29.3.06

Was ist überhaupt eine Idee?

Gute Frage, nicht? Ich stelle mal eine wirkliche Idee und zwei Rohrkrepierer zur Auswahl:

  1. Eine Geschichte, die nur im Tchibo-Stehcafé spielt, mit all den schrägen Typen, die sich tagsüber da rumtreiben und ihren Kaffee trinken.

  2. Das Space-Shuttle mit einer Besatzung von 7 Mann kehrt nach einer sechswöchigen Mission auf die Erde zurück. Doch gemeinsam mit den 7 Astronauten steigt ein kleiner 5jähriger Junge aus dem Raumschiff. Die Astronauten behaupten, er sei immer dabei gewesen. Niemand kann sich erklären, wie der Junge in das Shuttle kam.

  3. Eine Frau wird von einem Versicherungsmakler geprellt, als ihr Mann einen tödlichen Unfall erleidet. Die Frau lässt sich unter anderem Namen zur Versicherungsmaklerin ausbilden und übt „von innen“ Rache an Makler und Versicherungsgesellschaft.

Machen wir's kurz. Nr. 1 ist keine Idee. Nr. 1 ist ein mäßig origineller Schauplatz. Es fehlt Thema, Antagonist, Protagonist, Wendepunkt.

Nr. 2 ist sehr originell, aber immer noch keine Idee. Nr. 2 ist ein Schauplatz mit einer ungewöhnlichen Begebenheit. Unglücklicherweise ist die Begebenheit so unwahrscheinlich, dass man die Situation ohne logische Klimmzüge praktisch nicht auflösen kann. Nr. 2 ist das, was schwärmerische Naturen für eine Idee halten.

Nr. 3 hingegen – ja, die schnöde, hausbackene, vorhersehbare Versicherungs-Plotte! ist eine entwicklungsfähige Idee. Es gibt ein Thema (Rache), eine glaubwürdig motivierte Protagonistin, einen Antagonisten und einen Wendepunkt. Aus dieser Idee kann man etwas machen, man kann sie in die verschiedensten Richtungen ausarbeiten.

Und das ist es, was eine Idee letztendlich ausmacht: ihre Entwicklungsfähigkeit. Z. B. ist Margaret Mitchell bestimmt nicht eines Nachts aufgewacht und hatte schwuppdiwupp das ganze Personal und sämtliche Plotwendungen von „Vom Winde verweht“ im Kopf. Vermutlich ist irgendwann einmal Scarlett O'Hara an ihrem geistigen Auge vorbei spaziert, und Mrs. Mitchell hat sich gefragt: „Was wäre, wenn diese eigensinnige Person sich in den falschen Mann verliebt?“ Dann ist ihr – vielleicht – ein paar Tage oder Wochen später Rhett Butler eingefallen. Und etwas später hat sie sich an Scarlett erinnert und sich gedacht: „Das wäre doch DER Mann für diese Frau. Was wäre, wenn alle Welt das merkt, nur Sie nicht?“ Und Tage, vielleicht Wochen oder Monate oder gar Jahre später hat sie sich vielleicht gedacht: „Was wäre, wenn die Geschichte von Scarlett O'Hara und Rhett Butler vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs spielen würde?“ Und spätestens jetzt wird sie den elektrisierenden Adrenalinschub verspürt haben, der mit der Erkenntnis „Was für eine Idee!“ einhergeht. Dabei hatte sie die ursprüngliche Idee („Frau liebt falschen Mann.“) ja eigentlich schon lange gehabt...

Und darauf will ich hinaus. „Frau liebt falschen Mann“ ist letztlich genau so wenig eine Idee wie „Boy meets Girl“, obwohl „Boy meets Girl“ die Basis so gut wie aller Liebesgeschichten ist. „Frau liebt falschen Mann“ und „Boy meets Girl“ sind aber für den Autor Anlässe, die „Was wäre, wenn...“-Frage zu stellen. Und die Antworten auf diese Frage sind wertvoller als jegliche scheinbar noch so originelle Idee. Mit „Was wäre, wenn...“ bringen wir unsere Phantasie zum Fliegen, und können dem bescheidensten Anlass eine funktionierende Geschichte entlocken. Der- oder diejenige, die „Was wäre, wenn...“ zu fragen lernt, kann in Zukunft ein erfülltes Geschichtenerzähler-Dasein führen, ohne jemals eine Idee haben zu müssen.

Probieren Sie's aus. Gehen Sie mit „Was wäre, wenn...“ - Fragen an Vorschlag 1 (Tchibo) oder Vorschlag 2 (Space-Shuttle) heran. Passiert nicht viel, nicht wahr? Und jetzt gehen Sie mal an Vorschlag 3: „Was wäre, wenn die geprellte Frau den Makler schon von Kindheit an kennt?“ - „Was wäre, wenn die Kinder der Frau nichts von ihrem Racheplan erfahren dürfen?“ - „Was wäre, wenn die Frau unter dem Namen ihrer besten Freundin an den Schulungen der Versicherungsgesellschaft teilnimmt?“

Mehr über „Was wäre, wenn... Fragen“ demnächst!

22.3.06

Die Horror-Frage

Jeder Schauspieler rollt gequält die Augen gen Himmel, wenn ihm die – an sich nahe liegende – Frage „Wie merken Sie sich eigentlich den ganzen Text?“ gestellt wird? Warum nervt diese Frage? Weil sie nichts mit dem Handwerk des Schauspielers zu tun hat. Der Text wird auswendig gelernt, bevor man mit der Erarbeitung einer Rolle beginnt, und wie die oder der einzelne sich seinen Text merkt, ist nun wirklich wurscht. Trotzdem interessiert es erstaunlich viele Menschen, wie sich so ein Schauspieler den ganzen Text merkt.

