28.9.06

Dialog I: Wann schreibe ich Dialog?

Mit leichter Verspätung (Sorry, habe zur Zeit gottseidank viel zu tun) möchte ich heute die versprochenen ersten Dialogtipps ins Blog schreiben. Beginnen möchte ich mit einem kurzen Zitat von Alfred Hitchcock aus dem wunderbaren Buch "Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?" von Francois Truffaut: "Wenn das Drehbuch geschrieben ist und die Dialoge hinzugefügt wurden..."
Hitchcock macht uns hier en passant darauf aufmerksam, das der Dialog meistens zum Schluß geschrieben wird. Nicht nur beim Drehbuch, auch beim Theaterstück oder beim Roman hat der Autor ja meist seine Idee zu Papier gebracht, recherchiert, Figuren konzipiert, ein Exposé und ein Treatment geschrieben, bevor er den ersten Dialogsatz geschrieben hat. Diese Tatsache sollte sich jeder Autor zu nutze machen und genau überlegen, wann er die wörtliche Rede zu welchem Zweck einsetzt.
In der erzählenden Prosa ist der konventionelle Einsatz von Dialog einfach zu definieren: Wir verwenden die wörtliche Rede meist, um unsere Leser ganz unmittelbar anzusprechen, sie in die Handlung hineinzuziehen, sie die dort sprechenden Figuren belauschen zu lassen.
Daraus folgt - mindestens - zweierlei:
1. Das, was unsere Figuren sich mitzuteilen haben, sollte von Bedeutung sein. Was wie eine Binsenweisheit klingt, wird jedoch oft genug vernachlässigt. Viele Autoren haben es sich beim Dialogschreiben zur Angewohnheit gemacht, sich erstmal mit ein paar Sätzen in das Gespräch hinein zu schreiben, bzw. Nebensächliches ins Gespräch einzustreuen, "um Atmosphäre" zu lassen. Als Leser stört mich derartiges kolossal, weil es letztlich von schlampiger Schreibe und oberflächlichem Lektorat zeugt. Wenn ich Dialog benutzen muss, um Atmosphäre zu schaffen, stimmt etwas mit der Konzeption meiner Story nicht. Wenn ich keinen Dialog schreben kann, ohne sofort auf den Punkt zu kommen, muss ich eventuell an meiner Beherrschung des Handwerkszeugs feilen.
2. Wir dürfen nicht lügen. Das, was wir unseren Figuren in den Mund legen, müssen sie auch - in der Meta-Ebene unserer Erzählung - tatsächlich gesagt haben. Fragen Sie mich nicht warum, es funktioniert einfach nicht. Denken Sie ans Kino: Wenn sich im Film eine Rückblende im Nachhinein als Lüge entpuppt, reagiert das Publikum meist - von wunderbaren Ausnahmen wie "Die üblichen Verdächtigen", die aber ganz bewußt mit dieser Besonderheit des Genres spielen natürlich abgesehen - enttäuscht.
In der erzählenden Prosa sollten wir die direkte Rede in denMomenten einsetzen, an denen wir unseren Lesern mit größter Wahrhaftigkeit gegenübertreten, um sie an etwas Teil haben zu lassen, das von größtmöglicher Bedeutung für unsere Geschichte ist.
Sehr viele Superlative, nicht wahr? Ja. Denn wenn etwas keinen Superlativ rechtfertigt, sollten wir es auch nicht in Dialoge packen.
Demnächst mehr.

20.9.06

Neues Literaturblog

Jeder ernsthafte Leser kennt das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher, die ZVAB. Hier kann man nach vergriffenen Büchern recherchieren, sich über die Angebote der angeschlossenen Antiqariate schlau machen usw. usf.
Die ZVAB hat heute ein Literaturblog gestartet, dass sich nicht nur auf - naheliegende - Literaturtipps beschränken wird, sondern auch Platz für zwei Kolumnen bieten soll. In “Zu gut zum Vergessen” stellt Ulrich Faure einmal im Monat einen Autor und dessen Bücher vor. Außerdem sollen im Rahmen dieser Kolumnen Gastautoren Werke dieser vergessenen Autoren empfehlen.
Unter “Lies doch mal!” soll Nicola Bardola über Kinder- und Jugendbücher schreiben.
Das beginnt sehr vielversprechend: Faure eröffnet mit einem langen, lesenswerten Artikel über Anthony Burgess, und Bardola stellt zwei Bücher des hierzulande eher als Schauspieler bekannten Ethan Hawke vor. Besonders die Bücher von Hawke haben mich stante pede neugierig gemacht, da war ich direkt dankbar für die Links, die mich direkt zu den entsprechenden Angebotender Antiquariate führten.
Schöne Idee, vielversprechend, empfehlenswert.

