18.11.05

Die innere Stimme

Wenn Sie schreiben, sind Sie niemals ganz allein. Während Sie Ihre Gedanken und Erlebnisse zu Papier bringen, liest in Ihrem Inneren jemand mit, der sich alsbald zu Wort meldet und das, was Sie da gerade zu Papier bringen, bewertet. Diese „Innere Stimme“, die Sie unfehlbar hören werden, wenn Sie etwas schreiben, wird Ihnen möglicherweise ganz nützlich vorkommen. „Das ist doch prima, dass ich eine gewissen Distanz zu meiner Schreiberei bewahren kann. Ich finde das wichtig, dass man seinen Sachen selbstkritisch gegenüber steht, sagen Sie vielleicht.“
Nichts gegen eine gesunde Portion Selbstkritik: die gehört zum Schreiben wie die Textverarbeitung oder der Notizblock. Wichtig bei der Selbstkritik ist jedoch, daß es sich wirklich nur um eine gesunde Portion handelt. Hören Sie Ihrer inneren Stimme, mit der Sie selbst Ihre Arbeit zu kritisieren pflegen, mal ein paar Tage lang intensiv zu. Kommt da auch mal was Positives? Oder nörgelt die innere Stimme an allen Ihren Ideen, an allem, was Sie schreiben, nur herum?
Wenn das der Fall ist, sollten Sie Ihrer inneren Stimme für eine Weile mit Vorsicht begegnen. Denn so wichtig die erwähnte gesunde Portion Selbstkritik sein kann, so gefährlich kann übertriebene Selbstkritik sein. Damit zensieren Sie sich selbst, ersticken möglicherweise gute Ideen bereits im Keim: „Das ist doch Quatsch, das merk ich jetzt schon!“ Merken Sie wirklich jetzt schon, dass das Quatsch ist? Oder sind es Bequemlichkeit und Angst, die Sie schon im Vorfeld daran hindern wollen, ausgelatschte Pfade zu verlassen, um unbekanntes Terrain zu erkunden?
Genau das darf nicht geschehen. Es ist eine Ihrer Aufgaben als Autor, stets offen für neue Gedanken und neue Möglichkeiten in Ihrem Schreiben zu sein. Wenn die innere Stimme zum Zensor wird, der Ihre Kreativität und Neugier abwürgt, dann sollten Sie dieser Form derSelbstkritik ab sofort kritisch gegenüber stehen.
Warum schreiben Sie nicht mal einen Tag lang auf, was Ihre innere Stimme Ihnen so alles erzählt? Lassen Sie dieses „Protokoll“ einen oder zwei Tage lang liegen und lesen Sie es sich dann gelassen durch. Durch diesen zeitlichen Abstand werden Sie sofort erkennen, ob Ihre Selbstkritik tatsächlich Bestand hat, oder ob in Ihrem Innern ein Verhinderer am Werk ist. Und wenn der Verhinderer am Werk ist, müssen Sie umgehend beginnen, ihn zu bekämpfen. Hören Sie ihm nicht mehr zu. Achten Sie eine Weile nicht mehr auf Ihre Stimme, während Sie schreiben. Und selbst wenn es Unsinn ist, was Sie in dieser Zeit schreiben, na und? Es haben schon ganz andere Leute gröbsten Unfug geschrieben und dafür Literaturpreise erhalten.
Strafen Sie Ihre innere Stimme für eine Weile mit Verachtung. Das erträgt sie nicht. Unser aller innere Stimmen brauchen uns selbst als Publikum. Bleiben Sie hart. Ihre innere Stimme wird binnen weniger Tage reagieren und sich in einem anderen Tonfall wieder melden. Mit konstruktiverer Kritik, die Sie tatsächlich bei der Schreibarbeit weiterbringt.

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