30.8.06

Figuren recherchieren

Wenn sie ein neues Werk, sei es ein Roman, eine Erzählung oder ein Drehbuch beginnen, fangen viele Autoren damit an, dass sie die wichtigsten Figuren des zukünftigen Werks erarbeiten. Eine überaus sinnvolle Vorgehensweise, denn die Figuren sind fast immer das wichtigste an einem Roman. Bevor jemand Einwände erhebt: Was genau passiert eigentlich in „Anna Karenina“? Naaa? Irgendso ein Dreieck, nicht wahr? Und am Schluß wirft sie sich vor den Zug? Aber die Figuren... Karenin, Anna, Wronski... Unvergeßlich!
Es sind meist die Figuren eines Romans, an die wir uns zuerst erinnern, die Handlung einer Geschichte müssen wir uns meist mühsam wieder aus dem Gedächtnis zusammensetzen, wenn uns das überhaupt gelingt. Die Figuren sind's, die den Leser faszinieren, und der Autor, der sich besonders um seine Figuren kümmert, wird vom lesenden Publikum reich belohnt werden.
Die meisten Autoren – so auch ich – haben sich einen kleinen Fragebogen gebastelt (Name, Statur, Aussehen, Freunde, Feinde, Tagesablauf, Vorlieben, Abneigungen, Fähigkeiten, Unfähigkeiten usw.) gebastelt und fangen damit an, denselben abzuarbeiten, wenn sie die Gestalten ihrer Erzählung kreieren.
Gerade weil auch ich das jahrelang so gemacht habe, möchte ich davon abraten. Nicht von der Verwendung eines Fragebogens, sondern davon, mit ihm zu beginnen. Die Figuren meiner Geschichten sind – finde ich – wesentlich besser geworden, seit ich einen kleinen Spaziergang unternehme, statt meinen Fragebogen auszufüllen. Ich wandere durch die belebteren Straßen Berlins, setze mich mit meinem Notizblock in ein gut besuchtes Café oder auf eine hoffentlich sonnenüberflutete Terrasse, suche mir aus der Galerie meiner Mitmenschen ein paar geeignete Exemplare aus, und beginne, mir Notizen zu machen.
An den Anfang meiner Figuren-Erfindungen setze ich also die Recherche, und dies mit gutem Grund. Jede Figur, die Sie in einem Roman oder einem Drehbuch verwenden wollen, müssen sie gründlich recherchieren. Jede. Punktum. Und wenn jetzt der Einwand kommt: „Aber ich arbeite gerade an einer autobiographischen Erzählung über mein Verhältnis zu meiner Muter. Ich werde doch meine eigene Mutter nicht recherchieren müssen!“ Doch, haargenau das müssen Sie. Das, was sie parat haben, um eine Figur zu kreieren, ist Ihr Eindruck von Ihrer Mutter, nicht aber eine Figur, die ihrer Mutter entspricht.
Verallgemeinert: Wenn ich ein Buch schreibe, und dabei nur Figuren verwende, die ich nicht gründlich recherchiert, bei denen ich mich auf meinen Eindruck verlassen, die ich mir letztlich ausgedacht habe... dann besteht das Personal des Buchs aus lauter Variationen von mir selbst. Kein guter Ausgangspunkt, um einen farbenfrohen, konfliktreichen Plot voller Wendungen zu schreiben. Selbstgespräche liegen meist wie Blei in den Regalen.
Deshalb empfehle ich Ihnen: Wenn Sie eine Geschichte über einen Lokomotiv-Führer schreiben wollen, dann gehen Sie zum Bahnhof und sprechen Sie einen der Damen oder Herren an, die einem dieser Ungetüme entsteigen! Sagen Sie, dass Sie Autor sind und gern mit ihm reden würden, weil Sie über Lokomotiv-Führer schreiben müssen. Und wenn Sie sich furchtbar überwinden mußten, um einen wildfremden Menschen zu Recherche-Zwecken anzusprechen, steht Ihnen jetzt eine Riesenüberraschung bevor: Mit ca. 90%iger Wahrscheinlichkeit freut sich der- oder diejenige unheimlich, dass sie sich für ihre bzw. seine Tätigkeit interessieren. Menschen reden irrsinnig gern über das, was sie den lieben langen Tag lang tun. Sie werden ein hochinteressantes Gespräch mit dem Lokomotiv-Führer führen können, das Ihnen Stoff nicht nur für ihre geplante Figur, sondern für zahllose Geschichten liefern wird.