18.9.06

Stilfragen

Geo-Mann Peter-Matthias Gaede im Tagesspiegel-Interview über die Journalistenausbildung:
"Mittlerweile glaube ich, dass es überdies Defizite bei der Vermittlung sprachlicher Vielfalt gibt. Medienmanagement und Marketing gewinnen an Bedeutung. Und die elektronischen Medien und das Internet sowieso. Sich das alles aneignen zu müssen, verkürzt die Zeit für die Ausbildung der klassischen Reportertugenden, auch die Trainingsphase für das Polieren von Schreibstil und Sprache. Und die eigenartigen, „unschuldigen“ Erzähler, die links und rechts von ihrem Text nichts gekümmert hat, werden im Zeitalter der Medien als Marken glatter geschliffen."
Gaede hat leider recht. Die Zahl der Journalisten, die man nach dem ersten Absatz an ihrer Sprache, ihrem unverwechselbaren Stil erkennen konnte (Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich den "Sound" von Rudolf Augstein vermisse!), hat in den letzten Jahren rapide abgenommen. Dass bei der Ausbildung des journalistischen Nachwuchses ausgerechnet hier Defizite herrschen, überrascht mich ebenso wie die Tatsache, dass Nachwuchsjournalisten offenbar auch nicht aus eigenem Antrieb an ihrem Stil feilen. Wieso verzichten Menschen freiwillig auf ein wesentliches "Alleinstellungsmerkmal", mit dem sie sich abheben und einen Namen machen können?
Und wieso glaubt man, die verbliebenen Individualisten glatt schleifen zu müssen und ihre Individualität einer Marke unterordnen zu müssen, um Erfolg zu haben? Ein kantiger, ungeschliffener Keith Richards wird noch jahrelang über die Bühnen dieser Welt torkeln, um der Marke "Rolling Stones" den Erfolg zu sichern. Und wie hieß nochmal dieses Schwiegermuttersöhnchen, dass die erste Staffel dieser dämlichen Castingshow gewonnen hat?

15.9.06

Genial daneben

Viele Menschen, die nach Veröffentlichungsmöglichkeiten für ihre Texte suchen, glauben, dass es auf Originalität ankommt. "Ich habe eine vollkommen neuartige Geschichte geschrieben!" - "Meine Story wird die Literaturgeschichte auf den Kopf stellen!" - "Mein Buch wird herkömmliche Lesegewohnheiten vollkommen umkrempeln."
Derartige Statements sind bestenfalls genial daneben. "Genial", weil den Urhebern besagter Sätze möglicherweise tatsächlich vollkommen neuartige, spannende Stories eingefallen sind. "Daneben", weil das Kriterium von Verlagen, Redaktionen und Produktionsgesellschaften eben meist nicht Originalität ist, sondern das Bedienen oder Vorausahnen eines Trends. Kleines Beispiel: Lange Zeit konnte man sich die Aufmerksamkeit eines Fernsehredakteurs relativ einfach mit den Worten "Ich habe einen Stoff wie Columbo" sichern. "Ich hab was wie Harry Potter!" hilft zur Zeit möglicherweise noch bei Jugendbuchverlagen, doch Abnutzungserscheinungen machen sich, wie ich höre, bereits bemerkbar.
Wer Texte mit der vordringlichen Motivation schreibt, dieselben verkaufen zu können, sollte eben nicht nach unbedingter Originalität streben. Sondern nach der Variation eines erfolgreichen Themas. Deshalb hab ich diesen Beitrag auch "Genial daneben" betitelt. Weil gleichnamige Fernsehshow überhaupt nichts originelles ist, sondern "Was bin ich?" mit beknackten Begriffen statt mit beknackten Berufen.
Und bevor es jemand mißversteht: Ich finde "Genial daneben" viel besser als "Was bin ich?".

