16.5.12

1, 2.. und 3!

Gerade hab ich mir verwundert die Augen gerieben. Auf boersenblatt.net steht ein kleiner Besinnungsaufsatz, der angeblich von Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, sein soll. Ich schreibe "angeblich", weil in diesem Artikel drei Thesen zum Urheberrecht aufgestellt werden, von denen die ersten zwei so vernünftig sind, dass an Skipis' Urheberschaft (haha!) zweifeln muss: keine User kriminalisieren, die zwei Seiten eines Romans auf Facebook stellen, Neujustierung der Kommunikation, keine Verbotsbotschaften mehr aussenden...
Spricht hier wirklich der Oberpropeller vom Börsenverein? Oder hat irgendjemand mit einem vollen Tassenschrank die Seite gekapert. Aber spätestens bei Punkt 3 können wir uns wieder sicher sein, dass die ollen Hardliner doch noch am Werk sind und nur mal kurz das Schafsfellchen anprobiert haben:
"Es wird höchste Zeit, die Provider in die Verantwortung dafür zu nehmen, dass Rechtsverstöße nicht weiterhin ungeahndet möglich bleiben. Die bisherige Do-nothing-Strategie grenzt schon an unterlassener Hilfeleistung für die vielen Urheber, die zunehmend in Not geraten."

Ja, nee, is klar. Ist doch der Alex mit seiner Horrorshow.

Jo Ito und das lästige geistige Eigentum

Gerade gesehen: beim "Standard" steht ein Interview mit Jo Ito, Direktor am Media Lab des MIT. Ito als Wissenschaftler hätte das geistige Eigentum gern abgeschafft, weil es ihn und andere Wissenschaftler bei der Arbeit stört. Natürlich argumentiert er wieder von der Warte des mit einem gepflegten Monatsgehalt ausgestatteten leitenden Angestellten, der die finanzielle Situation eines freiberuflich tätigen Künstlers vermutlich gar nicht vorstellen kann:
"Patente sind eine im Grunde genommen gute Idee mit finanziellem Fokus. Aber ich erkenne immer wieder, wie Patente und Copyrights dazu beitragen, den Fortschritt zu verzögern."
Als der Interviewer ihn nach den Konsequenzen seiner Forderungen für Kunst und Kultur fragt, fallen ihm - für mich nicht unerwartet - als erstes die Farben seiner Nike-Turnschuhe ein. Und schließlich fällt auch der Satz, der in diesen Debatten früher oder später immer fällt:
"Heute kann jeder Einzelne als Künstler, Erfinder, Produzent und Distributor auftreten."
Kann er letztlich nicht. Nur weil die technischen Vorraussetzungen gegeben sind, kann nicht jeder plötzlich alles werden. Zum Künstler wird ein Mensch durch Talent, Ausbildung und Hingabe, nicht durch Expertise im Umgang mit Software und sozialen Netzwerken.
Und wenn jemand ein hervorragender Künstler ist, dann heißt das noch lange nicht, dass er gleichzeitig ein ebenso hervorragender Produzent oder Distributor sein kann. Oder muss. Ein Künstler muss die Gelegenheit haben, sich auf das zu konzentrieren, was er am Besten kann. Und was er tun will (ja, so entsteht letztlich Kunst: wenn ein Künstler das tut, was er will!). 

Ein Mensch der das tut, was irgendeinem MIT-Prof gerade durch den Kopf schießt, ist vermutlich dessen Assistent. Aber mit Sicherheit kein Künstler.

Buchbranchen-Jobbörse schließt

Leander Wattig hat notgedrungen die kostenlose Buchbranchen-Jobbörse geschlossen, weil er von einer Abmahnung bedroht war. Jemand, der ein vergleichbares kostenpflichtiges Angebot unterhält, fühlte sich wohl "als Wettbewerber bedroht".
Darf doch alles nicht mehr wahr sein.

Ahnung vom Netz

"Nicht das Netz ignoriert die Urheberrechte, sondern die Autoren haben keine Ahnung vom Netz. Zeit, dass sie sich damit befassen."
Thierry Chervel hat einen sehr, sehr lesenswerten Text zur aktuellen Netz/Literatur/Urheberrecht/Wasauchimmer-Debatte geschrieben: "Die schöne Seite der Kostenlosmentalität"

Hört doch mit der Lügerei auf!

In beinahe jeder öffentlich geführten Diskussion, die sich um die Themen Urheberrecht Nutzungsrechte oder E-Book-Preise dreht, meldet sich früher oder später irgendein Angehöriger der Verlagsbranche und weist auf irrsinnige Kosten für irrsinnigen Aufwand bei der Erstellung von E-Books hin. Der Grund für diese idiotische Lügerei entgeht mir komplett. Der Buchsatz für ein E-Book ist wesentlich unkomplizierter und unproblematischer als für ein gedrucktes Buch. Mit irgendeiner Textverarbeitung (Word, Open Office, Libre Office) und dem kostenlos erhältlichen Programm "calibre" nutzt, hat man ein Manuskript von 200 Normseiten in ein bis zwei Stunden in ein professionelles E-Book umgewandelt. Sogar bei libreka, dem Treppenwitz dem E-Book-Dingenskirchens des Börsenvereins steht mittlerweile, wo man relativ preisgünstig (32 Cent pro Seite) ins E-Book-Format konvertieren lassen kann.
Dieses lügenhafte Rumgejammer, das sich mit einer 10sekündigen Google-Recherche entlarven lässt, ist einfach nur blödsinnig. Ehrlichkeit den eigenen Kunden und Autoren gegenüber wäre deutlich sinnvoller. Und mittelfristig sicherlich profitabler.

