12.10.06

Schreiben und Rauchen

Warum rauchen so viele Autoren? In Zeiten, als Political Correctness noch kein Thema und das persönliche Gesundheitsrisiko Privatsache war, ließen sich viele prominente und weniger prominente Autoren gern mit der dekorativen Zigarette, Zigarre oder Pfeife fürs Autorenporträt ablichten. Und auch heute, wo man absurderweise beginnt, Rauchen als "lower-class-behavior" zu stigmatisieren (U. a. Thomas Mann war Raucher. Dem kann man so manches nachsagen, aber nicht "lower-class-behavior"!), bekennen sich viele Kolleginnen und Kollegen offensiv zu ihrem Nikotinkonsum. Das hat seinen guten Grund. Rauchen kann beim Schreiben helfen.
Ich spreche aus Erfahrung. Zwar rauche ich seit bald 5 Jahren nicht mehr, aber in den 30 Jahren davor habe ich beinahe immer mit qualmender Zigarette in Hand und/oder Mund gearbeitet. Weil die Zigarette mir einen wunderbaren Arbeitsrhythmus vorgab: Ein, zwei, manchmal drei Absätze schreiben, dann zur Belohnung eine anstecken, ein paar genießerische Züge machen und dabei die soeben geschriebenen Absätze noch einmal durchlesen. Gleich noch ein paar Formulierungen abgerundet, das ganze nochmal im Kontext gelesen, noch ein wenig gefeilt und die Belohnungszigarette war aufgeraucht. Also freudig die nächsten Absätze angegangen, denn der Nikotin-Hit hat ja dieses kreativmachende Dingsbums-Hormon freigesetzt. Und wenn man zwei, drei Absätze geschrieben hat, darf man ja schon wieder ein Zigarettchen...
Ich kann die rauchenden Kollegen sehr gut verstehen. Ein solches, auf Belohnungen und sinnvollen Pausen beruhendes Arbeitssystem ist absolut genial. Wäre nicht die gesundheitsgefährdende Komponente, würde ich jedem angehenden Autor raten, mit dem Rauchen anzufangen. So bleibt es bei der Empfehlung, sich wenigstens Rhythmus und Arbeitseinteilung der rauchenden Kollegen zunutze zu machen: Die anstehenden Arbeiten in kleine Schritte aufteilen, die leicht zu bewältigen sind. Und immer wieder inne halten, um die bisher erarbeitetem Textteile gelassen und entspannt im Kontext zu betrachten. Das hilft, Betriebsblindheit und in Sackgassen führendes Stress-Texten zu vermeiden, und sorgt für einen entspannten Arbeitsalltag voller kleiner Erfolgserlebnisse. Ob mit oder ohne Zigarette.

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