13.9.06

Writely

Durch Zufall bin ich vor ein paar Wochen auf die Online-Textverarbeitung Writely gestoßen. "Textverarbeitung im Internetbrowser? Wozu? Brauch ich nicht, so 'n Quatsch!" war meine erste Reaktion. Trotzdem habe ich mich - nicht zuletzt weil Writely kostenlos warund ist - dort registriert, einfach weil ich neuartigen Quatsch, den ich nicht brauche, gerne ausprobiere.
Mittlerweile möchte ich Writely nicht mehr missen. Für den Einzelkämpfer, der an mehreren Computern an seinen Texten arbeiten muß, ist Writely eine willkommene Ergänzung, für das unkomplizierte Bearbeiten eines Texts durch eine Gruppe ist es die eierlegende Wollmilchsau.
Der Einzelkämpfer Chris hat einen Rechner im Büro, einen Zuhause und unterwegs komtm auch noch ein Notebook zum Einsatz. Da ich an längeren Texten oft wochenlang arbeite, ist es nicht immer ganz einfach, die jeweils aktuellste Version des Textes auf den verschiedenen Rechnern zur Verfügung zu haben. Trotz freigegebener Netzwerkordner, herumfliegender USB-Sticks und Verschicken der Dateien an diverse Emailaccounts ist es immer wieder vorgekommen, dass ich zuhause noch ein wenig arbeiten wollte, aber feststellen mußte, dass die aktualisierte Datei natürlich im Büro verblieben war. Mit Writely hat das ein Ende. Den Text nach Bearbeiten hochladen, und dann hat man ihn überall, wo man Internetanschluß hat, zur Verfügung. Man kann ihn sich in verschiedenen Formaten (Word, Open Office, pdf, rtf) herunterladen oder direkt in Writely bearbeiten, dass die wichtigsten Textverarbeitungsoptionen, die der "normale" Autor benötigt, zur Verfügung stellt.
Bei Texten, an denen mehrere Autoren mitwirken, läßt Writely richtig die Muskeln spielen. Man kann Texte in der Gruppe bearbeiten, kommentieren, Versionen vergleichen und sich per Email oder Rss-Feed über Änderungen an einem Dokument infomieren lassen.
Natürlich geht's nicht ohne Wermutstropfen ab - die wichtigsten: Die Organisation der nach Writely hochgeladenen Texte ist gewöhnungsbedürftig (Tags statt Ordner). Und beim Layout des Textes muß man sich auf das notwednigste beschränken, da Writely (noch?) kein festes Seitenlayout kennt. Der rechte Rand des Textes ändert sich im Verhältnis zur Größe des Fensters.
Writely wurde kürzlich von Google erworben und ist noch im Betastadium und es ist kostenlos. Die Basisfunktionen will man auch nach Beendigung der Betaphase gratis zur Verfügung stellen, allerdings denkt man über eine Bezahlversion für Profis und größere Unternehmen nach. Solange es noch gratis ist, gibt es keinen Grund, Writely nicht wenigstens einmal auszuprobieren.

12.9.06

Dialog Seminar

Am 23. und 24. September, jeweils von 14 bis 18 Uhr, gebe ich bei den Biographen in Berlin einen Workshop zum Thema Dialog. Mit den Teilnehmern möchte ich die Besonderheiten und Unterschiede zwischen Dialogen im Drehbuch, im Theaterstück und - natürlich - in der Erzählung herausarbeiten. Einige Themen, die ich behandeln möchte, in Stichpunkten:
Wann schreibt man Dialog und wann besser nicht? Charakterisieren und Differenzieren von Figuren in wörtlicher Rede. Spannungsaufbau bis zum Wendepunkt. Pointen vorbereiten und finden.
Interesse? Es sind noch zwei Plätze frei. Teilnahmekosten 175 € (inkl. Material, Softdrinks und Imbiß). Nähere Infos telefonisch unter 030 33772832 oder per mail info@die-biographen.de.

