22.3.06

Die Horror-Frage

Jeder Schauspieler rollt gequält die Augen gen Himmel, wenn ihm die – an sich nahe liegende – Frage „Wie merken Sie sich eigentlich den ganzen Text?“ gestellt wird? Warum nervt diese Frage? Weil sie nichts mit dem Handwerk des Schauspielers zu tun hat. Der Text wird auswendig gelernt, bevor man mit der Erarbeitung einer Rolle beginnt, und wie die oder der einzelne sich seinen Text merkt, ist nun wirklich wurscht. Trotzdem interessiert es erstaunlich viele Menschen, wie sich so ein Schauspieler den ganzen Text merkt.

Für Autoren gibt es eine ähnliche Frage, bei der wir bereits in Schweiß ausbrechen, wenn wir sie nur aus der Ferne kommen sehen. Unsere Horror-Frage lautet „Wo nehmen Sie nur die ganzen Ideen her?“ Und bei uns ist der Schrecken dieser Frage deutlich größer als bei Schauspielern, denn die wissen wenigstens, wie sie den Text auswendig lernen. Wir Autoren haben letztlich keine Ahnung, wo die Ideen herkommen. Weil wir ohne Ideen schreiben können, ja müssen.

Jemand, der mit dem Schreiben seinen Lebensunterhalt verdienen will, darf sich überhaupt nicht auf Dinge wie Ideen oder gar Inspiration verlassen. Der göttliche Funke der Inspiration bleibt nur oft genug tage- wenn nicht gar wochen- oder monatelang aus, und auch in dieser Zeit wollen Miete, Essen und Versicherung bezahlt sein.

Für den Nicht-Schreiber ist es kaum vorstellbar, wie Schreiben – insbesondere das Schreben von Geschichten – ohne Ideen funktionieren soll. Eine ganze Handlung mit verschiedenen Höhepunkten, Protagonist, Antagonist und ihren Helfern, das muss doch erstmal irgendwie ausgedacht werden.

Eben nicht. Nicht ausgedacht, sondern erdacht. Ideen fallen einem nicht nur ein, alternativ kann man sie sich erarbeiten. Und auf dieses Erarbeiten von Ideen möchte ich in den nächsten paar Artikeln dieses Blogs ein wenig eingehen.


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