20.2.06

Eine andere Welt

Warum werden Romane oder Erzählung niemals als historische Quellen herangezogen? – Ganz einfach: Weil sie erfunden ist. Selbst hyper-realistische oder sogar dokumentarische Roman, die scheinbar dem Leben abgelauscht zu sein scheinen, sind nicht echt. Menschen, die Romane schreiben, schildern die Welt nicht so, wie sie ist, sondern so, wie sie sie gerne hätten. Die Welt des Romans oder der Kurzgeschichte ist immer ein Gegenentwurf zur wirklichen Welt. Bei besonders gelungenen Geschichten erweist sich die Gegenwelt oftmals nachhaltiger als die reale. Wenn ich beispielsweise an die USA der 50er Jahre denke, fallen mir zuerst die Figuren aus Jack Kerouacs Jahrhundertbuch „On The Road“ ein. Ich denke an Neil Cassady und Jack, Cool Jazz, endlose Autofahrten, Drogen... also ein Amerika, was vorwiegend in den Köpfen der Beat Generation existiert hat.

Woran liegt das? Letztlich an der Sorgfalt, mit der ein Autor seine Welt erschafft. An den vielen kleinen Details, mit denen er dem Leser plausibel macht, dass seine Scheinwelt existieren könnte. Ein wunderbares Beispiel für eine solche Detailbehandlung ist die Uhrkette des Herrn Permaneder in Thomas Manns „Die Buddenbrooks“. Wie Mann diesem bajuwarischen Exoten durch die detaillierte Beschreibung eines Accessoires nicht nur charakterisiert, sondern ihm Authentizität verleiht, ist ein Meisterstück für „World Creation“.

8.2.06

Sudoku

Gestern saß meine liebe Frau in der U-Bahn, flinken Geistes ein Sudoku-Rätsel ausfüllend. Dabei kam sie mit einem jungen Mann – ebenfalls Sudoku-Löser – ins Gespräch, der ihr von seiner Freundin erzählte, die jedes, auch das allerschwierigste Sudoku in 15 Minuten ausfüllen könne. Und bei jedem Rätsel zuerst komplett die unterste Zeile ausfüllt.

Rums. Was für ein phantastisches Detail. Nicht unbedingt die Idee für den großen deutschen Gegenwartsroman, aber eine phantastische Möglichkeit, in einer Geschichte einen sympathischen, beinahe sturen Individualisten zu charakterisieren. Die „Untere-Zeile-Zuerst-Ausfüllerin“ liegt bereits in meinem Zettelkasten und wird irgendwann in naher Zukunft sicher Verwendung finden.

Dies ist ein typisches Beispiel für ein Detail, dass kein Autor dieser Erde sich am Schreibtisch ausdenken kann. Deshalb sollte man, wenn man schreibt, immer offenen Auges, offenen Ohres und mit Notizblock durch das Leben gehen. Solche vom Leben geschriebenen Perlen wie die Sudoku-Dame aufzusammeln, macht Spaß, erleichtert die spätere Arbeit und – die eigenen Stories werden durch solche Details besser.