16.11.05

Notizen

Wenn Sie erfolgreich schreiben wollen, müssen Sie sich Notizen machen. Ständig. Jederzeit kann der göttliche Funke der Inspiration zuschlagen und Sie mit einer Idee, einer besonders gelungenen Formulierung einer überraschenden Plot-Wendung o. ä. segnen. Derartige Ideen müssen sofort notiert werden, denn so spontan, wie die Idee gekommen ist, so spontan vergisst man sie auch wieder. Meistens schneller als man denkt. Ich bin davon überzeugt, dass der GDGR (Grosse Deutsche Gegenwarts-Roman) nur deshalb bisher nicht geschrieben wurde, weil er andauernd nur Leuten einfällt, die nichts zu Schreiben dabei haben.
Schreiben ist zunächst einmal eine Mentalität, dann erst ist es eine handwerkliche oder gar künstlerische Tätigkeit. Wenn Sie anfangen zu schreiben werden sie überrascht feststellen, wie viel Anlässe zum Schreiben es gibt. Wenn Sie regelmäßig schreiben, sind Ihre Augen und Ohren ständig „auf Empfang“ geschaltet. Sie werden überall Erzählenswertes entdecken: interessante Situationen, faszinierende Typen, gelungene Redewendungen... die Welt ist voll von Dingen, die erzählt werden können und müssen. Und wenn Sie auch nur einen Bruchteil davon erzählen wollen, müssen Sie sich das alles notieren. Spätestens wenn Sie am Schreibtisch sitzen und sich krampfhaft daran zu erinnern versuchen, was dieser hochinteressante Typ (Wie hieß er doch gleich?) vor drei Tagen (oder waren es 4) am Nebentisch im Café vom Pergamon-Museum (oder war's im Foyer vom Cubix-Kino?) so lautstark erzählt hat, Sie hätten sich ausschütten können vor Lachen und haben noch gedacht: das ist es! Das kann ich beinahe wörtlich so verwenden... Wenn Sie es sich nicht notiert haben, dann haben Sie Pech gehabt. Dann ist es weg. Wenn Sie es sich notiert haben, dann können Sie es jetzt in Form bringen und in ihr aktuelles Schreibprojekt einarbeiten.
Vielleicht kommen Sie jetzt auf die Idee, zu fragen, ob man so etwas überhaupt darf. Ist das nicht beinahe schon ein Plagiat? Das ist es nicht. Kein Schriftsteller erfindet seine ganzen Geschichten am Schreibtisch (okay, die eine oder andere vielleicht schon), wir alle lassen uns von persönlichen Erlebnissen und Beobachtungen, der Zeitungslektüre, zufällig aufgeschnappten Anekdoten usw. inspirieren. Ein Meister darin, Realität in Literatur zu verwandeln war übrigens Thomas Mann. All seine Romane und Novellen und die meisten seiner Figuren fußen auf dem „richtigen Leben“. Wenn man Manns Tagebücher liest, stellt man fest, dass er ständig Knies mit Verwandten oder Freunden hatte, die sich zu ihrer Überraschung als Figur oder mit einem Erlebnis in einem seiner Bücher wieder fanden. Nach der Lektüre des „Zauberberg“ hat beispielsweise Gerhart Hauptmann („Mijnheer Pepperkorn“ im Zauberberg) jahrelang nicht mit TM geredet.
Also: die klügsten Autoren haben die dicksten Notizblöcke!

Keine Kommentare: