12.12.05

Charaktere

Viele wenn nicht gar die meisten Erzählungen, Novellen und Romane ziehen uns durch die in ihnen geschilderten Charaktere in ihren Bann.
Ob das nun bis ins letzte Details geht, wie beispielsweise bei Thomas Mann, der uns in den „Buddenbrooks" sogar noch sagt, was an Herrn Permaneders Uhrkette so alles herumhängt, oder ob der Autor einen Charakter durch „Weglassen“ erschafft, wie Raymond Chandler seinen Helden Philip Marlowe, über den wir in den ganzen Chandler-Romanen im Prinzip genau nichts und letztlich beinahe alles erfahren, die handelnden Figuren sind es, die uns in eine Erzählung „hinein ziehen“.
Wie erschafft man nun als Autor derart plastische Charaktere, die für den Leser zum Leben erwachen? Dies hängt – wie immer – vom jeweiligen Autor ab, es gibt aber eine Methode, die für 99% aller Autoren funktionieren kann (nicht muss, ebenfalls wie immer).
Die lebendigsten Charaktere erhält man, wenn man sie kreiert, bevor man die Handlung erfindet. Wenn Sie eine ungefähre Idee für ein Thema haben („Ich würde gern eine Geschichte über die Eifersucht schreiben.“) und ebenso ungefähr wissen, was in ihrer Geschichte ablaufen könnte („Ich könnte das Thema anhand eines Geschwisterpaares abhandeln, das sich ständig gegenseitig zu übertrumpfen versucht und sich dabei beinahe zugrunde richtet.“), dann ist haargenau der Moment gekommen, an dem Sie anfangen sollten, Ihre handelnden Figuren zu erschaffen!
„Was? So früh? Das ist doch zu früh!“ sagen Sie vielleicht, „Ich muss doch erst wissen, was passieren soll, damit ich meine Figuren entsprechend 'ausstatten' kann.“ Gut, das ist eine Möglichkeit. Viel lohnender und vor allen Dingen einfacher ist es, die Figuren zuerst auszustatten, denn dann werden Ihre Figuren Ihnen sagen, wie die Handlung sich entwickeln kann.
Es ist sogar – meiner Meinung nach – geradezu von Übel, die Handlung vor der Entwicklung der Figuren zu sehr auszuarbeiten. Gut erfundene Figuren entwickeln nämlich meist ein erstaunlich agiles Eigenleben und können sich verblüffend standhaft weigern, eine ihnen nicht genehme Handlungswendung zu vollziehen.
Vielleicht finden Sie es – wie ich – nützlich, sich einen kleinen Fragebogen zuzulegen, den Sie bei der Entwicklung Ihrer Charaktere „abarbeiten“ können. Meiner sieht so aus:

1. Welche besonderen Talente oder Fähigkeiten hat die Figur?
2. Hat die Figur irgendeinen Makel? Gibt es wichtige Dinge, die sie nicht kann?
3. Was bzw. welche Dinge mag die Figur?
4. Was bzw. welche Dinge verabscheut die Figur?
5. Womit beschäftigt sich die Figur meistens?
6. Wie sieht der normale Tagesablauf der Figur aus? Wie verbringt die Figur ihre Zeit?
7. Hat die Figur Freunde? Wenn ja, was tun die? Und warum sind sie miteinander befreundet? 8. Wie sieht die Figur aus?
9. Hat die Figur irgendwelche äußerlichen Eigenheiten oder Manierismen?
10. Wie spricht die Figur? Wie unterscheidet sich ihre Sprechweise bzw. Sprache von der anderer Menschen?

Dieser Fragebogen funktioniert für mich. Kann sein, dass Sie einen anderen benötigen, vielleicht einen mit mehr oder einen mit weniger Fragen. Das müssen Sie selbst herausfinden, und das werden Sie ziemlich schnell, wenn sie anfangen, sich ausführlich mit der Erfindung von Charakteren zu befassen.
Abschließend möchte ich noch vor einem beliebten Fehler warnen: Auch wenn man sich noch so viel Mühe bei der Ausgestaltung seiner Figuren gegeben hat, in das fertige „literarische Endprodukt“ (die Erzählung, der Roman, das Theaterstück, das Drehbuch) gehören diese Details meist nicht hinein, weil sie vom wesentlichen, nämlich der Handlung, ablenken würden. Nehmen Sie beispielsweise einen beliebigen Roman von Raymond Chandler und versuchen Sie, alle Fragen meines Fragebogens für Philip Marlowe anhand dieses Romans zu beantworten. Es wird ihnen nicht gelingen. Die Antworten auf alle Fragen des Fragebogens kennt nur Marlowes Schöpfer Raymond Chandler, und das ist auch gut so. Eine fiktive Figur lernen wir am Besten über ihre Taten kennen. Die Taten dieser Figur kann ihr Erfinder aber nur adäquat aufschreiben, wenn er die Hintergründe der Figur kennt.

8.12.05

Was tun, wenn's fertig ist?

Gerade wurde der Moment Wirklichkeit, von dem Sie Tage, Monate oder gar Jahre geträumt haben. Sie haben das Wort „Ende“ getippt, sie sind mit der Rohfassung eines Schreibprojekts fertig geworden. Jetzt ist genau der Zeitpunkt, ein Fläschchen Sekt zu öffnen, den Stapel Papier in die Hand zu nehmen und das Ergebnis gebührend zu feiern.
Aber wenn Sie ein oder zwei Tage später ihr Manuskript wieder zur Hand nehmen, entdecken Sie unter Garantie einige Ungereimtheiten und Fehler. Hier ein übersehener Tippfehler, dort eine etwas holprige Formulierung... Ihnen wird klar, dass doch noch etwas Arbeit vor Ihnen liegt.
Machen Sie sich nichts draus. Der Schriftsteller, der die perfekte 1. Fassung schreibt, muss noch geboren werden. „Schreiben ist in erster Linie Umschreiben“, sagte mal ein schlauer Mensch. Und Ernest Hemingway wurde mal über seinen Tagesablauf gefragt. „Vormittags schreibe ich“, sagte er, und als er gefragt wurde, was er nachmittags tue, antwortete er gelassen: „Da streiche ich durch, was ich Vormittags geschrieben habe.“
Wenn es Sie nun in den Fingern juckt, die Fehler sofort auszumerzen, die Sie gerade in Ihrer Rohfassung entdeckt haben, dann setzen Sie sich erstmal auf Ihre Hände, damit Sie nicht sofort loslegen. Das wäre nämlich viel zu früh, weil Sie nicht genug Fehler entdecken würden. Sie brauchen Zeit, um Ihr Werk mit etwas Abstand betrachten zu können. Geben Sie sich mindestens 14 Tage, auch wenn es schwer fällt.
Dann nehmen Sie sich ihr Manuskript wieder vor, lesen es in aller Ruhe genauestens durch und markieren alles, was Ihnen verbesserungswürdig erscheint. Dann lesen Sie es in aller Ruhe noch einmal genauestens durch und markieren alles, was Sie eben übersehen haben. Zu Ihrem eigenen Erstaunen werden Sie auch bei einem dritten Durchgang noch Fehler und Verbesserungswürdiges entdecken. Aber zwei bis dreimal ist wirklich genug, jetzt sollten Sie Ihre Rohfassung überarbeiten.
Das wird Ihnen vermutlich relativ flott von der Hand gehen. Und wenn Sie jetzt wissen möchten, was andere Menschen von Ihrer literarischen Arbeit halten, dann sollten Sie Ihr Manuskript jetzt einigen Menschen aus Ihrem Freundeskreis zu lesen geben und diese Menschen bitten, Ihnen nach der Lektüre zu sagen, was sie von Ihrer Arbeit denken.
Das kann ziemlich stressig für Sie werden, denn wenn diese Menschen wirklich Ihre Freunde sind, dann werden Sie mit Kritik nicht sparen. Denn das, was Sie Ihren Freunden gerade servieren wird immer noch ziemlich viele Fehler enthalten, viele Passagen werden immer noch verbesserungsbedürftig sein und zahlreiche Dinge werden sich dem Leser noch nicht erschließen. Ärgern Sie sich nicht, regen Sie sich nur nicht auf. Das geht 99% aller Autoren so. Nur wer nicht schreibt, macht keine Fehler.
