11.9.06

Revolution mit Lulu

Heute morgen quoll meine Mailbox über, und alles drehte sich um Lulu. Nein, weder um Frank Wedekinds Theaterheldin noch um die schottische Sangeslegende aus dem Pop-Pleistozän, sondern um einen Print-On-Demand-Dienst im Internet, bei dem Autoren umsonst (ja, tatsächlich ab 0,00 Cent) Bücher veröffentlichen können, die bei Bedarf gedruckt und ausgeliefert werden. Grund für meinen Mailbox-Overflow war ein Artikel über Lulu auf Spiegel-Online, in dem die Kollegen in gewohnt zurückhaltender Manier von einer "Revolution des Buchmarkts" schreiben und Lulu als das Myspace der Literatur anpreisen. Viele meiner Freunde und Kollegen und natürlich die von mir betreuten Autoren wollten wissen, was ich von diesem Angebot halte.
Tatsächlich ist das Büchermachen mit Lulu verblüffend einfach und in der Basisversion tatsächlich kostenlos: Der angehende Selbstverleger lädt die Vorlagen für seinen Buchblock und seinen Buchumschlag auf den Lulu-Server hoch und legt den Preis für sein Buch fest (Druckkosten plus selbstgewählte Tantieme plus 20% Lulu-Anteil). Damit ist das Buch in den Katalog aufgenommen, und sowie ein interessierter Leser das Buch bestellt, wird es gedruckt und verschickt.
Hier liegt der erste Haken. Die Versandkosten sind zur Zeit noch unverhältnismäßig hoch. Da die Lulu-Bücher zur Zeit nur in Spanien und Großbritannien gedruckt werden, zahlt man z. B. 6 Euro Versandkosten, wenn man ein Buch für 10 Euro bestellt. Das ist für Leser, die z.B. an die Lieferbedingungen von Amazon gewöhnt sind (gratis ab 20 Euro Bestellwert) eindeutig zuviel. Möglicherweise wird die Situation besser, wenn Lulu – wie im Spiegel-Online-Artikel angekündigt - in Zukunft auch bei BoD in Norderstedt drucken lassen wird.
Dann wird hoffentlich auch die Umsatzsteuer auf den Lulu-Seiten auftauchen, denn die fehlt zur Zeit offensichtlich noch. Da soll man sich als selbstverlegender Autor wohl selbst drum kümmern. Nicht schön, dass Lulu dies seinen deutschen Kunden verschweigt, was zu Fehlkalkulationen führen kann.
Außerdem – und deshalb sind wir von der Revolution des Buchmarkts noch ein ganzes Stück entfernt – ist die Buchhandelsanbindung der Lulu-Bücher bestenfalls ungenügend. Man kann eine ISBN erwerben (schon nicht mehr kostenlos!), das war es aber auch schon. Für Promotion und Vermarktung setzt Lulu ausschließlich auf die eigene Internetpräsenz.
Und das wird meiner bescheidenen Meinung nach kaum genügen, um nennenswerte Verkaufszahlen zu erreichen, nicht zuletzt, weil das kostenlose Angebot natürlich auch jede Menge Crackpots anlocken wird, die kostenlos mit drei Mausklicks ihr unlektoriertes Weltverbesserungsgestammel uploaden und anschließend damit prahlen können, sie wären „am Buchmarkt präsent“. Ich frage mich, ob ein derartiger Rahmen für Menschen, die eine ernsthafte Karriere als Autor anstreben, wirklich adäquat ist.
Denn am Markt präsent ist man auf diese Weise natürlich nicht. Im deutschsprachigen Raum kommen derzeit mindestens 250 Bücher pro Tag (> 70.000 pro Jahr, ohne "Lulus") heraus. Da genügt es nicht, ein Buch irgendwo im Internet in ein Verzeichnis einzutragen, um es zu vermarkten. Von einem so „vermarkteten“ Buch nimmt schlicht und einfach niemand Notiz.
Schließlich – und das würde dem Lulu-Angebot eine dicke fette Rüge eintragen, wenn es nicht kostenlos wäre – suggerieren die Lulu-Seiten, man könne tatsächlich ohne Vorkenntnisse mit ein paar Mausklicks ein Buch gestalten. Tatsächlich kann man mit den dort angebotenen Vorlagen erstaunlich rasch etwas zusammenklicken, was durchaus Ähnlichkeit mit einem Buch hat. Ohne buchgestalterisches Knowhow wird man jedoch nur etwas zustande bringen, was mit einem richtigen Buch soviel zu tun hat wie ein Youtube-Video mit einem Hollywoodfilm.
Fazit: Was die Revolution im Buchmarkt anbeangt, sind wohl noch nicht einmal vorrevolutionäre Zeiten angebrochen. Nichtsdestotrotz will ich Lulu auf keinen Fall in Bausch und Bogen verdammen. Möglich, dass sich daraus eine Plattform zur unkomplizierten Veröffentlichung entwickelt. Aber vorläufig sehe ich da nur eine mögliche Ergänzung zum klassischen Buchmarkt. Nicht mehr. Zur Zeit (noch ?) eher weniger.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Als Lulu-Alternative finde ich die neue Plattform XinXii (www.xinxii.com) recht interessant, auf der man kostenlos und eigenständig seine Texte hochladen und zum kostenpflichtigen Download anbieten kann - und sich von Lesern bewerten lassen kann. Nicht schlecht zur Überbrückung, bis man einen Verlag gefunden hat.

Chris Kurbjuhn hat gesagt…

Ausgerechnet XinXii? Um Himmelswillen, den Teilnehmer User möchte ich sehen, der für den Download eines Textes, den er nicht bzw. nur aus der Beschreibung des Urhebers kennt, Geld bezahlt. Texte sind keine mp3s. Bezahl-Content ist zur Zeit mausetot, meiner bescheidenen Ansicht nach.