16.10.06

"Passt nicht ins Programm"

Verlagswesen: Sauber reingelegt Bücher Kultur FOCUS Online in Kooperation mit MSN:
"Ein Kinderbuchautor hat die britische Buchbranche gefoppt, indem er die Bedienungsanleitung seiner neuen Waschmaschine als Romanmanuskript einreichte. 'Nach einem Stromausfall startet die Maschine automatisch wieder an der Stelle im Programm, an der sie gestoppt hatte, und setzt dann den Waschvorgang fort.' Das klingt nicht unbedingt nach einem Satz aus einem potenziellen Bestseller-Roman, doch als der britische Autor John Howard diese Passage und andere Textstellen aus der Betriebsanleitung seiner neuen Waschmaschine bei 30 Literaturagenten und Verlagen auf der Insel einreichte, bekam er durchaus freundliche Antworten. Man habe seinen Text sehr gerne gelesen, versicherten die Buchexperten, er passe nur nicht so recht in das Verlagsprogramm. Sorry."
Nun ja. Ich sehe hier wirklich keinen Grund, mit dem Finger auf die betroffenen Verlage zu zeigen. Ich empfehle dringend einen Besuch in der Posteingangsstelle eines großen Verlags. Angesichts der Menge an Manuskriptpapier, die dort täglich aufschlägt, wird jedem Autor schlagartig klar, dass er mit dem berühmten "unverlangt eingesandten Manuskript" keine Chance hat, egal, ob man nun ein potenzielles Bestseller-Manuskript oder die Gebrauchsanleitung von John Howards Waschmaschine einreicht.
Wenn man tatsächlich Erfolg bei der Manuskripteinreichung haben will, muss man ebenso professionell vorgehen wie beim Schreiben seiner Texte. Das heißt zunächst einmal: Zielgerichtet einreichen. Das Gießkannenprinzip (bei möglichst vielen Verlagen einreichen, einer wird's schon lesen) führt nach meiner Erfahrung so gut wie nie zum Erfolg.
Wer sein Buch mit einer bestimmten Zielgruppe im Hinterkopf geschrieben hat (etwas, was erstaunlich oft vernachlässigt wird) ist im Vorteil: Er recherchiert in Buchhandlungen, Bibliotheken und im Internet nach Verlagen, die eine ähnliche Zielgruppe bedienen. Und dorthin schickt er dann...
Nein! Nicht das ganze Manuskript! Eine Synopsis, ein Exposé, ein Kapitel als Leseprobe. Am Besten richtet sich der Autor danach, was der Verlag gern haben möchte. Aber wie findet man das heraus?
Indem man rechts auf meine Blogroll guckt und den Link zum Blog der Interessengemeinschaft deutscher Autoren anklickt. Dort werden regelmäßig ausführliche Informationen über Manuskripteinreichungen bei den verschiedenen Verlagen bzw. Agenturen veröffentlicht. Wenn man sich diese Informationen zunutze macht und nicht die Gebrauchsanleitung der eigenen Waschmaschine einsendet, hat man auf alle Fälle eine gute Chance, gelesen zu werden. Und wenn das dann noch Hand und Fuß hat, was man geschrieben hat...
Und ins Programm passt... :)

