12.12.05

Charaktere

Viele wenn nicht gar die meisten Erzählungen, Novellen und Romane ziehen uns durch die in ihnen geschilderten Charaktere in ihren Bann.
Ob das nun bis ins letzte Details geht, wie beispielsweise bei Thomas Mann, der uns in den „Buddenbrooks" sogar noch sagt, was an Herrn Permaneders Uhrkette so alles herumhängt, oder ob der Autor einen Charakter durch „Weglassen“ erschafft, wie Raymond Chandler seinen Helden Philip Marlowe, über den wir in den ganzen Chandler-Romanen im Prinzip genau nichts und letztlich beinahe alles erfahren, die handelnden Figuren sind es, die uns in eine Erzählung „hinein ziehen“.
Wie erschafft man nun als Autor derart plastische Charaktere, die für den Leser zum Leben erwachen? Dies hängt – wie immer – vom jeweiligen Autor ab, es gibt aber eine Methode, die für 99% aller Autoren funktionieren kann (nicht muss, ebenfalls wie immer).
Die lebendigsten Charaktere erhält man, wenn man sie kreiert, bevor man die Handlung erfindet. Wenn Sie eine ungefähre Idee für ein Thema haben („Ich würde gern eine Geschichte über die Eifersucht schreiben.“) und ebenso ungefähr wissen, was in ihrer Geschichte ablaufen könnte („Ich könnte das Thema anhand eines Geschwisterpaares abhandeln, das sich ständig gegenseitig zu übertrumpfen versucht und sich dabei beinahe zugrunde richtet.“), dann ist haargenau der Moment gekommen, an dem Sie anfangen sollten, Ihre handelnden Figuren zu erschaffen!
„Was? So früh? Das ist doch zu früh!“ sagen Sie vielleicht, „Ich muss doch erst wissen, was passieren soll, damit ich meine Figuren entsprechend 'ausstatten' kann.“ Gut, das ist eine Möglichkeit. Viel lohnender und vor allen Dingen einfacher ist es, die Figuren zuerst auszustatten, denn dann werden Ihre Figuren Ihnen sagen, wie die Handlung sich entwickeln kann.
Es ist sogar – meiner Meinung nach – geradezu von Übel, die Handlung vor der Entwicklung der Figuren zu sehr auszuarbeiten. Gut erfundene Figuren entwickeln nämlich meist ein erstaunlich agiles Eigenleben und können sich verblüffend standhaft weigern, eine ihnen nicht genehme Handlungswendung zu vollziehen.
Vielleicht finden Sie es – wie ich – nützlich, sich einen kleinen Fragebogen zuzulegen, den Sie bei der Entwicklung Ihrer Charaktere „abarbeiten“ können. Meiner sieht so aus:

1. Welche besonderen Talente oder Fähigkeiten hat die Figur?
2. Hat die Figur irgendeinen Makel? Gibt es wichtige Dinge, die sie nicht kann?
3. Was bzw. welche Dinge mag die Figur?
4. Was bzw. welche Dinge verabscheut die Figur?
5. Womit beschäftigt sich die Figur meistens?
6. Wie sieht der normale Tagesablauf der Figur aus? Wie verbringt die Figur ihre Zeit?
7. Hat die Figur Freunde? Wenn ja, was tun die? Und warum sind sie miteinander befreundet? 8. Wie sieht die Figur aus?
9. Hat die Figur irgendwelche äußerlichen Eigenheiten oder Manierismen?
10. Wie spricht die Figur? Wie unterscheidet sich ihre Sprechweise bzw. Sprache von der anderer Menschen?