11.9.06

Revolution mit Lulu

Heute morgen quoll meine Mailbox über, und alles drehte sich um Lulu. Nein, weder um Frank Wedekinds Theaterheldin noch um die schottische Sangeslegende aus dem Pop-Pleistozän, sondern um einen Print-On-Demand-Dienst im Internet, bei dem Autoren umsonst (ja, tatsächlich ab 0,00 Cent) Bücher veröffentlichen können, die bei Bedarf gedruckt und ausgeliefert werden. Grund für meinen Mailbox-Overflow war ein Artikel über Lulu auf Spiegel-Online, in dem die Kollegen in gewohnt zurückhaltender Manier von einer "Revolution des Buchmarkts" schreiben und Lulu als das Myspace der Literatur anpreisen. Viele meiner Freunde und Kollegen und natürlich die von mir betreuten Autoren wollten wissen, was ich von diesem Angebot halte.
Tatsächlich ist das Büchermachen mit Lulu verblüffend einfach und in der Basisversion tatsächlich kostenlos: Der angehende Selbstverleger lädt die Vorlagen für seinen Buchblock und seinen Buchumschlag auf den Lulu-Server hoch und legt den Preis für sein Buch fest (Druckkosten plus selbstgewählte Tantieme plus 20% Lulu-Anteil). Damit ist das Buch in den Katalog aufgenommen, und sowie ein interessierter Leser das Buch bestellt, wird es gedruckt und verschickt.
Hier liegt der erste Haken. Die Versandkosten sind zur Zeit noch unverhältnismäßig hoch. Da die Lulu-Bücher zur Zeit nur in Spanien und Großbritannien gedruckt werden, zahlt man z. B. 6 Euro Versandkosten, wenn man ein Buch für 10 Euro bestellt. Das ist für Leser, die z.B. an die Lieferbedingungen von Amazon gewöhnt sind (gratis ab 20 Euro Bestellwert) eindeutig zuviel. Möglicherweise wird die Situation besser, wenn Lulu – wie im Spiegel-Online-Artikel angekündigt - in Zukunft auch bei BoD in Norderstedt drucken lassen wird.
Dann wird hoffentlich auch die Umsatzsteuer auf den Lulu-Seiten auftauchen, denn die fehlt zur Zeit offensichtlich noch. Da soll man sich als selbstverlegender Autor wohl selbst drum kümmern. Nicht schön, dass Lulu dies seinen deutschen Kunden verschweigt, was zu Fehlkalkulationen führen kann.
Außerdem – und deshalb sind wir von der Revolution des Buchmarkts noch ein ganzes Stück entfernt – ist die Buchhandelsanbindung der Lulu-Bücher bestenfalls ungenügend. Man kann eine ISBN erwerben (schon nicht mehr kostenlos!), das war es aber auch schon. Für Promotion und Vermarktung setzt Lulu ausschließlich auf die eigene Internetpräsenz.
Und das wird meiner bescheidenen Meinung nach kaum genügen, um nennenswerte Verkaufszahlen zu erreichen, nicht zuletzt, weil das kostenlose Angebot natürlich auch jede Menge Crackpots anlocken wird, die kostenlos mit drei Mausklicks ihr unlektoriertes Weltverbesserungsgestammel uploaden und anschließend damit prahlen können, sie wären „am Buchmarkt präsent“. Ich frage mich, ob ein derartiger Rahmen für Menschen, die eine ernsthafte Karriere als Autor anstreben, wirklich adäquat ist.
Denn am Markt präsent ist man auf diese Weise natürlich nicht. Im deutschsprachigen Raum kommen derzeit mindestens 250 Bücher pro Tag (> 70.000 pro Jahr, ohne "Lulus") heraus. Da genügt es nicht, ein Buch irgendwo im Internet in ein Verzeichnis einzutragen, um es zu vermarkten. Von einem so „vermarkteten“ Buch nimmt schlicht und einfach niemand Notiz.
Schließlich – und das würde dem Lulu-Angebot eine dicke fette Rüge eintragen, wenn es nicht kostenlos wäre – suggerieren die Lulu-Seiten, man könne tatsächlich ohne Vorkenntnisse mit ein paar Mausklicks ein Buch gestalten. Tatsächlich kann man mit den dort angebotenen Vorlagen erstaunlich rasch etwas zusammenklicken, was durchaus Ähnlichkeit mit einem Buch hat. Ohne buchgestalterisches Knowhow wird man jedoch nur etwas zustande bringen, was mit einem richtigen Buch soviel zu tun hat wie ein Youtube-Video mit einem Hollywoodfilm.
Fazit: Was die Revolution im Buchmarkt anbeangt, sind wohl noch nicht einmal vorrevolutionäre Zeiten angebrochen. Nichtsdestotrotz will ich Lulu auf keinen Fall in Bausch und Bogen verdammen. Möglich, dass sich daraus eine Plattform zur unkomplizierten Veröffentlichung entwickelt. Aber vorläufig sehe ich da nur eine mögliche Ergänzung zum klassischen Buchmarkt. Nicht mehr. Zur Zeit (noch ?) eher weniger.

10.9.06

Schreiben, denken, inspiriert sein...