12.10.06

Schreiben und Rauchen

Warum rauchen so viele Autoren? In Zeiten, als Political Correctness noch kein Thema und das persönliche Gesundheitsrisiko Privatsache war, ließen sich viele prominente und weniger prominente Autoren gern mit der dekorativen Zigarette, Zigarre oder Pfeife fürs Autorenporträt ablichten. Und auch heute, wo man absurderweise beginnt, Rauchen als "lower-class-behavior" zu stigmatisieren (U. a. Thomas Mann war Raucher. Dem kann man so manches nachsagen, aber nicht "lower-class-behavior"!), bekennen sich viele Kolleginnen und Kollegen offensiv zu ihrem Nikotinkonsum. Das hat seinen guten Grund. Rauchen kann beim Schreiben helfen.
Ich spreche aus Erfahrung. Zwar rauche ich seit bald 5 Jahren nicht mehr, aber in den 30 Jahren davor habe ich beinahe immer mit qualmender Zigarette in Hand und/oder Mund gearbeitet. Weil die Zigarette mir einen wunderbaren Arbeitsrhythmus vorgab: Ein, zwei, manchmal drei Absätze schreiben, dann zur Belohnung eine anstecken, ein paar genießerische Züge machen und dabei die soeben geschriebenen Absätze noch einmal durchlesen. Gleich noch ein paar Formulierungen abgerundet, das ganze nochmal im Kontext gelesen, noch ein wenig gefeilt und die Belohnungszigarette war aufgeraucht. Also freudig die nächsten Absätze angegangen, denn der Nikotin-Hit hat ja dieses kreativmachende Dingsbums-Hormon freigesetzt. Und wenn man zwei, drei Absätze geschrieben hat, darf man ja schon wieder ein Zigarettchen...
Ich kann die rauchenden Kollegen sehr gut verstehen. Ein solches, auf Belohnungen und sinnvollen Pausen beruhendes Arbeitssystem ist absolut genial. Wäre nicht die gesundheitsgefährdende Komponente, würde ich jedem angehenden Autor raten, mit dem Rauchen anzufangen. So bleibt es bei der Empfehlung, sich wenigstens Rhythmus und Arbeitseinteilung der rauchenden Kollegen zunutze zu machen: Die anstehenden Arbeiten in kleine Schritte aufteilen, die leicht zu bewältigen sind. Und immer wieder inne halten, um die bisher erarbeitetem Textteile gelassen und entspannt im Kontext zu betrachten. Das hilft, Betriebsblindheit und in Sackgassen führendes Stress-Texten zu vermeiden, und sorgt für einen entspannten Arbeitsalltag voller kleiner Erfolgserlebnisse. Ob mit oder ohne Zigarette.

10.10.06

Dialog III: Wo schreib ich Dialog? - Hörspiel und Fernsehen

Und weiter geht`s mit den Betrachtungen und Tipps zum Thema Dialog. Heute sind Hörspiel und Fernsehen an der Reihe. Dialoge in diesen beiden Medien sind eng mit dem Theater-Dialo verwandt, weil wir auch hier die wörtliche Rede benutzen (müssen), um die Aufmerksamkeit unseres Publikums zu lenken. Beim Hörspiel kommt das geradezu einer Binsenweisheit gleich, denn hier ist der Dialog ja das offensichtlichste Medium des Autors, weil - Überraschung! - das Radio ja keine Bilder überträgt.
Trotzdem lauert gerade hier eine Falle, in die viele Autoren hineintappen, die noch keine Erfahrung in diesem Genre haben. Auch und gerade im Hörspiel gilt nämlich der oberste Grundsatz erfolgreichen Erzählens "Show, don't tell!", also "Zeige es, erzähle nicht davon." Man sollte - und das gilt nicht nur für das Hörspiel, sondern praktisch für jedes Genre - gar nicht erst versuchen, eine Sezne zu schreiben, in der eine Person einer anderen von einem aufregenden Ereignis erzählt. In früheren Zeiten war das als erzählerische Technik vielleicht noch akzeptabel, ein modernes Publikum jedoch will unmittelbar an der Handlung teilhaben. Diese Funktion muss der Hörspiel-Dialog haben. Natürlich gibt es Ausnahmen: Eine Erzählung im Dialog ist im Hörspiel wie in anderen Genres immer dann legitim, wenn ein Subtext darunter liegt, der über das bloße Repetieren vergangenen Geschehens hinausgeht. Bezweckt die Figur etwas mit der Geschichte, dei sie da erzählt? Will sie damit jemanden provozieren, beruhigen oder eine Intrige spinnen? Ein derart motivierter Erzähldialog oder Erzählmonolog kann Basis einer spannende Szene sein.
Hörspiel und Fernsehen haben eins gemeinsam: Die in diesen Medien erzählten Stories werden oft "nebenbei" rezipiert, also die Hörspiele beim Autofahren oder beim Joggen, die Fernsehserie beim Bügeln, beim Abendessen usw. Gerade beim Fernsehen muss der Dialogautor sich immer bewußt sein, für welches Format er schreibt. Konterkarierenden bzw. Dialog, der extensiv mit Subtext arbeitet kann ich nur für einen in der Primetime versendetes TV-Movie oder eine entsprechende Serie schreiben. Ansonsten ist es beim Fernsehen der Dialog, der dafür sorgt, dass der Zuschauer bei der Stange bleibt, auch wenn das Telefon klingelt, die Kartoffeln überkochen oder man schnell mal den Raum verlassen musste. Der Dialog spinnt im Fernsehen meist den roten Faden der Handlung fort, Subtext, Konterkarieren und Weglassen können nur eine Rolle spielen, wenn man sich der hundertprozentigen Aufmerksamkeit des Publikums sicher sein kann.
Und wenn man für eine Daily o. ä. schreibt, dann muss man manchmal sogar gegen die soeben postulierte "Show, don't tell!"-Regel verstoßen. Eine neue Folge einer solchen Serie muss immer zahlreiche Informationen aus dem Bereich "Was bisher geschah" enthalten, einerseits, um Fans, die die eine oder andere Folge verpaßt haben, auf den neuesten Stand zu bringen, andererseits, um neuen Zuschauern den Einstieg zu erleichtern bzw. überhaupt zu ermöglichen. Das muss meist über den Dialog geschehen, und hier bleibt einem oft nichts anderes übrig, als eine Figur erzählen zu müssen. Man sollte in diesen Dialog jedoch immer noch die Austragung eines Konfliktes bzw. einen ähnlichen, spannenden Subtext einbauen. Einerseits, um auch den Zuschauern, die den Inhalt der Erzählung schon kennen, etwas neues zu bieten, andererseits natürlich, um guten Dialog zu schreiben. Und guter Dialog sollte immer mehr sein, als bloßes Repetieren oder Transportieren von Geschehnissen.
Demnächst mehr, und zwar zum Dialog in der erzählenden Prosa.