28.8.06

Trübe Aussichten

DIE AUTOREN: Die Toskana kann warten — Tagesspiegel Online - Nachrichten: "Wie Berliner Lesebühnen-Autoren sich über Wasser halten. Drei Selbstauskünfte"
Der Mut dieser 3 Männer, ein mehr als bescheidenes Leben voller Unsicherheit führen zu wollen, um Schreiben zu können, verdient Bewunderung, Respekt, Hochachtung. Die Bereitwilligkeit, mit der sie "Mit Schreiben kann man nur wenig Geld verdienen" akzeptieren, macht nachdenklich.
Zugegeben, dass es den meisten Autoren hierzulande nicht gut geht, ist eine Binsenweisheit. In den letzten Jahren sind u.a. durch die Kirch-Pleite, die Einführung neuer Programmformate, die auf herkömmliche Drehbücher verzichten, und die unvermeidlichen Einsparungen zahlreiche Verdienstmöglichkeiten bei Fernsehen und Funk weggebrochen. Bei den Tantiemen, die Verlage ihren Autoren zubilligen, muss man schon einen veritablen Bestseller schreiben, damit die mehrjährige Arbeit an einem Buch sich rechnet. Und in den Printmedien gehen die Spatzen auf den Knien und die Mäuse schauen die Freien Mitarbeiter aus verweinten Augen an. Wohl dem Autor, der einen Brotberuf hat... Brotberuf? War da nicht etwas mit "Stellenabbau"? "Globalisierung"? Der Autor, der jetzt noch einen Brotberuf hat, muss mittlerweile oft die Arbeit von mehreren wegrationalisierten Kollegen mit erledigen und hat kaum noch Zeit und Kraft für eigene Projekte. Jaja, ich weiß... die Verhältnisse. So sind sie eben. Können wir nicht ändern.
Nur... wo sollen wir in ein paar Jahren die Schriftsteller hernehmen? Von "Mit Schreiben kann man nur wenig Geld verdienen" zu "Mit Schreiben kann man kein Geld verdienen" ist es nicht weit. Wollen wir in Zukunft uns unsere Lektüre wirklich aus den Gratis-Blogs und den Mitmach-Kurzgeschichten von Web 2.0 zusammenklicken? Warum sollte auch der Talentierteste noch Schriftsteller werden wollen, wenn er keine Chance hat, von seiner Arbeit zu (über)leben?

18.8.06

Das Leben als Stoff

Grass und wie er die Welt sieht — Tagesspiegel Online - Nachrichten:
"Der Schriftsteller, der den eigenen Lebensstoff seit 60 Jahren in Literatur verwandelt, kann nicht aus seiner Haut, wenn es um das Leben der anderen geht. Auch dieses ist ihm nur: Stoff. Die solcher Arbeitsweise innewohnende Egozentrik wird erschreckend deutlich beim Fernsehgespräch im dänischen Hotel."

Und das ist eben weder erschreckend noch egozentrisch, sondern nur... Autorenalltag. Schreiben ist eine geistige Haltung. Wenn man sich entschlossen hat, Autor zu sein, wird einem alles zu "Stoff". In meinen Augen ist das weder erschreckend noch schön, sondern einfach professionell.

17.8.06

Kann man Schreiben lernen?

Ein Dauerbrenner unter deutschen Autoren ist die Diskussion, ob man Schreiben lernen kann oder nicht. Ein erstaunlich hoher Prozentsatz der Kollegen vertritt – gelegentlich mit durchaus messianischem Eifer – die Ansicht, Schreiben sei letztlich nicht erlernbar. Kurse in kreativem Schreiben seien überflüssig und mit dem Hautgout der Scharlatanerie behaftet: Der einzig erfolgversprechende Weg zum Aneignen des schriftstellerischen Handwerks sei „learning by doing“ und die intensive Auseinandersetzung mit vorbildhafter Literatur.

Ich bin vollkommen anderer Ansicht, nicht zuletzt, weil ich eine mittlerweile durchaus erkleckliche Zahl von Menschen bei ihren ersten literarischen Gehversuchen unterstützen durfte und deshalb weiß, daß ich ihnen helfen konnte, einige Mühsal und zahlreiche Irrwege zu vermeiden. Natürlich sind die Anfangsgründe des Schreibens erlernbar. Würde man das Postulat der ansonsten geschätzten Kollegen beispielsweise auf das Erlernen des Klavierspiels anwenden, dann könnte nur derjenige ein erfolgreicher Pianist werden, der auf Klavierstunden verzichtet und sich das Beherrschen des Instruments ausschließlich durch eigenes Üben und das Anhören von Klaviermusik erarbeitet.

Autoren, die das Schreiben generell als nicht erlernbar bezeichnen, verwechseln meiner Ansicht nach das Erlernen der Grundlagen mit dem Streben nach Perfektion. Ein Meister seines Fachs kann sowohl der Autor wie der Pianist in der Tat nur werden, wenn er sich an großen Vorbildern orientiert, deren Arbeiten intensiv studiert und seine so erarbeiteten Erkenntnisse in eigenen Werken verarbeitet. Doch die handwerklichen Grundlagen jedoch sind vermittelbar, und es macht Sinn sie zu erlernen, weil man sich den eigenen Weg dadurch erleichtert.

Eigentlich bin ich ein Gegner der oftmals vorschnell vergebenen Etikettierung „Typisch Deutsch“. Doch auf den Mythos von der Nichterlernbarkeit des Schreibens trifft sie durchaus zu. Mir ist kein amerikanischer Autor bekannt, der sich in dieser Richtung geäußert hätte. Und in den USA ist „Kreatives Schreiben“ Schul- und Studienfach.