2.10.06

Dialog II: Wo schreib ich Dialog? - Kino und Theater

Viele Autoren - selbstverständlich nicht diejenigen, die hier mitlesen und -kommentieren - gehen mit einer erstaunlichen Wurschtigkeit an das Genre heran, in dem sie wörtliche Rede schreiben. "Dialoge fallen mir leicht, weil ich ein Ohr und ein Händchen fürs Gesprochene habe.", hab ich schon von gar nicht wenigen Kollegen gehört. Wie schön für sie, doch die ganzen Möglichkeiten einer Dialog-Szene kann nur derjenige ausschöpfen, der bewußt für ein Genre schreibt.
Dialoge gibt es im Film. Im Theater. Im Hörspiel. Im Fernsehen. Und in der erzählenden Prosa.
Die Reihenfolge dieser Aufzählung ist nicht zufällig gewählt. Sie hat mit der Aufmerksamkeitshaltung des jeweiligen Publikums zu tun. Wie sehr paßt derjenige, an dem meine Dialoge gerade vorbeischnurren, gerade auf und worauf?
Das aufmerksamste Publikum werde ich immer im Kino haben. Nicht nur, weil mein Publikum in einem abgedunkelten Saal sitzt und kein anderes Interesse hat, als der auf der Leinwand ablaufenden Geschichte zu folgen (von denen, die sich lieber mit Popcorntüte und/oder SitznachbarIn befassen, mal abgesehen), nein, hier helfen auch Kamera und Montage, die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu kanalisieren. Das Kino ist das Medium, in dem ich als Autor problemlos Dialoge schreiben kann, die die eigentlich gezeigten Bilder konterkarieren. Ein Beispiel, dass auch Hitchcock in dem bereits erwähnten Buch von Truffaut bringt: Die Kamera zeigt eine Frau und einen Mann beim Hühnchenessen. Dabei unterhalten sie sich über vollkommen belanglose Dinge, aber aus der Art und Weise, wie sie das Hühnchen essen, wie sie die Knochen genußvoll abnagen, wie sie sich das Hühnerfett von den Fingern lecken, kann der Zuschauer erkennen, dass sich zwischen den beiden gerade eine Liebesbeziehung anbahnt. Im Film kann man also aus dem Kontast zwischen Bild und Dialog einen kraftvollen Subtext erschaffen, der die eigentliche Geschichte der jeweiligen Szene erzählt.
Subtext spielt auch beim Theaterdialog eine große Rolle. Wenn man für das Theater schreibt, sollte man sich hüten, Dialoge zu schreiben, die lediglich platt und direkt die Handlung vorantreiben. Das verleiht dem Bühnengeschehen eine spannungslose Eindimensionalität, mit der ein Publikum nur schwer zu fesseln ist. Hier muss der Autor in die Dialoge einen Subtext hineinschreiben, der den Figuren und ihren Motiven ein Geheimnis gibt, also etwas vorgeben, was die Schauspieler spielen können, ohne es zu sagen. Ein direktes Konterkarieren der Handlung durch Dialog ist dem Theaterautor meist nicht möglich: Im Theater fehlt der durch Kamera und Schnitt hergestellte Bildausschnitt, der den Blick des Zuschauers lenkt. Wenn ich eine Theaterszene schreibe, in der zum Beispiel im Hintergrund etwas wichtiges geschieht (Jemand entdeckt zufällig einen McGuffin und versteckt ihn sofort wieder), während im Vordergrund zwei andere Figuren ein Dialoggefecht austragen, kann ich mich als Autor nicht darauf verlassen, dass alle Zuschauer schon "irgendwie" mitbekommen werden, was im Hintergrund abgeht. Ich muss meinen Dialog so gestalten, dass er die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf das nonverbale Geschehen lenkt. Im Theater ist also sozusagen der Dialog die Kamera des Autors.
Im Kino und im Theater können wir also Geschichten erzählen, die nur teilweise über den Dialog vermittelt werden. Wir können das Weglassen also zu einem äußerst wirkungsvollen Stilmittel machen. Natürlich können wir das Weglassen auch in Hörspiel, TV-Buch und in der Prosa zum Stilmittel machen. Dazu später mehr.

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