6.10.06

Lob und Tadel

Börsenblatt Online: "Warum schreiben? Autor als Beruf - Von der Bereitschaft, sich zu verausgaben und nicht zu rechnen."

ist der Titel des hinreißend geschriebenen Artikels von Buchpreis-Träger Arno Geiger. Dickes Lob für diesen Text!
Und ein mindestens ebenso dicker Tadel für den Tagesspiegel, der einem Mr. Epstein auf den Leim geht, der die mittlerweile an die zehn Jahre alte Book-on-Demand-Technik als brandneue Web 2.0-Erfindung anpreist:

Netztexter — Tagesspiegel Online - Nachrichten:
"Jason Epstein berichtet in der Messeausgabe der „New York Review of Books“, dass in der WeltbankBuchhandlung in Washington bereits eine Druck- und Bindemaschine steht, die binnen Minuten aus einer Datei ein Paperback herstellt. Eine zweite befindet sich in der ägyptischen Bibliothek von Alexandria, eine dritte, so Epstein, werde demnächst in der New York Public Library aufgestellt. Über kurz oder lang wird das in Deutschland Schule machen."

Hmph. Derartige Maschinen werden seit Jahren u.a. von Xerox verkauft. Und in Norderstedt bei BoD stehen sie auch schon ein Weilchen...

4.10.06

Verwerfungen im Literaturbetrieb

Jäger des verlorenen Schatzes — Tagesspiegel Online - Nachrichten:
"Die Gründe für den Umbruch liegen offen. Erstens: Nach Jahren der Konzentration im Verlagswesen erfolgt nun die des Buchhandels. Zweitens: Die wirtschaftliche Macht verlagert sich von der Produktion zur Distribution – was auf die Produktion zurückschlägt. Drittens: Der klassische Buchvertrieb löst sich auf zugunsten eines allgemeinen Medienvertriebs. Viertens: Die Ökonomisierung der Kultur hat zur Folge, dass Markt und geistiges Leben sich entkoppeln. Fünftens: Viele Beteiligte versuchen, die erschöpfte Aufmerksamkeit auf einem gesättigten Markt durch Dumpingpreise im modernen Antiquariat oder durch Eventisierung neuer Titel wachzukitzeln."
Das sind die zentralen Thesen eines im heutigen Tagesspiegel abgedruckten, äußerst kenntnisreich geschriebenen Artikes von Gregor Dotzauer. Ich empfehle dringend die Lektüre des ganzen Artikels. Wer schreibt, veröffenlicht, liest oder auf andere Weise mit Literatur zu tun hat, wird in diesem Artikel mit durchaus beunruhigenden Ein- und Ansichten konfrontiert.