Dieser Fragebogen funktioniert für mich. Kann sein, dass Sie einen anderen benötigen, vielleicht einen mit mehr oder einen mit weniger Fragen. Das müssen Sie selbst herausfinden, und das werden Sie ziemlich schnell, wenn sie anfangen, sich ausführlich mit der Erfindung von Charakteren zu befassen.
Abschließend möchte ich noch vor einem beliebten Fehler warnen: Auch wenn man sich noch so viel Mühe bei der Ausgestaltung seiner Figuren gegeben hat, in das fertige „literarische Endprodukt“ (die Erzählung, der Roman, das Theaterstück, das Drehbuch) gehören diese Details meist nicht hinein, weil sie vom wesentlichen, nämlich der Handlung, ablenken würden. Nehmen Sie beispielsweise einen beliebigen Roman von Raymond Chandler und versuchen Sie, alle Fragen meines Fragebogens für Philip Marlowe anhand dieses Romans zu beantworten. Es wird ihnen nicht gelingen. Die Antworten auf alle Fragen des Fragebogens kennt nur Marlowes Schöpfer Raymond Chandler, und das ist auch gut so. Eine fiktive Figur lernen wir am Besten über ihre Taten kennen. Die Taten dieser Figur kann ihr Erfinder aber nur adäquat aufschreiben, wenn er die Hintergründe der Figur kennt.

8.12.05

Was tun, wenn's fertig ist?

