7.9.06

Karteikarten

Wenn Sie einen Autor fragen, welches sein wichtigstes Werkzeug oder Arbeitsmittel ist, wird er es mit Sicherheit nicht nennen. Wenn Sie ihn und seine Kollegen jedoch nach ihren fünf oder zehn wichtigsten Werkzeugen fragen, wird sie mit Sicherheit in beinahe jeder Top-Ten-Liste auftauchen: die Rede ist von der guten, alten Karteikarte.
Alle Autoren, die ich kenne, benutzen in der einen oder anderen Form Karteikarten. Es gibt mittlerweile sogar Programme für den PC, mit denen sich die Karteikarten-Verwendung simulieren lässt. Warum sind Karteikarten bei Autoren so beliebt?
Die – vielleicht – verblüffende Antwort lautet: weil man sie so gut sortieren kann. Wenn bei einem Schreibprojekt die Zeit gekommen ist, die Stoffsammlung abzuschließen und die gesammelten Materialien zu strukturieren, kann man dies ungeheuer effektiv mit Karteikarten bewerkstelligen.
Ein Beispiel aus meiner Praxis: wenn ich ein Theaterstück, ein Musical oder ein Kabarett-Programm schreibe, bekommt jede Szene eine eigene Karteikarte (Sprechszenen und Songs bekommen übrigens Karten in verschiedenen Farben, damit man sie leicht unterscheiden kann). Auf jede Karteikarte notiere ich alles, was ich in der jeweiligen Szene abhandeln muss/möchte und was mir jetzt schon an Dialog- bzw. Songtext-Ideen kommt.
Während des Arbeitens liegen sämtliche Karteikarten auf einem großen Tisch vor mir, ich muss also nicht linear arbeiten, sondern kann wunderbar zwischen den einzelnen Szenen hin und her springen. Schließlich kann ich die Reihenfolge der Szenen mühelos verändern, in dem ich sie einfach hin und her schiebe. Ich kann problemlos Dinge ausprobieren, Szenen in umgekehrter Reihenfolge ablaufen lassen, Szenen weglassen, neue Szenen einbauen, und das schönste von allem ist, daß es ungeheuer anschaulich abläuft. Es ist, als würde man ein Theaterstück mit einem Baukasten zusammenbauen.
Natürlich läßt sich das von mir skizzierte System noch unendlich verfeinern. Ich beispielsweise verwende Din-A5 Karteikarten für die einzelnen Szenen. Dann habe ich noch kleinere Karteikarten in verschiedenen Farben, die mit Büroklammern mit den großen verbunden werden. Karten für die einzelnen Figuren, auf denen schon Dialogsätze notiert werden können, Karten für die verschiedenen Wendepunkte des Plots, Karten für inhaltliche oder handlungstechnische Exkurse... die Möglichkeiten sind endlos. Und alle Systeme, die man auf Karteikartenbasis entwickelt, sind unendlich flexibel. Um sie zu verändern, braucht man nur... na? Richtig: ein paar zusätzliche Karteikarten!
Und unbezahlbar ist schließlich die Möglichkeit, sein ganzes, umfangreiches Projekt jederzeit in toto überblicken zu können. Einen entsprechend großen Tisch bzw. eine ebensolche Pinnwand vorausgesetzt.
Überraschenderweise gibt es Autoren, die lieber ohne Karteikarten arbeiten, wie beispielsweise Andreas Eschbach. Nun, jedem das seine., Ich jedenfalls fühle mich ohne Karteikarten wie ein Fisch auf dem Trockenen.


Kommentare:

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