24.5.06

Typen

Letztens habe ich ein wunderbares Buch in der Hand gehabt: "Das Randfigurenkabinett des Doktor Thomas Mann" von Barbara Hoffmeister und Robert Gernhardt, ein liebevoll gestaltetes und gut geschriebenes Buch über die schrägen, schrulligen und seltsamen Gestalten, die Thomas Mann seinen Protagonisten an die Seite zu stellen pflegte. Und plötzlich fiel mir auf, wie farblos in den letzten 20 Jahren viele Nebenfiguren in Prosa und Drehbuch geworden sind. Das fängt bei Kino und TV an: Zu 95 Prozent sehe ich mittelalte, mittelgroße, mittelschlanke Durchschnittstypen, die sich gerade bei H&M mit unauffällig pseudoeleganter Kleidung eingedeckt haben. Gibt es eigentlich außer Otfried Fischer keine dicken Schauspieler mehr? Und wo sind die Hungerharken geblieben, die Spargeltarzans, kurz: Menschen, die sich schon durch ihre Physiognomie als herausragend und einzigartig ankündigen? Wo sind die bizarren Käuze geblieben, die bis vor wenigen Jahren nicht nur die blühende Kreuberger Kneipenszene sondern auch die gelungeneren unter den zeitgenössischen Drehbüchern und Romanen bereicherten?
Bei von einschlägigen Redaktionen gestalteten Fernsehfilmen ist die Erklärung einfach und logisch: Durchschnittliche Menschen wählen durchschnittliche Menschen aus, und so ist es nur folgerichtig, dass man die Figuren vieler TV-Movies schon eine halbe Stunde vor Beginn des Abspanns komplett vergessen hat.
Warum aber immer mehr Autoren der erzählenden Prosa sich scheuen, bei der Typisierung ihrer Figuren auch mal etwas deftiger hinzulangen, ist mir ein komplettes Rätsel. Ist unsere Gesellschaft in den letzten zwanzig Jahren derart langweilig geworden, dass den modernen Autor ein skurriles Typenkabinett, wie es beispielsweise Eckhard Henscheid meisterlich aufzufahren pflegte, heute schon als "zu exotisch" anmutet? Gibt es sie wirklich nicht mehr, die Gestalten, die "vehement und freudevoll außerhalb der Norm" agieren? Oder lese ich die falschen Bücher? Oder lebe ich in der falschen Gesellschaft?

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