18.9.06

Stilfragen

Geo-Mann Peter-Matthias Gaede im Tagesspiegel-Interview über die Journalistenausbildung:
"Mittlerweile glaube ich, dass es überdies Defizite bei der Vermittlung sprachlicher Vielfalt gibt. Medienmanagement und Marketing gewinnen an Bedeutung. Und die elektronischen Medien und das Internet sowieso. Sich das alles aneignen zu müssen, verkürzt die Zeit für die Ausbildung der klassischen Reportertugenden, auch die Trainingsphase für das Polieren von Schreibstil und Sprache. Und die eigenartigen, „unschuldigen“ Erzähler, die links und rechts von ihrem Text nichts gekümmert hat, werden im Zeitalter der Medien als Marken glatter geschliffen."
Gaede hat leider recht. Die Zahl der Journalisten, die man nach dem ersten Absatz an ihrer Sprache, ihrem unverwechselbaren Stil erkennen konnte (Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich den "Sound" von Rudolf Augstein vermisse!), hat in den letzten Jahren rapide abgenommen. Dass bei der Ausbildung des journalistischen Nachwuchses ausgerechnet hier Defizite herrschen, überrascht mich ebenso wie die Tatsache, dass Nachwuchsjournalisten offenbar auch nicht aus eigenem Antrieb an ihrem Stil feilen. Wieso verzichten Menschen freiwillig auf ein wesentliches "Alleinstellungsmerkmal", mit dem sie sich abheben und einen Namen machen können?
Und wieso glaubt man, die verbliebenen Individualisten glatt schleifen zu müssen und ihre Individualität einer Marke unterordnen zu müssen, um Erfolg zu haben? Ein kantiger, ungeschliffener Keith Richards wird noch jahrelang über die Bühnen dieser Welt torkeln, um der Marke "Rolling Stones" den Erfolg zu sichern. Und wie hieß nochmal dieses Schwiegermuttersöhnchen, dass die erste Staffel dieser dämlichen Castingshow gewonnen hat?

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