Writingwomans Autorenblog: Mach mir eine Szene!:
"Der allermagischste Moment ist jener, wenn ich Szenen schreibe, ohne zu wissen, woher die ganzen Infos plötzlich kommen. Es gab Momente, in denen habe ich mich gegruselt, weil ich nicht wussste, wer da schreibt."
Wenn’s so richtig läuft und die Szene wie von alleine entsteht, fühlt es sich tatsächlich magisch an, aber ich glaube, die Ursache dieser Magie ist einfach und noch nicht mal sonderlich magisch. Man denkt ja nach, während man schreibt, und zumindest ich kann meine Gedanken wesentlich besser kanalisieren und strukturieren, während ich schreibe. Und - ganz wichtig - wenn man etwas aufschreibt, ist man auch den Zwang los, es sich merken zu müssen, und das scheint tatsächlich irgendwie Platz für etwas neues zu schaffen.
Ich habe unlängst eine Dame gecoacht, die ein Buch über ihren Vater schreiben möchte. Zu meiner Verwunderung hatte sie sich noch gar keine Notizen gemacht und hatte überhaupt keine Lust dazu (”Ich muß mir das nicht aufschreiben, ich kenn doch meinen Vater!”). Als ich sie dann dazu gebracht habe, doch probehalber mal ein paar Ideen aufzuschreiben und eine mögliche Struktur ihrer geplanten Geschichte stichwortartig zu notieren, konnte sie gar nicht mehr aufhören und fing an, sich auch an längst vergessene Dinge zu erinnern. Ich glaube, man kann “Inspiration” auch herbeischreiben, wenn man’s denn zielgerichtet tut.

7.9.06

Karteikarten

Wenn Sie einen Autor fragen, welches sein wichtigstes Werkzeug oder Arbeitsmittel ist, wird er es mit Sicherheit nicht nennen. Wenn Sie ihn und seine Kollegen jedoch nach ihren fünf oder zehn wichtigsten Werkzeugen fragen, wird sie mit Sicherheit in beinahe jeder Top-Ten-Liste auftauchen: die Rede ist von der guten, alten Karteikarte.
Alle Autoren, die ich kenne, benutzen in der einen oder anderen Form Karteikarten. Es gibt mittlerweile sogar Programme für den PC, mit denen sich die Karteikarten-Verwendung simulieren lässt. Warum sind Karteikarten bei Autoren so beliebt?
Die – vielleicht – verblüffende Antwort lautet: weil man sie so gut sortieren kann. Wenn bei einem Schreibprojekt die Zeit gekommen ist, die Stoffsammlung abzuschließen und die gesammelten Materialien zu strukturieren, kann man dies ungeheuer effektiv mit Karteikarten bewerkstelligen.
Ein Beispiel aus meiner Praxis: wenn ich ein Theaterstück, ein Musical oder ein Kabarett-Programm schreibe, bekommt jede Szene eine eigene Karteikarte (Sprechszenen und Songs bekommen übrigens Karten in verschiedenen Farben, damit man sie leicht unterscheiden kann). Auf jede Karteikarte notiere ich alles, was ich in der jeweiligen Szene abhandeln muss/möchte und was mir jetzt schon an Dialog- bzw. Songtext-Ideen kommt.
Während des Arbeitens liegen sämtliche Karteikarten auf einem großen Tisch vor mir, ich muss also nicht linear arbeiten, sondern kann wunderbar zwischen den einzelnen Szenen hin und her springen. Schließlich kann ich die Reihenfolge der Szenen mühelos verändern, in dem ich sie einfach hin und her schiebe. Ich kann problemlos Dinge ausprobieren, Szenen in umgekehrter Reihenfolge ablaufen lassen, Szenen weglassen, neue Szenen einbauen, und das schönste von allem ist, daß es ungeheuer anschaulich abläuft. Es ist, als würde man ein Theaterstück mit einem Baukasten zusammenbauen.
Natürlich läßt sich das von mir skizzierte System noch unendlich verfeinern. Ich beispielsweise verwende Din-A5 Karteikarten für die einzelnen Szenen. Dann habe ich noch kleinere Karteikarten in verschiedenen Farben, die mit Büroklammern mit den großen verbunden werden. Karten für die einzelnen Figuren, auf denen schon Dialogsätze notiert werden können, Karten für die verschiedenen Wendepunkte des Plots, Karten für inhaltliche oder handlungstechnische Exkurse... die Möglichkeiten sind endlos. Und alle Systeme, die man auf Karteikartenbasis entwickelt, sind unendlich flexibel. Um sie zu verändern, braucht man nur... na? Richtig: ein paar zusätzliche Karteikarten!
Und unbezahlbar ist schließlich die Möglichkeit, sein ganzes, umfangreiches Projekt jederzeit in toto überblicken zu können. Einen entsprechend großen Tisch bzw. eine ebensolche Pinnwand vorausgesetzt.
Überraschenderweise gibt es Autoren, die lieber ohne Karteikarten arbeiten, wie beispielsweise Andreas Eschbach. Nun, jedem das seine., Ich jedenfalls fühle mich ohne Karteikarten wie ein Fisch auf dem Trockenen.