Vor allen Dingen: wenn jemand Ihr Werk kritisiert, verteidigen Sie es nicht! Auch wenn es schwer fällt. Hören Sie dem Kritiker genau zu, machen Sie sich Notizen und überlegen Sie sich nach dem Gespräch, ob er möglicherweise nicht doch recht gehabt hat, auch wenn Sie ihm auf der Stelle widersprechen möchten, um Ihr Werk zu verteidigen. Denken Sie daran: Sollte Ihr Werk einmal gedruckt und veröffentlicht werden, dann können Sie auch nicht jedes einzelne Exemplar begleiten, um es Begriffsstutzigen zu erklären und gegenüber Kritikern zu verteidigen. Ihr Werk muss für sich selbst sprechen.
Deshalb hören Sie gut zu, wenn andere Menschen Ihre Arbeit kritisieren und widersprechen Sie – vorerst – nicht, auch wenn's möglicherweise wehtut. Schreiben Sie sich auf, was die Menschen über Ihre Arbeit zu sagen haben, tragen Sie es nach Hause, atmen Sie tief durch und überlegen Sie sich dann, welche Teile der Kritik Sie annehmen werden und welche nicht.
Einiges, was Sie zu hören bekommen werden, werden Sie nämlich auch ignorieren müssen. Kritik beispielsweise, die zu sehr vom persönlichen Geschmack des Kritisierenden geprägt sind („Ich bitte dich, lass diese Witze über Hertha BSC weg. Ich bin Hertha-Fan, sowas tut mir nur weh!“), können Sie getrost ignorieren. Wenn Sie jedoch von mehreren Leuten dasselbe hören („Lass ein paar von den Hertha-Witzen weg. Es sind einfach zuviele.“), dann handelt es sich mit Sicherheit um keine Geschmacksfrage, sondern um ein Problem, um das Sie sich kümmern müssen.
Wie gesagt, es ist Ihr Werk und damit auch Ihre Entscheidung, welche Kritik Sie akzeptieren und welche nicht. Sie dürfen nicht zu zimperlich sein, wenn es darum geht, konstruktive Kritik wegzustecken, Sie müssen aber auch die nicht-konstruktive Kritik aussondern können.
Am Besten verarbeiten Sie die Kritik an Ihrer Arbeit, in dem Sie sich möglichst schnell Gedanken machen, wie Sie die Kritik am Besten umsetzen können. Die Kritiker haben es leicht: Sie äußern schwuppdiwupp ihre Meinung und sind fertig. Für Sie als Autor bedeutet das – selbstverständlich nur, wenn die Kritik berechtigt ist – eine Menge Arbeit. Aber eine Arbeit, die Ihnen Spaß machen wird, denn sie kann ja im Bewusstsein geschehen, dass Ihr Text dadurch tatsächlich besser, möglicherweise viel besser wird. Und eine solche Gelegenheit sollte sich kein Autor entgehen lassen.
Sie haben jetzt also die dritte Fassung Ihres Textes geschrieben, bereits die zweite Fassung des Textes, nachdem Sie „Ende“ getippt haben und „fertig“ waren. Merken Sie was? Man wird eigentlich nie „fertig“ mit einem Text. Und in diese Gefahr laufen Sie spätestens ab der dritten bis vierten Fassung: dass ein Text niemals fertig wird, auf ewig seinen „Werkstatt-Charakter“ behält. Wann Schluß ist, diese Entscheidung müssen wiederum Sie allein treffen. Irgendwann müssen Sie sagen: „So, besser geht es nicht. Alles, was ich jetzt noch mache, verschlechtert den Text möglicherweise genauso, wie es ihn verbessern könnte. Okay, das war's!“
Denken Sie beim Überarbeiten immer daran: Der perfekte Text ist eine Utopie. Man kann danach streben, aber man kann es nicht erreichen.