19.11.11

Das Missverständnis

Auf der Suche nach einem fantastischen Plot für eine Farce/Groteske/Komödie? Der Tagesspiegel liefert einen. In der heutigen Ausgabe steht unglaubliche Geschichte, die absolut beispielhaft die Prämisse alles Komischen "Something must go wrong" erfüllt.
Der Pilot einer Linienmaschine schließt sich auf dem Klo ein, kurz bevor die Vorbereitungen zum Landeanflug beginnen müssen. Er hämmert gegen die Tür, ein Passagier bemerkt das und geht zum Cockpit, um den Co-Piloten zu verständigen. Der stört sich am ausländischen Akzent des Passagiers und meldet an den Tower "Pilot verschwunden, Passagier mit arabischem Akzent versucht, ins Cockpit einzudringen." In der Wirklichkeit ist es dem Piloten relativ bald gelungen, die Toilettentür einzutreten und das Missverständnis aufzulösen, in einer Komödie müsste man natürlich noch eine ganze Weile an der Missgeschick-Schraube drehen...

5.10.11

Die Zukunft ist digital

Ich habe erst vor ein paar Monaten mit Bloggen angefangen. Es ist klar, dass ich langsam lerne. Aber viele Autoren tun immer noch so, als würde das Internet nicht existieren. Einige werden sicherlich zusehen müssen, wie ihre Karrieren deswegen den Bach runtergehen. Eine Tatsache scheint mittlerweile unbestreitbar: Die Zukunft des geschriebenen Worts liegt  (größtenteils oder völlig) im digitalen Bereich.


Sam Harris
(mehr bei The Daily Beast)

16.9.11

Riesen-Idee

Eine ganz große Idee für ein Drehbuch und/oder Theaterstück, meinetwegen auch einen Roman stand heute im Tagesspiegel: Ein Ehepaar kommt mit dem Wagen in einen Ort, parkt und bleibt im Auto sitzen. Nachts schlafen sie in einem kleinen Hotel, ansonsten sitzen sie im Auto, dass sie nur verlassen, um gelegentlich die Toilette aufzusuchen.
Sie sind nicht verrückt, sie sind vielleicht ein wenig seltsam, aber sie machen nichts Verbotenes: sie sitzen einfach nur in ihrem Auto. Und die ganze Ortschaft gerät über die Frage, was die beiden eigentlich bezwecken, außer Rand und Band. Freunde verfeidnen sich, Verschwörungstheoretiker schmieden schräge Allianzen, die Politik schaltet sich ein, eine Bürgerwehr gründet sich, Hobby-Ermittler kommen sich gegenseitig in die Quere.
Und nach neun Tagen fährt das Ehepaar einfach weg. Und hinterlässt ein rauchendes Trümmerfeld.

16.2.11

Hinweis in eigener Sache: Last Commander Standin'

Den Berliner Lesern von "Über Schreiben" ans Herz gelegt: “Last Commander Standin’”, die Rock-Revue aus Berlin läuft ab heute, Mittwoch den 16.2. bis Sonnabend, den 19.2., jeweils Uhr in der UFA-Fabrik in Berlin Tempelhof.



Commander Jack Chickenhunter bringt den Rock’n Roll nach Berlin, fängt ein Verhältnis mit der goldenen Frau auf der Siegessäule an und lässt es gewaltig krachen. Straighter, überlauter Gitarrenrock bis der Arzt kommt. Ich hab das Buch für die Revue geschrieben und Regie geführt.

11.2.11

Die Krise des Lektorats

Dass viele Verlage in Deutschland seit Jahren gern am Lektorat sparen, ist bekannt. Lektorate werden "outgesourced", d. h. an Freelancer vergeben, die oftmals so schlecht bezahlt werden, dass sie die Sorgfalt und Genauigkeit, die man früher mit dem Begriff "Lektorat" verband, nicht mehr walten lassen können oder wollen. Auch von vielen Lektoren, die noch in Festanstellung in Verlagen arbeiten, hört man vom Kostendruck, unter dem die Qualität der Bücher letztlich leidet. Sorgfalt und Genauigkeit (ich weiß, ich wiederhole mich) kosten Zeit, Zeit ist (scheinbar) Geld, und Geld gibt die Verlagsleitung ungern aus.
Und das ist nicht nur hier so. Das ist anscheinend überall so, wie ich einem ganz ausgezeichneten Artikel aus dem "Guardian" entnehmen muss.