6.9.06

Wie macht man Bestseller?

netlektorin's blog:
"Machen Blogs Bestseller? Auch in der Buchbranche geht bald nichts mehr ohne Internet - sagt Elmar Krekeler im aktuellen Börsenblatt - und: Die Blogosphäre wird zunehmend zur Brutstätte von Bestsellern."

Was viele vergessen: zunächst einmal muß das Buch das Zeug zum Bestseller haben, sich auch tatsächlich verkaufen lassen. Viele Menschen, die schreiben und veröffentlichen wollen, denken, dass Bestseller ausschließlich durch Werbung, Marketing und jetzt eben Weblogs "gemacht" werden. Als gäbe es ein Zauberpulver, das Verlage auch über das ungenießbarste Manuskript kippen könnten, um es zu einem Publikumserfolg zu machen.
Sicherlich sind Werbung, PR, Marketing notwendig, um einem potentiellen Bestseller die notwendige Aufmerksamkeit zu verschaffen... aber einen handlungsarmen Roman über einen frustrierten Kleintierzüchter, der versucht, seinem Zwergkaninchen die Raffzähne wegzuzüchten und darüber in eine Sinnkrise gerät, bekomme ich auch mit der dollsten Kampagne nicht in die Bestsellerlisten.
Und zur deutschen Blogosphäre als Bestsellerbrutstätte (durchaus selbstkritisch): Meine persönliche Erfahrung ist, dass das Medium "Blog" hierzulande meistens nur den Bloggern selbst bekannt ist. Wir haben hierzulande zwar eine vitale, im Wachstum befindliche Blog-Szene, aber eine, die sich gleichzeitig Produzent und Publikum ist. Erst wenn unsere Blogs ihren Insider-Status verlieren und verlieren wollen, können sie helfen, Bestseller zu kreieren.
Also stehen Autoren und Blogger quasi vor der gleichen Aufgabe: sich einem Massenpublikum zu öffnen. So sie denn wollen.

Lesen

"Während ich an einem Projekt arbeite, lese ich grundsätzlich nichts von anderen Autoren. Das bringt mir nichts, und ich möchte mich auch nicht beeinflussen lassen."
Diesen Satz habe ich (natürlich mit Abwandlungen) schon ziemlich häufig gehört, seit ich angehende Autoren betreue. Wenn man - wie ich - davon ausgeht, dass Schreben in erster Llnie ein Handwerk ist, dann sollte man einmal versuchen, obigen Satz auf Mitglieder anderer Zünfte anzuwenden.
Der Koch: "Wenn ich koche, esse ich grundsätzlich nichts. Nur so kann ich sicher sein, dass mein Gericht unverfälscht und authentisch aus der Pfanne kommt."
Der Tischler: "Wenn ich einen Tisch baue, meide ich andere Tische so gut es geht. Ich möchte mich auf meinen Tisch konzentrieren, in den keine unerwünschten Einflüsse hineingeraten sollen."
Klingt plötzlich ziemlich dämlich, nicht wahr? Irgendwie... borniert? Richtig. Ist äußerst dämlich und total borniert. Und funktioniert gerade bei Autoren überhaupt nicht.
Ich kenne keinen erfolgreich arbeitenden Autor, der nicht glechzeitig ein fanatischer Leser wäre. Natürlich nicht. Ich kenne auch keinen (guten!) Koch, der nicht gleichzeitig ein begeisterter Freßsack wäre.
Letztlich kann nur derjenige ein Meister seines Fachs werden, der die Meisterwerke seines Handwerks studiert und versucht, die eigene Kunstfertigkeit anhand des meisterhaften Vorbilds zu vervollkommnen.
Es gibt tausende von Gründen, ein gutes Buch zu lesen. Ich kenne keinen einzigen, es nicht zu tun.