28.11.05

Täglich Schreiben

Schreiben ist ein Handwerk, das auf die Dauer nur derjenige oder diejenige beherrscht, der dem Schreiben täglich nachgeht. Es ist durchaus beispielsweise dem Klavierspielen vergleichbar, von dem Franz Liszt einmal sagte: „Wenn ich einen Tag lang nicht übe, merke ich es. Wenn ich zwei Tage lang nicht übe, merken es meine Freunde. Wenn ich drei Tage lang nicht übe, merkt es das Publikum.“ Ähnlich verhält es sich mit dem Handwerk des Schreibens.
Nur wer täglich schreibt, wird – möglicherweise langsam, aber sicherlich sicher – ein Meister seines Fachs werden. Für denjenigen, der nicht täglich arbeitet, wird die Schreibhemmung möglicherweise ein ständiger Begleiter sein. Er wird Schwierigkeiten haben, „in Schwung“ zu kommen, da Schreiben für ihn immer etwas „besonderes“ sein wird, nicht die tägliche, mühe- aber auch freudevolle Auseinandersetzung mit einer vollkommen normalen Arbeitssituation.
Machen Sie die Probe aufs Exempel: Nehmen Sie sich vor, in ca. 5 Tagen eine Kurzgeschichte niederzuschreiben. Wenn Sie diesen Entschluß gefaßt und sich ein Datum für die Niederschrift gesetzt haben, beginnen Sie, täglich schreibend an dieser Geschichte zu arbeiten: Machen Sie sich Notizen. Probieren Sie verschiedene Anfänge und Schlüsse schriftlich aus. Schreiben Sie Charakteristiken der Haupt- und Nebenfiguren. Entwerfen Sie das Handlungsgerüst und arbeiten Sie es aus. Recherchieren Sie Details, die der Erzählung Farbe verleihen und schreiben Sie sie auf. Wenn Sie 4 Tage lang täglich auch nur eine halbe Stunde an dieser Geschichte gearbeitet haben, werden Sie sich am fünften Tage an den Schreibtisch setzen und eine Story förmlich zu Papier schmettern, die sich gewaschen hat. Weil Sie einerseits optimal vorbereitet sind, weil sie andererseits aber auch durch Ihre tägliche Tätigkeit das Schreiben zu einer vollkommen normalen Tätigkeit geworden ist.

18.11.05

Die innere Stimme

Wenn Sie schreiben, sind Sie niemals ganz allein. Während Sie Ihre Gedanken und Erlebnisse zu Papier bringen, liest in Ihrem Inneren jemand mit, der sich alsbald zu Wort meldet und das, was Sie da gerade zu Papier bringen, bewertet. Diese „Innere Stimme“, die Sie unfehlbar hören werden, wenn Sie etwas schreiben, wird Ihnen möglicherweise ganz nützlich vorkommen. „Das ist doch prima, dass ich eine gewissen Distanz zu meiner Schreiberei bewahren kann. Ich finde das wichtig, dass man seinen Sachen selbstkritisch gegenüber steht, sagen Sie vielleicht.“
Nichts gegen eine gesunde Portion Selbstkritik: die gehört zum Schreiben wie die Textverarbeitung oder der Notizblock. Wichtig bei der Selbstkritik ist jedoch, daß es sich wirklich nur um eine gesunde Portion handelt. Hören Sie Ihrer inneren Stimme, mit der Sie selbst Ihre Arbeit zu kritisieren pflegen, mal ein paar Tage lang intensiv zu. Kommt da auch mal was Positives? Oder nörgelt die innere Stimme an allen Ihren Ideen, an allem, was Sie schreiben, nur herum?
Wenn das der Fall ist, sollten Sie Ihrer inneren Stimme für eine Weile mit Vorsicht begegnen. Denn so wichtig die erwähnte gesunde Portion Selbstkritik sein kann, so gefährlich kann übertriebene Selbstkritik sein. Damit zensieren Sie sich selbst, ersticken möglicherweise gute Ideen bereits im Keim: „Das ist doch Quatsch, das merk ich jetzt schon!“ Merken Sie wirklich jetzt schon, dass das Quatsch ist? Oder sind es Bequemlichkeit und Angst, die Sie schon im Vorfeld daran hindern wollen, ausgelatschte Pfade zu verlassen, um unbekanntes Terrain zu erkunden?
Genau das darf nicht geschehen. Es ist eine Ihrer Aufgaben als Autor, stets offen für neue Gedanken und neue Möglichkeiten in Ihrem Schreiben zu sein. Wenn die innere Stimme zum Zensor wird, der Ihre Kreativität und Neugier abwürgt, dann sollten Sie dieser Form derSelbstkritik ab sofort kritisch gegenüber stehen.
Warum schreiben Sie nicht mal einen Tag lang auf, was Ihre innere Stimme Ihnen so alles erzählt? Lassen Sie dieses „Protokoll“ einen oder zwei Tage lang liegen und lesen Sie es sich dann gelassen durch. Durch diesen zeitlichen Abstand werden Sie sofort erkennen, ob Ihre Selbstkritik tatsächlich Bestand hat, oder ob in Ihrem Innern ein Verhinderer am Werk ist. Und wenn der Verhinderer am Werk ist, müssen Sie umgehend beginnen, ihn zu bekämpfen. Hören Sie ihm nicht mehr zu. Achten Sie eine Weile nicht mehr auf Ihre Stimme, während Sie schreiben. Und selbst wenn es Unsinn ist, was Sie in dieser Zeit schreiben, na und? Es haben schon ganz andere Leute gröbsten Unfug geschrieben und dafür Literaturpreise erhalten.
Strafen Sie Ihre innere Stimme für eine Weile mit Verachtung. Das erträgt sie nicht. Unser aller innere Stimmen brauchen uns selbst als Publikum. Bleiben Sie hart. Ihre innere Stimme wird binnen weniger Tage reagieren und sich in einem anderen Tonfall wieder melden. Mit konstruktiverer Kritik, die Sie tatsächlich bei der Schreibarbeit weiterbringt.