2.10.06

Dialog II: Wo schreib ich Dialog? - Kino und Theater

Viele Autoren - selbstverständlich nicht diejenigen, die hier mitlesen und -kommentieren - gehen mit einer erstaunlichen Wurschtigkeit an das Genre heran, in dem sie wörtliche Rede schreiben. "Dialoge fallen mir leicht, weil ich ein Ohr und ein Händchen fürs Gesprochene habe.", hab ich schon von gar nicht wenigen Kollegen gehört. Wie schön für sie, doch die ganzen Möglichkeiten einer Dialog-Szene kann nur derjenige ausschöpfen, der bewußt für ein Genre schreibt.
Dialoge gibt es im Film. Im Theater. Im Hörspiel. Im Fernsehen. Und in der erzählenden Prosa.
Die Reihenfolge dieser Aufzählung ist nicht zufällig gewählt. Sie hat mit der Aufmerksamkeitshaltung des jeweiligen Publikums zu tun. Wie sehr paßt derjenige, an dem meine Dialoge gerade vorbeischnurren, gerade auf und worauf?
Das aufmerksamste Publikum werde ich immer im Kino haben. Nicht nur, weil mein Publikum in einem abgedunkelten Saal sitzt und kein anderes Interesse hat, als der auf der Leinwand ablaufenden Geschichte zu folgen (von denen, die sich lieber mit Popcorntüte und/oder SitznachbarIn befassen, mal abgesehen), nein, hier helfen auch Kamera und Montage, die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu kanalisieren. Das Kino ist das Medium, in dem ich als Autor problemlos Dialoge schreiben kann, die die eigentlich gezeigten Bilder konterkarieren. Ein Beispiel, dass auch Hitchcock in dem bereits erwähnten Buch von Truffaut bringt: Die Kamera zeigt eine Frau und einen Mann beim Hühnchenessen. Dabei unterhalten sie sich über vollkommen belanglose Dinge, aber aus der Art und Weise, wie sie das Hühnchen essen, wie sie die Knochen genußvoll abnagen, wie sie sich das Hühnerfett von den Fingern lecken, kann der Zuschauer erkennen, dass sich zwischen den beiden gerade eine Liebesbeziehung anbahnt. Im Film kann man also aus dem Kontast zwischen Bild und Dialog einen kraftvollen Subtext erschaffen, der die eigentliche Geschichte der jeweiligen Szene erzählt.
Subtext spielt auch beim Theaterdialog eine große Rolle. Wenn man für das Theater schreibt, sollte man sich hüten, Dialoge zu schreiben, die lediglich platt und direkt die Handlung vorantreiben. Das verleiht dem Bühnengeschehen eine spannungslose Eindimensionalität, mit der ein Publikum nur schwer zu fesseln ist. Hier muss der Autor in die Dialoge einen Subtext hineinschreiben, der den Figuren und ihren Motiven ein Geheimnis gibt, also etwas vorgeben, was die Schauspieler spielen können, ohne es zu sagen. Ein direktes Konterkarieren der Handlung durch Dialog ist dem Theaterautor meist nicht möglich: Im Theater fehlt der durch Kamera und Schnitt hergestellte Bildausschnitt, der den Blick des Zuschauers lenkt. Wenn ich eine Theaterszene schreibe, in der zum Beispiel im Hintergrund etwas wichtiges geschieht (Jemand entdeckt zufällig einen McGuffin und versteckt ihn sofort wieder), während im Vordergrund zwei andere Figuren ein Dialoggefecht austragen, kann ich mich als Autor nicht darauf verlassen, dass alle Zuschauer schon "irgendwie" mitbekommen werden, was im Hintergrund abgeht. Ich muss meinen Dialog so gestalten, dass er die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf das nonverbale Geschehen lenkt. Im Theater ist also sozusagen der Dialog die Kamera des Autors.
Im Kino und im Theater können wir also Geschichten erzählen, die nur teilweise über den Dialog vermittelt werden. Wir können das Weglassen also zu einem äußerst wirkungsvollen Stilmittel machen. Natürlich können wir das Weglassen auch in Hörspiel, TV-Buch und in der Prosa zum Stilmittel machen. Dazu später mehr.