8.12.05

Was tun, wenn's fertig ist?

Gerade wurde der Moment Wirklichkeit, von dem Sie Tage, Monate oder gar Jahre geträumt haben. Sie haben das Wort „Ende“ getippt, sie sind mit der Rohfassung eines Schreibprojekts fertig geworden. Jetzt ist genau der Zeitpunkt, ein Fläschchen Sekt zu öffnen, den Stapel Papier in die Hand zu nehmen und das Ergebnis gebührend zu feiern.
Aber wenn Sie ein oder zwei Tage später ihr Manuskript wieder zur Hand nehmen, entdecken Sie unter Garantie einige Ungereimtheiten und Fehler. Hier ein übersehener Tippfehler, dort eine etwas holprige Formulierung... Ihnen wird klar, dass doch noch etwas Arbeit vor Ihnen liegt.
Machen Sie sich nichts draus. Der Schriftsteller, der die perfekte 1. Fassung schreibt, muss noch geboren werden. „Schreiben ist in erster Linie Umschreiben“, sagte mal ein schlauer Mensch. Und Ernest Hemingway wurde mal über seinen Tagesablauf gefragt. „Vormittags schreibe ich“, sagte er, und als er gefragt wurde, was er nachmittags tue, antwortete er gelassen: „Da streiche ich durch, was ich Vormittags geschrieben habe.“
Wenn es Sie nun in den Fingern juckt, die Fehler sofort auszumerzen, die Sie gerade in Ihrer Rohfassung entdeckt haben, dann setzen Sie sich erstmal auf Ihre Hände, damit Sie nicht sofort loslegen. Das wäre nämlich viel zu früh, weil Sie nicht genug Fehler entdecken würden. Sie brauchen Zeit, um Ihr Werk mit etwas Abstand betrachten zu können. Geben Sie sich mindestens 14 Tage, auch wenn es schwer fällt.
Dann nehmen Sie sich ihr Manuskript wieder vor, lesen es in aller Ruhe genauestens durch und markieren alles, was Ihnen verbesserungswürdig erscheint. Dann lesen Sie es in aller Ruhe noch einmal genauestens durch und markieren alles, was Sie eben übersehen haben. Zu Ihrem eigenen Erstaunen werden Sie auch bei einem dritten Durchgang noch Fehler und Verbesserungswürdiges entdecken. Aber zwei bis dreimal ist wirklich genug, jetzt sollten Sie Ihre Rohfassung überarbeiten.
Das wird Ihnen vermutlich relativ flott von der Hand gehen. Und wenn Sie jetzt wissen möchten, was andere Menschen von Ihrer literarischen Arbeit halten, dann sollten Sie Ihr Manuskript jetzt einigen Menschen aus Ihrem Freundeskreis zu lesen geben und diese Menschen bitten, Ihnen nach der Lektüre zu sagen, was sie von Ihrer Arbeit denken.
Das kann ziemlich stressig für Sie werden, denn wenn diese Menschen wirklich Ihre Freunde sind, dann werden Sie mit Kritik nicht sparen. Denn das, was Sie Ihren Freunden gerade servieren wird immer noch ziemlich viele Fehler enthalten, viele Passagen werden immer noch verbesserungsbedürftig sein und zahlreiche Dinge werden sich dem Leser noch nicht erschließen. Ärgern Sie sich nicht, regen Sie sich nur nicht auf. Das geht 99% aller Autoren so. Nur wer nicht schreibt, macht keine Fehler.
Vor allen Dingen: wenn jemand Ihr Werk kritisiert, verteidigen Sie es nicht! Auch wenn es schwer fällt. Hören Sie dem Kritiker genau zu, machen Sie sich Notizen und überlegen Sie sich nach dem Gespräch, ob er möglicherweise nicht doch recht gehabt hat, auch wenn Sie ihm auf der Stelle widersprechen möchten, um Ihr Werk zu verteidigen. Denken Sie daran: Sollte Ihr Werk einmal gedruckt und veröffentlicht werden, dann können Sie auch nicht jedes einzelne Exemplar begleiten, um es Begriffsstutzigen zu erklären und gegenüber Kritikern zu verteidigen. Ihr Werk muss für sich selbst sprechen.
Deshalb hören Sie gut zu, wenn andere Menschen Ihre Arbeit kritisieren und widersprechen Sie – vorerst – nicht, auch wenn's möglicherweise wehtut. Schreiben Sie sich auf, was die Menschen über Ihre Arbeit zu sagen haben, tragen Sie es nach Hause, atmen Sie tief durch und überlegen Sie sich dann, welche Teile der Kritik Sie annehmen werden und welche nicht.
Einiges, was Sie zu hören bekommen werden, werden Sie nämlich auch ignorieren müssen. Kritik beispielsweise, die zu sehr vom persönlichen Geschmack des Kritisierenden geprägt sind („Ich bitte dich, lass diese Witze über Hertha BSC weg. Ich bin Hertha-Fan, sowas tut mir nur weh!“), können Sie getrost ignorieren. Wenn Sie jedoch von mehreren Leuten dasselbe hören („Lass ein paar von den Hertha-Witzen weg. Es sind einfach zuviele.“), dann handelt es sich mit Sicherheit um keine Geschmacksfrage, sondern um ein Problem, um das Sie sich kümmern müssen.
Wie gesagt, es ist Ihr Werk und damit auch Ihre Entscheidung, welche Kritik Sie akzeptieren und welche nicht. Sie dürfen nicht zu zimperlich sein, wenn es darum geht, konstruktive Kritik wegzustecken, Sie müssen aber auch die nicht-konstruktive Kritik aussondern können.
Am Besten verarbeiten Sie die Kritik an Ihrer Arbeit, in dem Sie sich möglichst schnell Gedanken machen, wie Sie die Kritik am Besten umsetzen können. Die Kritiker haben es leicht: Sie äußern schwuppdiwupp ihre Meinung und sind fertig. Für Sie als Autor bedeutet das – selbstverständlich nur, wenn die Kritik berechtigt ist – eine Menge Arbeit. Aber eine Arbeit, die Ihnen Spaß machen wird, denn sie kann ja im Bewusstsein geschehen, dass Ihr Text dadurch tatsächlich besser, möglicherweise viel besser wird. Und eine solche Gelegenheit sollte sich kein Autor entgehen lassen.
Sie haben jetzt also die dritte Fassung Ihres Textes geschrieben, bereits die zweite Fassung des Textes, nachdem Sie „Ende“ getippt haben und „fertig“ waren. Merken Sie was? Man wird eigentlich nie „fertig“ mit einem Text. Und in diese Gefahr laufen Sie spätestens ab der dritten bis vierten Fassung: dass ein Text niemals fertig wird, auf ewig seinen „Werkstatt-Charakter“ behält. Wann Schluß ist, diese Entscheidung müssen wiederum Sie allein treffen. Irgendwann müssen Sie sagen: „So, besser geht es nicht. Alles, was ich jetzt noch mache, verschlechtert den Text möglicherweise genauso, wie es ihn verbessern könnte. Okay, das war's!“
Denken Sie beim Überarbeiten immer daran: Der perfekte Text ist eine Utopie. Man kann danach streben, aber man kann es nicht erreichen.


Kommentare:

gisolde hat gesagt…

Ich bin sehr dankbar, diese Einträge gefunden zu haben - sie haben eine motivierende Wirkung.
Ich möchte wieder mehr schreiben und mich auch Kritik stellen und nicht "Angst" davor haben.

Danke vielmals! :)

gisolde hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.