Für Autoren gibt es eine ähnliche Frage, bei der wir bereits in Schweiß ausbrechen, wenn wir sie nur aus der Ferne kommen sehen. Unsere Horror-Frage lautet „Wo nehmen Sie nur die ganzen Ideen her?“ Und bei uns ist der Schrecken dieser Frage deutlich größer als bei Schauspielern, denn die wissen wenigstens, wie sie den Text auswendig lernen. Wir Autoren haben letztlich keine Ahnung, wo die Ideen herkommen. Weil wir ohne Ideen schreiben können, ja müssen.

Jemand, der mit dem Schreiben seinen Lebensunterhalt verdienen will, darf sich überhaupt nicht auf Dinge wie Ideen oder gar Inspiration verlassen. Der göttliche Funke der Inspiration bleibt nur oft genug tage- wenn nicht gar wochen- oder monatelang aus, und auch in dieser Zeit wollen Miete, Essen und Versicherung bezahlt sein.

Für den Nicht-Schreiber ist es kaum vorstellbar, wie Schreiben – insbesondere das Schreben von Geschichten – ohne Ideen funktionieren soll. Eine ganze Handlung mit verschiedenen Höhepunkten, Protagonist, Antagonist und ihren Helfern, das muss doch erstmal irgendwie ausgedacht werden.

Eben nicht. Nicht ausgedacht, sondern erdacht. Ideen fallen einem nicht nur ein, alternativ kann man sie sich erarbeiten. Und auf dieses Erarbeiten von Ideen möchte ich in den nächsten paar Artikeln dieses Blogs ein wenig eingehen.


7.3.06

Organisation ist alles

Diejenigen, die dieses Blog regelmäßig lesen, wissen, dass ich ein Notizenfetischist bin. Ich mißtraue meiner eigenen Kreativität zutiefst: Ich muss mich nur an den Schreibtisch setzen, „um mir etwas einfallen zu lassen“ – dies ist eine absolut sichere Methode, wie ich mein Hirn in Sekundenbruchteilen komplett entleeren und in eine für mehrere Stunden komplett ideenfreie Zone verwandeln kann. Dass ich trotzdem noch arbeiten kann, verdanke ich einem kleinen Karteikästchen, in dem sich meine Notizzettel befinden. Per Email erreichte mich heute die Frage, wie ich denn meine Notizen organisiere. Nun denn.

Es ist Zeit für ein Geständnis. Bisher habe ich Ihnen immer weiss gemacht, ich würde das Haus niemals verlassen, ohne einen Notizblock mit mir herumzutragen. Ich schäme mich, es zu gestehen, aber ich habe Sie diesbezüglich angeschwindelt. Ich habe immer mindestens zwei Notizblöcke dabei, wenn ich das Haus verlasse: einem, in den ich mir gezielt Notizen mache für das konkrete Projekt, an dem ich gerade schreibe. In den anderen wandern Notizen über zukünftige bzw. derzeit ruhende Projekte und die berüchtigten „generellen Notizen“: Beobachtungen, Typen, geschmeidige Formulierungen, rudimentäre oder ausgefeiltere Plotideen.

Die Notizen aus dem Block für das aktuelle Projekt werden täglich sortiert, die anderen alle zwei bis drei Tage (realistisch betrachtet: einmal pro Woche, ehrlich gesagt: meistens monatlich). Drei große Zettelkästen (Geschichten & Beobachtungen/Figuren/Sprache) nehmen die „allgemeinen“ Ideen auf, Plot-Ansätze, originelle Charaktere, aufgeschnappte Redewendungen. Jedes konkrete Projekt (also ein in Arbeit befindliches Theaterstück, Drehbuch, ein Roman oder eine Kurzgeschichte) hat einen eigenen Zettelkasten, wobei ich bei der Organisation von Projekt zu Projekt flexibel bin, meist aber figurenorientiert arbeite, also die verschiedenen Ideen und Fundstücke den Figuren des jeweiligen Projekts zuordne, für die ich sie verwenden will.

Dies ist für mich praktisch, weil ich meist figurenorientiert arbeite, d.h. ich entwickle meine Geschichten beinahe ausschließlich über die handelnden Figuren. Das bedeutet aber auch, dass ich – spätestens wenn ich das Treatment schreibe – meine Notizen umsortiere: Die werden jetzt nicht mehr figurenorientiert sondern nach der Chronologie der Erzählung sortiert. Was übrigens für mich das Schreiben eines Treatments kolossal vereinfacht: Oftmals ergibt sich eine funktionierende Struktur bereits durch das Neusortieren der Notizen!

Der jeweils wichtigste Zettelkasten ist der des aktuellen Projekts, also der, an dem ich augenblicklich schreibe. Der wird täglich neu sortiert, und zwar am Ende meines jeweiligen Arbeitstages. Da gehe ich den ganzen Zettelkasten durch, sortiere alles aus, was während des Tages in das Projekt hineingeschrieben wurde und mache einen kleinen Stapel der Notizen, die ich am nächsten Tag zu verwenden gedenke. Die lege ich vorsortiert neben die Tastatur, bevor ich den PC ausschalte, und während dieses „Vorsortierens des nächsten Tages“ habe ich in meinem Hinterkopf schon eine ziemlich konkrete Ahnung von dem entwickelt, was ich am nächsten Tag schreiben werde.