16.11.05

Karteikarten

Wenn Sie einen Autor fragen, welches sein wichtigstes Werkzeug oder Arbeitsmittel ist, wird er sie mit Sicherheit nicht nennen. Wenn Sie ihn und seine Kollegen jedoch nach ihren fünf oder zehn wichtigsten Werkzeugen fragen, wird sie mit Sicherheit in jeder Top-Ten-Liste auftauchen: die Rede ist von der guten, alten Karteikarte. Alle Autoren, die ich kenne, benutzen in der einen oder anderen Form Karteikarten. Es gibt mittlerweile sogar Programme für den PC, mit denen sich die Karteikarten-Verwendung simulieren lässt. Warum sind Karteikarten bei Autoren so beliebt? Die – vielleicht – verblüffende Antwort lautet: weil man sie so gut sortieren kann. Wenn bei einem Schreibprojekt die Zeit gekommen ist, die Stoffsammlung abzuschließen und die gesammelten Materialien zu strukturieren, kann man dies ungeheuer effektiv mit Karteikarten bewerkstelligen. Ein Beispiel aus meiner Praxis: wenn ich ein Theaterstück, ein Musical oder ein Kabarett-Programm schreibe, bekommt jede Szene eine eigene Karteikarte (Sprechszenen und Songs bekommen übrigens Karten in verschiedenen Farben, damit man sie leicht unterscheiden kann). Auf jede Karteikarte notiere ich alles, was ich in der jeweiligen Szene abhandeln muss/möchte und was mir jetzt schon an Dialog- bzw. Songtext-Ideen kommt. Während des Arbeitens liegen sämtliche Karteikarten auf einem großen Tisch vor mir, ich muss also nicht linear arbeiten, sondern kann wunderbar zwischen den einzelnen Szenen hin und her springen. Schließlich kann ich die Reihenfolge der Szenen mühelos verändern, in dem ich sie einfach hin und her schiebe. Ich kann problemlos Dinge ausprobieren, Szenen in umgekehrter Reihenfolge ablaufen lassen, Szenen weglassen, neue Szenen einbauen, und das schönste von allem ist, daß es ungeheuer anschaulich abläuft. Es ist, als würde man ein Theaterstück mit einem Baukasten zusammenbauen.
Natürlich läßt sich das von mir skizzierte System noch unendlich verfeinern. Ich beispielsweise verwende Din-A5 Karteikarten für die einzelnen Szenen. Dann habe ich noch kleinere Karteikarten in verschiedenen Farben, die mit Büroklammern mit den großen verbunden werden. Karten für die einzelnen Figuren, auf denen schon Dialogsätze notiert werden können, Karten für die verschiedenen Wendepunkte des Plots, Karten für inhaltliche oder handlungstechnische Exkurse... die Möglichkeiten sind endlos. Und alle Systeme, die man auf Karteikartenbasis entwickelt, sind unendlich flexibel. Um sie zu verändern, braucht man nur... na? Richtig: ein paar zusätzliche Karteikarten!
Probieren Sie noch heute aus, mit Karteikarten zu arbeiten. Konzipieren Sie ein Projekt auf Karteikarten und versuchen Sie anschließend – oder vorher, wie Sie möchten – , das gleiche mit Stift und Papier oder am Computer mit einer Textverarbeitung. Sie werden schnell feststellen, daß Sie mehr mit durchstreichen und korrigieren beschäftigt sind, als mit dem Strukturieren ihrer Ideen. Wer einmal Karteikarten benutzt hat, benutzt sie immer wieder.