Gerade wurde der Moment Wirklichkeit, von dem Sie Tage, Monate oder gar Jahre geträumt haben. Sie haben das Wort „Ende“ getippt, sie sind mit der Rohfassung eines Schreibprojekts fertig geworden. Jetzt ist genau der Zeitpunkt, ein Fläschchen Sekt zu öffnen, den Stapel Papier in die Hand zu nehmen und das Ergebnis gebührend zu feiern.
Aber wenn Sie ein oder zwei Tage später ihr Manuskript wieder zur Hand nehmen, entdecken Sie unter Garantie einige Ungereimtheiten und Fehler. Hier ein übersehener Tippfehler, dort eine etwas holprige Formulierung... Ihnen wird klar, dass doch noch etwas Arbeit vor Ihnen liegt.
Machen Sie sich nichts draus. Der Schriftsteller, der die perfekte 1. Fassung schreibt, muss noch geboren werden. „Schreiben ist in erster Linie Umschreiben“, sagte mal ein schlauer Mensch. Und Ernest Hemingway wurde mal über seinen Tagesablauf gefragt. „Vormittags schreibe ich“, sagte er, und als er gefragt wurde, was er nachmittags tue, antwortete er gelassen: „Da streiche ich durch, was ich Vormittags geschrieben habe.“
Wenn es Sie nun in den Fingern juckt, die Fehler sofort auszumerzen, die Sie gerade in Ihrer Rohfassung entdeckt haben, dann setzen Sie sich erstmal auf Ihre Hände, damit Sie nicht sofort loslegen. Das wäre nämlich viel zu früh, weil Sie nicht genug Fehler entdecken würden. Sie brauchen Zeit, um Ihr Werk mit etwas Abstand betrachten zu können. Geben Sie sich mindestens 14 Tage, auch wenn es schwer fällt.
Dann nehmen Sie sich ihr Manuskript wieder vor, lesen es in aller Ruhe genauestens durch und markieren alles, was Ihnen verbesserungswürdig erscheint. Dann lesen Sie es in aller Ruhe noch einmal genauestens durch und markieren alles, was Sie eben übersehen haben. Zu Ihrem eigenen Erstaunen werden Sie auch bei einem dritten Durchgang noch Fehler und Verbesserungswürdiges entdecken. Aber zwei bis dreimal ist wirklich genug, jetzt sollten Sie Ihre Rohfassung überarbeiten.
Das wird Ihnen vermutlich relativ flott von der Hand gehen. Und wenn Sie jetzt wissen möchten, was andere Menschen von Ihrer literarischen Arbeit halten, dann sollten Sie Ihr Manuskript jetzt einigen Menschen aus Ihrem Freundeskreis zu lesen geben und diese Menschen bitten, Ihnen nach der Lektüre zu sagen, was sie von Ihrer Arbeit denken.
Das kann ziemlich stressig für Sie werden, denn wenn diese Menschen wirklich Ihre Freunde sind, dann werden Sie mit Kritik nicht sparen. Denn das, was Sie Ihren Freunden gerade servieren wird immer noch ziemlich viele Fehler enthalten, viele Passagen werden immer noch verbesserungsbedürftig sein und zahlreiche Dinge werden sich dem Leser noch nicht erschließen. Ärgern Sie sich nicht, regen Sie sich nur nicht auf. Das geht 99% aller Autoren so. Nur wer nicht schreibt, macht keine Fehler.
Vor allen Dingen: wenn jemand Ihr Werk kritisiert, verteidigen Sie es nicht! Auch wenn es schwer fällt. Hören Sie dem Kritiker genau zu, machen Sie sich Notizen und überlegen Sie sich nach dem Gespräch, ob er möglicherweise nicht doch recht gehabt hat, auch wenn Sie ihm auf der Stelle widersprechen möchten, um Ihr Werk zu verteidigen. Denken Sie daran: Sollte Ihr Werk einmal gedruckt und veröffentlicht werden, dann können Sie auch nicht jedes einzelne Exemplar begleiten, um es Begriffsstutzigen zu erklären und gegenüber Kritikern zu verteidigen. Ihr Werk muss für sich selbst sprechen.
Deshalb hören Sie gut zu, wenn andere Menschen Ihre Arbeit kritisieren und widersprechen Sie – vorerst – nicht, auch wenn's möglicherweise wehtut. Schreiben Sie sich auf, was die Menschen über Ihre Arbeit zu sagen haben, tragen Sie es nach Hause, atmen Sie tief durch und überlegen Sie sich dann, welche Teile der Kritik Sie annehmen werden und welche nicht.
Einiges, was Sie zu hören bekommen werden, werden Sie nämlich auch ignorieren müssen. Kritik beispielsweise, die zu sehr vom persönlichen Geschmack des Kritisierenden geprägt sind („Ich bitte dich, lass diese Witze über Hertha BSC weg. Ich bin Hertha-Fan, sowas tut mir nur weh!“), können Sie getrost ignorieren. Wenn Sie jedoch von mehreren Leuten dasselbe hören („Lass ein paar von den Hertha-Witzen weg. Es sind einfach zuviele.“), dann handelt es sich mit Sicherheit um keine Geschmacksfrage, sondern um ein Problem, um das Sie sich kümmern müssen.
Wie gesagt, es ist Ihr Werk und damit auch Ihre Entscheidung, welche Kritik Sie akzeptieren und welche nicht. Sie dürfen nicht zu zimperlich sein, wenn es darum geht, konstruktive Kritik wegzustecken, Sie müssen aber auch die nicht-konstruktive Kritik aussondern können.
Am Besten verarbeiten Sie die Kritik an Ihrer Arbeit, in dem Sie sich möglichst schnell Gedanken machen, wie Sie die Kritik am Besten umsetzen können. Die Kritiker haben es leicht: Sie äußern schwuppdiwupp ihre Meinung und sind fertig. Für Sie als Autor bedeutet das – selbstverständlich nur, wenn die Kritik berechtigt ist – eine Menge Arbeit. Aber eine Arbeit, die Ihnen Spaß machen wird, denn sie kann ja im Bewusstsein geschehen, dass Ihr Text dadurch tatsächlich besser, möglicherweise viel besser wird. Und eine solche Gelegenheit sollte sich kein Autor entgehen lassen.
Sie haben jetzt also die dritte Fassung Ihres Textes geschrieben, bereits die zweite Fassung des Textes, nachdem Sie „Ende“ getippt haben und „fertig“ waren. Merken Sie was? Man wird eigentlich nie „fertig“ mit einem Text. Und in diese Gefahr laufen Sie spätestens ab der dritten bis vierten Fassung: dass ein Text niemals fertig wird, auf ewig seinen „Werkstatt-Charakter“ behält. Wann Schluß ist, diese Entscheidung müssen wiederum Sie allein treffen. Irgendwann müssen Sie sagen: „So, besser geht es nicht. Alles, was ich jetzt noch mache, verschlechtert den Text möglicherweise genauso, wie es ihn verbessern könnte. Okay, das war's!“
Denken Sie beim Überarbeiten immer daran: Der perfekte Text ist eine Utopie. Man kann danach streben, aber man kann es nicht erreichen.