27.1.06

Notizbücher sind böse!


Vor einigen Wochen habe ich Ihnen ja schon ans Herz gelegt, ständig Stift und Papier dabei zu haben, damit Sie sich – wo Sie auch gerade gehen oder stehen – Notizen machen können. Heute möchte ich diesen Vorschlag etwas präzisieren: Nehmen Sie immer einen Stift und einen Notizblock mit. Einen Notizblock. BLOCK! Auf keinen Fall ein Notizbuch. Kein Notizbuch. Kein BUCH! Notizblöcke sind unverzichtbare, segensreiche Hilfsmittel, die den Autor reich belohnen, der sie benutzt. Notizbücher sind Werke des Teufels, Versuchungen, mit denen der Antichrist Autoren vom Pfade der Inspiration weg lockt, um sie ins Tal der ideenlosen Verdammnis zu schleudern.
Ich übertreibe bewußt nicht. Sicher, möglicherweise (obwohl ich es für äußerst unwahrscheinlich halte) gibt es den einen oder anderen Autor, der erfolgreich mit Notizbüchern umgeht. Die Firma Moleskine, die diese schicken Notizbücher schon André Breton oder Ernest Hemingway angedreht hat, wirbt ja gerade damit, dass diese Herrschaften ihre Kladden verwendet haben. Aber... haben Sie das wirklich getan? Werfen wir einen Blick in das oben abgebildete Notizbuch von André Breton. Fällt Ihnen etwas auf? Genau. Der Mann hat sich keine Notizen gemacht, der Mann hat in das Buch hineingeschrieben.
Doch, da ist ein Unterschied. Wenn Sie sich etwas notieren, einen Gedanken, eine originelle Redewendung, die sie gerade aufgeschnappt haben, eine Idee oder ein mögliches Motiv für eine Geschichte, dann ist es nicht damit getan, dass sie sich das aufschreiben. Früher oder später müssen Sie anfangen, mit Ihren Notizen zu arbeiten. Sie müssen ihre Notizen durchsehen, auswerten, sortieren und schließlich weiterverwenden, denn Notizen macht man letztlich nicht zum Selbstzweck, sondern damit später etwas aus ihnen entsteht.
Wenn Sie Ihre Notiz in ein Notizbuch verfrachtet und den Decke zugeklappt haben, dann ruht sie da friedlich bis in alle Ewigkeit in einem Ideengrab. Ein guter Freund von mir sammelt seine vollgeschriebenen Notizbücher in seinem Bücherregal. Da stehen sie, mittlerweile stolze drei laufende Meter, und fangen Staub. Denn mein guter Freund schlägt sie niemals auf. Warum sollte er das auch tun? Wenn er sich überhaupt an eine der Notizen erinnern könnte, die er sich vor drei (oder waren es vier? Vielleicht fünf?) Jahren gemacht hat, wie sollte er sie denn finden? Oder würden sie auf der Jagd nach der verlorenen Notiz drei oder vier Notizbücher durchforsten? Dann denkt man sich doch lieber gleich was neues aus... Notizbücher führen den eigentlichen Sinn des Sich Notizen Machens ad absurdum.
Notizblöcke hingegen schreien geradezu nach Wieder- und Weiterverwertung. Mit einem Ratsch ist der beschriebene Notizzettel entfernt, kann auf eine Karteikarte geklebt oder direkt in einen Zettelkasten versenkt werden.
Natürlich müssen Sie sich ein System zur Organisation Ihrer Notizen einfallen lassen, denn ein unsortierter Zettelkasten, in den Sie niemals hineinschauen, ist letztlich das gleiche wie ein Notizbuch, nur ohne das sexy Outfit eines Moleskines. Doch dazu später mehr.

4.1.06

Schade

Gestern Abend in der Berliner U-Bahn hörte ich unfreiwillig mit, was eine – ihrem Äußeren nach zu den sogenannten „Entscheidern“ (wunderbares Wort!) in unserer Gesellschaft gehörende – junge Frau zu ihrem Begleiter sagte: „Gottseidank hat man ihn heute aus meinem Team entfernt. Was für eine Type! Der hat jeden Tag ein Gedicht gelesen. Und vermutlich auch noch eins geschrieben!“
Ich habe kein Team, aber wenn ich eins hätte, wäre ich sehr traurig, wenn ein solcher Mensch aus ihm entfernt worden wäre.

2.1.06

Vorsicht, Suchtgefahr!

Ein heißer Tipp für alldiejenigen, die Spass am Schreiben haben und sich ihren Spieltrieb erhalten haben. Seit ein paar Tagen bietet der Berliner Tagesspiegel ein Online-Schreibspiel namens „Sensation“ an, dem ich mit Haut und Haaren verfallen bin.
Die Regeln sind einfach: Eine Headline wird vorgegeben, ein Ressort (Kultur, Politik, Wissenschaft usw.) und 4 Worte, die im Text vorkommen müssen. Dann hat man 5 Minuten Zeit, eine entsprechende Zeitungsstory zu erfinden und aufzuschreiben. Wobei es die vorgegebenen Worte in Kombination mit Headline und Ressort durchaus in sich haben. Eine Sport-Story mit dem Titel „Revolution in der Formel 1“, in der die Worte „querbeet“, „Birkenstockfetischist“, „Premiumbier“ und „durchregieren“ vorkommen, muss einem erstmal einfallen.
Die Autoren benoten ihre Stories gegenseitig nach den Kriterien „Thema getroffen“ und „Originalität“. Für manchen Autor sind die Benotungen nicht immer nachvollziehbar. Was man selbst als durchaus originell empfindet, kommt bei manchen Kollegen vielleicht als gekrampft oder an den Haaren herbeigezogen an... Schwamm drüber! Der Spaß am Schreiben steht hier im Vordergrund, und wenn man's auf die „Sensation“-Titelseite geschafft hat (Meist genügen 3 Benotungen mit einem Durchschnitt besser als 2), kann man nicht nur stolz sein, sondern sogar manchmal einen Sachpreis abgreifen.
Aber Vorsicht! Wenn man einmal dabei ist, kommt man kaum noch davon los. „Nur eben noch mal schnell 'ne Story...“ Der Kick, sich der Herausforderung zu stellen und die Neugier, mit welchen Wörtern man als nächstes zu ringen hat, das ist – zumindest für mich – eine suchtbildende Mischung. Probieren Sie "Sensation" doch auch mal aus. Und wenn Sie auf eine Story von "ChrisK" stoßen, dann bitte ich um Nachsicht. Und gute Noten.