akzeptablem Rahmen bewegt. Für derart hilfloses Gestammel bin ich nicht bereit, Geld auszugeben.
Und in diesem Fall heißt Kostenersparnis eben: Wenn eine Branche die Kreativen aushungert, also die Menschen, die letztlich die Bücher machen, schadet sie sich selbst. Von Büchern solcher Qualität wird man deutlich geringere Stückzahlen verkaufen können, als von einem qualitativ akzeptablen Produkt.
Angesichts dessen muten die derzeitigen Auseinandersetzungen um das neue Urheberrechtsgesetz geradezu bizarr an. Hier schachern sich Politik, Rechteverwertungsindustrie und Interessenverbände ein Gesetz zusammen, bei dem der eigentliche Urheber zur Kompromiss-Masse wird. Die Presse leistet das ihrige und romantisiert das "Prekariat" zu einer digitalen Bohéme, und die Auswirkungen werden wir uns in ein paar Jahren zu Gemüte führen können. Dann stehen die Klopse nicht mehr in den schlecht übersetzten Büchern, dann werden sie von den Übersetzern ganz real gebraten. Weil man dann mehr Geld als Aushilfe in einem Imbiss verdienen kann als als Übersetzer. Zum Teil ist es schon heute so.

7.11.06

Dialog IV: Wo schreib ich Dialog? - Prosa

Endlich geht’s weiter mit meinen Tipps zum Dialogschreiben. Heute will ich mich der erzählenden Prosa zuwenden, also dem Dialog in Erzählung und Roman. Wo in den bisher angesprochenen Genres der Dialog meist das Rückgrat beinahe jeder Szene bildet, so sollte in der erzählenden Prosa der Dialog immer dem Besonderen, dem Wichtigen vorbehalten bleiben. In der erzählenden Prosa ist es letztlich die Behandlung der Zeit, an der man u.a. die Könnerschaft eines Autors erkennt. Wo dehnt er die Momente, wann fasst er Tage, Wochen, Monate in wenigen Sätzen zusammen? Dialoge im Roman sind „Echtzeit“, hier wird der Leser scheinbar unmittelbar und ungefiltert Zeuge des Geschehens, deshalb sollte man ihn nicht mit Gesprächen über Banalitäten langweilen und enttäuschen.
Ein sehr gutes Mittel, um packenden Dialog zu schreiben ist es, möglichst spät in eine Dialogszene einzusteigen. Wenn z. B. Tom, Dick und Hary sich zufällig im Wartezimmer eines Zahnarztes treffen, sich freundlich begrüßen, ein wenig über alte Zeiten reminiszieren, vielleicht noch ihrer Angst vorm Zahnarzt Ausdruck verleihen um schließlich in einen Streit zu geraten, der auf das eigentliche Thema des Romans zurückführt... dann wäre es vermutlich eine gute Idee, das anfängliche Geplänkel zu raffen oder gleich wegzulassen und mit dem Streit in den Dialog einzusteigen.
Ebenso sollte man den Dialog zum frühestmöglichen Zeitpunkt verlassen. Wenn Tom, Dick und Harry sich gestritten haben, dann müssen wir nicht als letztes lesen, dass Harry sagt: „Ihr habt ja recht, ihr zwei.“ Der Dialog ist in dem Moment beendet, in dem Tom (oder Dick) das entscheidende Argument bringt, das Harrys Sicht der Dinge widerlegt. Die nachfolgenden Rückzugsgefechte u.ä. Können wir uns und unseren Lesern ersparen, es sei denn, sie enthalten noch etwas, was für den weiteren Fortgang der Handlung wichtig ist. Vielleicht den Ausgangspunkt für einen neuerlichen Konflikt?
Denn das ist in jedem Genre wichtig für guten Dialog: Konflikt. Wenn die miteinander sprechenden Figuren keinen Konflikt austragen, haben wir eine statische Dialogsituation an Stelle einer dynamischen. Aus einer statischen Situation heraus jedoch schreibt man meist einen Dialog, in dem die Figuren sich etwas erzählen. Und das ist meist nicht gut. Auch und gerade im Dialog gilt: „Show, don't tell!“ - Zeige es, erzähl nicht davon!