29.4.06

Mobiltelefone

Als ich begann, das Handwerk des Theater- und Drehbuchautors zu erlernen, war es nicht direkt eine Todsünde, ein Telefon klingeln zu lassen, um eine Plot-Wendung einzuleiten, aber es wurde durchaus als Notbehelf angesehen. "Etwas, was aus den Figuren kommt, ist dir wohl nicht eingefallen?", hörte man von naserümpfenden Redakteuren und Dramaturgen, und das Boulevard-Theater wurde eine Zeitlang gar abfällig als "Theater der weißen Telefone" bezeichnet, weil da angeblich handwerklich stark herausgeforderte Theaterautoren andauernd weiße Luxustelefone läuten ließen, während frustrierte Dramaturgen sich mit schnöde scheppernden schwarzen Bakelit-Apparaten bescheiden mußten.
Wie die Zeiten sich geändert haben. Das Handy eines Tatort-Kommissars klingelt wie selbstverständlich alle 10 Minuten, die so "von aussen" initiierte Plotwendung ist längst ein allgemein akzeptierter Standard. Mittlerweile gibt es Filme wie "Hollywood Cops" (eine übrigens stark unterschätzte Action-Komödie), für deren Plot das dauernde Handy-Geklingel eine Vorraussetzung ist. Und kein Dramaturg oder Redakteur beschwert sich mehr über das Kingeln eines Telefons.
Was lernt uns das? Dass das Geschichten Erzählen ein sich dynamisch entwickelndes Handwerk ist. Dass Dinge wie das Handy, die unser Leben verändern, früher oder später auch die Geschichten verändern, die wir uns erzählen. Das Handy hat uns neue dramaturgische Möglichkeiten eröffnet. Gleichzeitig haben wir aber auch bewährte Story-Muster verloren. "Protagonist in verzweifelter Suche nach dem Love-Interest, der sich nichtsahnend in den Fängen des Antagonisten befindet" kommt beinahe nur noch in historischen Stoffen vor, weil man sonst umständlich erklären müsste, warum der Love-Interest per Handy nicht erreichbar geworden ist.
Auf alle Fälle hat das Handy unsere Geschichten stark beschleunigt und damit eine ähnliche Veränderung unserer Plots bewirkt wie die Einführung der Passagierflugzeuge, als die Protagonisten der Geschichten nicht mehr Tage oder Wochen sondern nur noch Stunden benötigten, um von A nach B zu kommen.

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