Notizen

Wenn Sie erfolgreich schreiben wollen, müssen Sie sich Notizen machen. Ständig. Jederzeit kann der göttliche Funke der Inspiration zuschlagen und Sie mit einer Idee, einer besonders gelungenen Formulierung einer überraschenden Plot-Wendung o. ä. segnen. Derartige Ideen müssen sofort notiert werden, denn so spontan, wie die Idee gekommen ist, so spontan vergisst man sie auch wieder. Meistens schneller als man denkt. Ich bin davon überzeugt, dass der GDGR (Grosse Deutsche Gegenwarts-Roman) nur deshalb bisher nicht geschrieben wurde, weil er andauernd nur Leuten einfällt, die nichts zu Schreiben dabei haben.
Schreiben ist zunächst einmal eine Mentalität, dann erst ist es eine handwerkliche oder gar künstlerische Tätigkeit. Wenn Sie anfangen zu schreiben werden sie überrascht feststellen, wie viel Anlässe zum Schreiben es gibt. Wenn Sie regelmäßig schreiben, sind Ihre Augen und Ohren ständig „auf Empfang“ geschaltet. Sie werden überall Erzählenswertes entdecken: interessante Situationen, faszinierende Typen, gelungene Redewendungen... die Welt ist voll von Dingen, die erzählt werden können und müssen. Und wenn Sie auch nur einen Bruchteil davon erzählen wollen, müssen Sie sich das alles notieren. Spätestens wenn Sie am Schreibtisch sitzen und sich krampfhaft daran zu erinnern versuchen, was dieser hochinteressante Typ (Wie hieß er doch gleich?) vor drei Tagen (oder waren es 4) am Nebentisch im Café vom Pergamon-Museum (oder war's im Foyer vom Cubix-Kino?) so lautstark erzählt hat, Sie hätten sich ausschütten können vor Lachen und haben noch gedacht: das ist es! Das kann ich beinahe wörtlich so verwenden... Wenn Sie es sich nicht notiert haben, dann haben Sie Pech gehabt. Dann ist es weg. Wenn Sie es sich notiert haben, dann können Sie es jetzt in Form bringen und in ihr aktuelles Schreibprojekt einarbeiten.
Vielleicht kommen Sie jetzt auf die Idee, zu fragen, ob man so etwas überhaupt darf. Ist das nicht beinahe schon ein Plagiat? Das ist es nicht. Kein Schriftsteller erfindet seine ganzen Geschichten am Schreibtisch (okay, die eine oder andere vielleicht schon), wir alle lassen uns von persönlichen Erlebnissen und Beobachtungen, der Zeitungslektüre, zufällig aufgeschnappten Anekdoten usw. inspirieren. Ein Meister darin, Realität in Literatur zu verwandeln war übrigens Thomas Mann. All seine Romane und Novellen und die meisten seiner Figuren fußen auf dem „richtigen Leben“. Wenn man Manns Tagebücher liest, stellt man fest, dass er ständig Knies mit Verwandten oder Freunden hatte, die sich zu ihrer Überraschung als Figur oder mit einem Erlebnis in einem seiner Bücher wieder fanden. Nach der Lektüre des „Zauberberg“ hat beispielsweise Gerhart Hauptmann („Mijnheer Pepperkorn“ im Zauberberg) jahrelang nicht mit TM geredet.
Also: die klügsten Autoren haben die dicksten Notizblöcke!

Was ist Schreiben?

Viele Menschen, die in meine Kurse für Kreatives Schreiben kommen, verwechseln Schreiben mit inspiriert Sein. Sie erwarten von mir, dass ich Ihnen ein Geheimrezept verrate, mit dem sie sich am Schreibtisch in einen kreativen Rauschzustand versetzen können. Nach einigen Stunden möchten sie aus diesem Rauschzustand erwachen und zu ihrer Freude feststellen, dass sie in diesem Zustand kreativer Absence irgendetwas zwischen 4 und 10 Seiten geschrieben haben. Überraschenderweise kann das durchaus funktionieren.
Nur leider hat die Sache nicht nur einen, sondern sogar zwei Haken. Der erste: Es funktioniert - zumindestens bei mir und fast allen Kollegen, die ich kenne - allerhöchstens zwei- bis dreimal im Jahr. Der zweite: Es gibt kein Geheimrezept, um in diesen Zustand zu gelangen. Man kann sich nicht willentlich hineinversetzen. Der kreative Rausch kommt und geht, wann und wie er will.
Sollten Sie also vorhaben, regelmäßig zu schreiben, oder gar mit Schreiben ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sollten Sie sich unbedingt nach verläßlicheren Methoden umsehen. Einige werde ich Ihnen im Lauf der Zeit in diesem Blog vorstellen.